Bundeswehr - das unbekannte Wesen
Autor:
Jürgen Dreifke Zweite
Auflage April 2023
Wenn man sich einmal die
Mühe macht, die Schlagzeilen in den unterschiedlichsten Medienplattformen in
einer Woche auszuwerten, wird man wohl feststellen, dass sich die Masse der
Botschaften auf Bereiche ausrichtet, die man unter den Oberbegriffen Fürsorge,
Wohlstand oder Unterhaltung subsummieren kann. Das war auch im
Bundestagswahlkampf 2021 so. Er drehte sich um Pandemiebewältigung, den Umgang
mit dem Klimawandel, soziale Sicherheit, technologische und ökonomische
Entwicklung, etwas weniger um Fragen der inneren Sicherheit und Migration. Eine
der ursprünglichsten Aufgaben des Staates gehörte offensichtlich nicht dazu:
die Sicherung des Friedens und der äußeren Sicherheit. Die wurde immer noch
als selbstverständliche Gegebenheit betrachtet, obwohl sich außerhalb unserer
europäischen Wohlstandsgrenzen Konflikte auftürmen und wenig demokratische
Potentaten ihrer Machtpotentiale beständig vergrößern. Diese schmerzliche
Erfahrung trifft uns in diesen Tagen des russischen Angriffs auf die Ukraine
mit besonderer Macht. Militär ist auf unserem Globus allgegenwärtig, ist in unseren Köpfen aber nur in Ausschnitten präsent: man
assoziiert damit vor allem Rüstung mit hohen Kosten und Risiken. Das Bild des
Militärs ist medial sicherlich auch stark geprägt von Dokumentationen über die NS-
Zeit und die Weltkriege. Beliebt scheinen auch ausländische Produktionen, in
denen oft eine patriotische Überhöhung der Streitkräfte überwiegt. Hätte man vor
2022 auf der Straße Bürger nach ihrem Bild des Militärs in Deutschland befragt,
wären wahrscheinlich Schlagworte wie Drohnen, Rüstungsskandale,
Rechtsextremismus, und Rückschläge bei Auslandseinsätzen genannt worden,
vielleicht aber auch positive Wahrnehmungen bei der Katastrophen- und
Pandemiehilfe erwähnt worden.
Bei
Meinungsumfragen schneidet das Ansehen der Bundeswehr gar nicht so schlecht ab,
aber das Sachwissen hält sich in Grenzen. Die Politik
bekennt sich regelmäßig zur Bundeswehr und ihren Soldatinnen und Soldaten,
unlängst auch im Koalitionsvertrag der neuen „Ampelregierung“, diskutierte
aber sehr wenig über ihren Auftrag und ihre Struktur. Es ging
vorrangig um den Schutz der Soldaten im Einsatz, aber nicht um den
Einsatzerfolg der Truppe. Diskutiert wurde nur das Reizthema der
Bewaffnung von Drohnen. Da gewinnt man gelegentlich den Eindruck, als sei das
eine Kernfrage der deutschen Sicherheit. Strategische Debatten im Bundestag
werden immer wieder gefordert, finden aber nicht statt, obwohl im
Verteidigungsministerium regelmäßig neue Grundsatzpapiere veröffentlicht
werden.
Für Interessierte gibt es
durchaus ein umfassendes Angebot von Foren und Medien, wo sie sich
informieren und debattieren können. Diese „sicherheitspolitische Community“ in
der Wissenschaft, Politik und Publizistik gibt es in zahlreichen Vereinigungen
und kommt gelegentlich auch in der Berichterstattung zu Wort. Hin und wieder
gewinnen einzelne Experten sogar als gelegentliche Interview- und
Talkshowpartner ein öffentliches Gesicht, aber ihre Anliegen erreichen kein
breites Publikum, weil den Normalbürger diese Themen lange nicht interessierten,
solange er davon nicht persönlich berührt ist. Das
war in Zeiten der Wehrpflicht und der großen Kontroversen um die nukleare
Abschreckung in den 50er und 80er Jahren anders.
Man muss auch feststellen, dass sich Publikationen und offizielle
Dokumente zur Verteidigungspolitik oft einer gedrechselten akademischen Sprache
und vieler „neudeutscher“ Begriffe bedienen, welche die Öffentlichkeit wenig
ansprechen.
Viele bekannte militärische Termini werden durch neue
unverständliche Formeln ersetzt. Diese Diktion liegt leider im Trend einer sich
vom Normalbürger immer mehr entfernenden progressiv und elitär eingestellten
Kommunikation, die im Detail aber wenig griffig ist.
Es ist zu
befürchten, dass wir aus unserer Ignoranz gegenüber der Sicherheitspolitik
durch krisenhafte Veränderungen an unserer Peripherie in absehbarer Zukunft schlagartig
herausgerissen werden, dann aber möglicherweise genauso unvorbereitet
überrascht sind, wie das bei der Corona-Pandemie der Fall war. Dieser Fall ist nun wenige
Tage nach Fertigstellung des Manuskripts eingetreten.
Der Textautor
möchte hier jetzt aber nicht die Rolle einer Kassandra übernehmen und sich im
Lamento über die Fahrlässigkeit und geringe Resilienz einer kurzsichtigen Wohlstandsgesellschaft
ergehen, die dem sicheren Untergang geweiht scheint. Es geht um einen positiven
Ansatz, nämlich der Vermittlung eines Basiswissens über den Auftrag und
die Struktur der Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland. Im
Mittelpunkt stehen die Fakten. Es geht nicht um Werbung oder Vermittlung einer
spezifischen Perspektive. Allerdings können persönliche kritische Bemerkungen
hier und da nicht unterbleiben, vor allem wenn der Tenor der offiziellen
Selbstdarstellung von BMVg und Politik eine Leistungsfähigkeit vermittelt, die
hinter den Anforderungen der Bedrohungsrisiken zurückbleibt.
Wenn hier oft von
Befähigungen zum Kampf mit großer Selbstverständlichkeit gesprochen wird,
handelt es sich grundsätzlich immer um den Verteidigungs- und
Friedensauftrag zur Kriegsverhinderung durch militärische Vorsorge! Militärische
Fähigkeitsprofile müssen erworben und erhalten werden, damit sie gar nicht erst
eingesetzt werden müssen. Gäbe es sie für uns nicht mehr, wären die
internationalen Verwerfungen unkalkulierbar.
Bei dieser
Darstellung wird davon ausgegangen, dass die meisten Bürger zuerst einmal an
dem interessiert sind, was die Bundeswehr an Fähigkeiten sichtbar und greifbar
auf die Beine stellen und präsentieren kann. Dabei können Prozesse und
Strukturen, die im Hintergrund wirken und dieses Fähigkeitsprofil überhaupt
ermöglichen, erst einmal nicht im Blickfeld stehen. So wird man hier wenig
über Führungs- und Planungsprozesse, Personalwesen, Rüstung und Technologie,
Ausbildung, Erziehung, Infrastruktur und Rechtswesen erfahren. Beispielsweise
wären Soldatengesetz, Wehrbeschwerdeordnung oder das Gesetz zur Anwendung
unmittelbaren Zwangs als Rechtsgrundlage soldatischen Handelns nicht in
Randbemerkungen abzuhandeln. An einigen Stellen werden weiterführende Aspekte
in kleinen Exkursen angeschnitten. In einschlägigen Handbüchern, wie dem
Handbuch der Bundeswehr aus dem CPM-Verlag, aber zu einigen Gebieten auch in dem
klassischen Handbuch für den Soldaten, dem „Reibert“, wird man dazu mehr
erfahren. Da sollte man aber immer auf die aktuelle Auflage achten.
Für weitergehende
Informationen empfehlen sich auch die Fachzeitschriften „Europäische
Sicherheit und Technik“, der „Hardthöhenkurier“, das Reservistenmagazin
„Loyal“, Thomas Wiegolds Blog „Augen geradeaus“ und die Podcasts von
„Sicherheitshalber“ und der NDR-Hörfunkreihe „Streitkräfte und Strategien“. Bei
den aktuellen Regierungsdokumenten sei auf das in der letzten Legislaturperiode
von Generalinspekteur Zorn und der vormaligen Ministerin Kramp-Karrenbauer
vorgestellte Eckpunktepapier vom Mai 2021 hingewiesen. Meldungen im Die
dort vorgestellten Strukturveränderungen wurden von Ministerin Lamprecht
allerdings erst einmal auf Eis gelegt. Hier ist allerdings durch
Verteidigungsminister Boris Pistorius jetzt eine neue Dynamik entstanden.
Technologische
Herausforderungen und Trends können bei der Vorstellung einiger
Bundesswehrstrukturen nur kurz skizziert werden. Das erfordert eine umfassende
sicherheitspolitische Betrachtung und Bewertung, der den Rahmen einer Übersicht
über die Bundeswehr, als „weitgehend unbekanntes Wesen“ sprengen würde.
Motivation für diese
Ausarbeitung bleibt folgende Feststellung: Die Bewahrung eines Friedens in
Freiheit bleibt neben dem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen, sozialer
Sicherheit, Bildung und Fortschritt ein nach wie vor ein unverzichtbarer und
gleichrangiger Auftrag unseres Staates und unserer Gesellschaft. Dazu gehören
Zusammenarbeit und Dialog, wo immer möglich, aber auch die Bereitschaft und
Fähigkeit, jeder Drohung mit Gewalt entgegentreten zu können, wenn es
unvermeidbar ist. Hegen wir die Hoffnung, dass uns dies durch umsichtige
Politik und Vorsorge erspart bleibt und der Fortschritt auf unserem Globus noch
eine Chance hat.
Kurz nach
Fertigstellung des Manuskripts wurde die sicherheitspolitische Lage durch den
Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 grundlegend verändert und
durch das Bekenntnis von Bundeskanzler Scholz zur Zeitwende die Themen
Sicherheitspolitik und Bundeswehr in einen neuen Fokus gerückt.
Der Text entstand noch
unter dem Eindruck der im Wahljahr 2021 vorherrschenden Vergessenheit in Fragen
der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Hier ist mittlerweile eine
Umorientierung eingetreten, die allerdings mental noch von vielen
gesellschaftlichen und politischen Kräften nicht wirklich verarbeitet wurde.
Der Text wurde den laufenden Veränderungen
angepasst und liegt hier jetzt in der
Version von Juli 2024 vor.
Auftrag der
Bundeswehr:
Die Rechtsgrundlagen liefert das Grundgesetz
in einer nachträglichen Änderung in Artikel 87a:
„Der Bund stellt Streitkräfte zur
Verteidigung auf. Ihre zahlenmäßige Stärke und die Grundzüge ihrer Organisation
müssen sich aus dem Haushaltsplan ergeben. Außer zur Verteidigung dürfen die
Streitkräfte nur eingesetzt werden, soweit dieses Grundgesetz es ausdrücklich
zulässt ... .“
Der Kernauftrag ist zuerst einmal
eindeutig formuliert: Schutz Deutschlands und seiner Bürger vor einem
Angriff von außen. Daran hat sich nichts geändert. Allerdings sind die
Bedrohungen heute nicht mehr so eindeutig, wie man das damals noch gesehen hat.
Ein Angriff muss nicht automatisch in der Form erfolgen, dass feindliche
Truppen die eigenen Grenzen überschreiten und Bündnisgebiet besetzen. Die
moderne Technologie bietet viele Einwirkungsmöglichkeiten, um die
Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft lahmzulegen. Der Angriff kann also schon
im Cyberraum stattfinden und die sogenannte hybride Kriegführung kennt
viele Möglichkeiten, mit feindseligen Aktionen von nicht als Soldaten
kenntlichen eingeschleusten oder mit dem Gegner sympathisierenden Personen
Schlüsselstellungen und Schlüsselpersonen auszuschalten. Die militärische
Terminologie kannte immer schon die Formen des „verdeckten Kampfes“ mit „Störern“
und „Subversion“. Dazu gehört auch der
Propagandakrieg mit Desinformation durch „Fake News“, der einer bewaffneten
Aggression vorausgehen kann. Maßgeblich für einen Verteidigungsfall, der
vom Bundestag festgestellt werden muss, ist aber das Vorliegen einer Aggression
von außen. Das wäre dann klare Aufgabe der Bundeswehr. Alle anderen Einsätze
gegen Störungen der inneren Ordnung sind Aufgaben der Polizei bzw. der
Innenministerien in Bund und Ländern. Allerdings besteht hier eine Grauzone,
wenn sich ein Aggressor der vielfältigen Wirkungsmöglichkeiten einer hybriden
Kriegführung bedient und nicht eindeutig als äußerer Gegner zu identifizieren
ist. Gerade im Netz ist oft nicht deutlich, „wer den Säbel“ führt und woher die
Cyberattacke kommt und ob die Bundeswehr da überhaupt tätig werden oder gar
offensiv gegen den Verursacher tätig werden darf. Diese heiklen Fragen werden in der
politischen Diskussion aber eher gemieden. Die Verfassungsregelungen für den Verteidigungsfall gehen
noch von dem klassischen Bild eines groß angelegten Angriffs von außen aus und
passen nicht mehr so recht zu den verdeckten schleichenden Abläufen in einem
hybriden Kriegsbild, wo auch die innere und äußere Sicherheit nicht mehr klar
zu trennen sind, da die Bedrohung nicht mehr nur von Kombattanten ausgeht.
Bei der Aufstellung der
Bundeswehr und Einführung der Wehrpflicht Mitte der Fünfzigerjahre durch
die Regierung Adenauer wurde das Grundgesetz unter Einbeziehung der
Opposition der Sozialdemokraten mit 2/3 Mehrheit geändert. Dabei spielte
natürlich eine Einschränkung der Machtposition der künftigen Armee im Staate
eine wichtige Rolle. Man wollte sicherstellen, dass die Bundeswehr auf den
Verteidigungsauftrag beschränkt blieb und andere Aufgaben im Inneren, wie
sie Streitkräfte auch in demokratischen Staaten in Einzelfällen durchaus wahrnehmen,
für sie tabu waren. So sind in Frankreich oder Belgien nach Terroranschlägen
patrouillierende Soldaten zur Unterstützung der Polizei kein Thema und nach dem
Sturm auf das US-Kapitol im Januar 2021 musste die National Garde das Terrain
räumen. In Deutschland wären solche Militäreinsätze im Inneren undenkbar.
Die
Einengung auf den reinen Verteidigungsauftrag hat sich im Laufe der Jahrzehnte aber
auch in der Bundesrepublik nicht durchhalten lassen. Schon bei
der Sturmflutkatastrophe 1962 wurde die Bundeswehr in der Not der Stunde ohne
gesetzliche Regelung bei der Katastrophenhilfe eingesetzt. Mit einer
Verfassungsänderung durch eine große Koalition mit den sog. Notstandsgesetzen
von 1968 gab es den Versuch, Vorsorge für den Fall zu treffen, dass ohne den
Einsatz von Streitkräften die demokratische Ordnung im Inneren nicht mehr
aufrechterhalten werden kann (Artikel 87b). Die komplizierten
verfassungsrechtlichen Regelungen für diese Ausnahmefälle haben bisher in der
Geschichte der Bundesrepublik keine Bedeutung gehabt und werden hier auch nicht
ausgeführt. Letztlich bleibt auch in extremen Notstandslagen die
Entscheidungsgewalt bei den demokratischen Staatsorganen bzw. bei einer Art
Notparlament.
Die Rolle der Bundeswehr bei
der Katastrophenhilfe war im Rahmen des Art. 35 als Amtshilfe
geregelt und sollte kein Problem mehr darstellen. Schwieriger wurde es, als in
den neunziger Jahren das wiedervereinigte Deutschland sich nicht länger bei internationalen
Kriseneinsätzen heraushalten konnte. Der Art. 24 des Grundgesetzes
hatte schon von Anfang an die Möglichkeit eingeräumt, die nationale Sicherheit
im Rahmen einer kollektiven internationalen Organisation anzustreben. Dass
Landesverteidigung nur als Bündnisverteidigung innerhalb der NATO denkbar war,
gehörte von Anfang an zu den Prinzipien der Bundeswehr. Das Bundesverfassungs-gericht
räumte in seiner Rechtsprechung ab 1994 nun auch die Möglichkeit der
Beteiligung an internationalen Friedenseinsätzen ein unter der Maßgabe, dass der
Bundestag diesen zustimme. Der seit den 90er Jahren gängige Begriff der Parlamentsarmee
beschreibt aber eigentlich einen Rechtszustand, der von Anfang an
Gültigkeit besaß. Das Parlament hat das letzte Wort in Sachen Verteidigung.
Es bestimmt über den Umfang und die Grundstruktur der Streitkräfte. Der Verteidigungsausschuss
und der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages beraten über die
grundlegenden Beschaffungsvorhaben und den Haushaltsplan, hier insbesondere den
Einzelplan 14 für das Verteidigungsressort, die dann dem Bundestag zum
Beschluss vorgelegt werden. Daneben verfügt der Deutsche Bundestag mit dem Amt
des Wehrbeauftragten über eine besondere Einrichtung zur Kontrolle der
Streitkräfte mit zahlreichen Kompetenzen zur Beobachtung der inneren Lage der
Streitkräfte.
Durch den Terrorismus
kam seit der Zerstörung des World Trade Center in New York 2001 die Frage eines
möglichen Einsatzes der Bundeswehr im Inneren wieder in die Diskussion.
Auch hier hat am Ende die Rechtsprechung des Bundesverfassungs-gerichts 2005
eine Möglichkeit gesehen, die Streitkräfte zur Unterstützung der Polizei in extremen
Terrorlagen hinzuzuziehen. Da ist allerdings Raum für Interpretationen, die
sich je nach der politischen Couleur der Regierungen unterscheiden dürften. Ein
Luftsicherheitsgesetz und Seesicherheitsgesetz, wo in Extremlagen ein
Abschuss für Terrorzwecke gekaperter Maschinen für denkbar gehalten wurde, kamen
nicht zustande.
Die Bundeswehr wäre bei der Wahrnehmung von
Polizeiaufgaben in Notstandslagen, wie auch in der gängigen Einsatzpraxis bei
der Katastrophenhilfe keine selbstständig handelnde Größe, sondern agiert
zur Unterstützung der zivilen Organe und richtet sich nach deren Weisungen.
Die Erfahrung vergangener Katastrophen zeigt aber auch: Je schlechter die
zivilen Katastrophenschützer vor Ort aufgestellt sind, desto mehr nimmt die
Rolle des Militärs zu. Im Übrigen gilt der Grundsatz von der Verhältnismäßigkeit
der Mittel. Über die Straße rollende Panzerkolonnen in einer
Bürgerkriegslage mögen die Narrative pazifistischer Mahner beflügeln, hätten
aber wenig mit der Wirklichkeit zu tun. Die Bundeswehr ist wie Polizei und
Verwaltung ein Teil der demokratischen staatlichen Exekutive und genießt hier
in der Öffentlichkeit auch weitgehend Respekt. Von vereinzelten Stimmen
abgesehen, hat niemand in den letzten beiden Jahren den Einsatz Zehntausender von
Bundeswehrsoldaten in der Corona-Amtshilfe infrage gestellt und die Betrauung
eines Generals mit der Führung des Corona-Krisenstab der neuen Regierung
unterstreicht nur diesen Gesinnungswandel. Kritik an einem Ausufern dieser
Amtshilfe, wie sie jüngst die Wehrbeauftragte äußerte, entspringt keinem
Misstrauen, sondern eher der berechtigten Sorge, dass der Kernauftrag der
Bundeswehr unter dieser Inanspruchnahme leiden könnte.
Zum Verhältnis von
Bundeswehr und Recht ein grundsätzliches Wort: Die demokratische
Rechtsordnung hat nur so lange Bestand, wie die Souveränität der Bundesrepublik
im Rahmen ihrer Bündnisse sichergestellt ist. Die Grundrechte lassen sich
nicht mit Grundsatzurteilen weltweit durchsetzen. Aggressoren werden nicht
durch einstweilige Verfügungen gestoppt. Über Rechtsnormen besteht global
gesehen durchaus kein Konsens. Die "systemischen" Herausforderer des
Westens und der Werte unseres Grundgesetzes sind sehr präsent. Deutschland muss
Kooperation vor allem mit Taten pflegen und sich im weltweiten Kräftespiel und
Wettbewerb behaupten. Alle Grundrechte und Urteile sind nur noch Papier,
wenn diese Souveränität nach außen und innen nicht mehr geschützt werden kann
und die Regierenden und ihre Bürger ohnmächtig oder unwillig geworden sind,
diesen Rechtsstaat noch zu schützen. Sei es, dass man sich dem Einfluss fremder
Mächte aus Ohnmacht nicht mehr widersetzen kann oder die Bürger nicht mehr
hinter der freiheitlichen Ordnung stehen, um diese noch mit Worten und Taten zu
verteidigen.
Es wäre allerdings unrealistisch, den Auftrag
der Bundeswehr nur mit Paragrafen der Verfassung zu beschreiben. Der Auftrag
hat zugleich eine politische und militärische Dimension. Bei der
Aufstellung der Bundeswehr Mitte der Fünfzigerjahre hatten die westalliierten
Bündnispartner vor allem militärische Motive. Man benötigte schlichtweg
zahlreiche deutsche Soldaten, die im Bündnis mit den Partnern auf westdeutschem
Boden einem Angriff der Sowjetunion und ihrer damaligen "Satellitenstaaten“
standhalten sollten. Das war der primäre Verteidigungsauftrag, der so bis
zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 bestanden hat. Gleichzeitig verfolgte
man durchaus das politische Interesse, den erstarkenden westdeutschen Staat in die
westliche Integration einzubinden und eine Sonderrolle zwischen Ost und
West zu verhindern. Nicht minder politisch war sicherlich das Motiv Adenauers, mit
dem Pfund einer 500.000 Mann starken Streitmacht bei den Partnern zu wuchern
und in der westlichen Politik ein Wörtchen mitreden zu können. Die Bundeswehr
war gewissermaßen die Eintrittskarte in den Westen und es sei die kühne
Behauptung getan, dass die meisten deutschen Politiker und Politikerinnen, das
bis heute immer noch so sehen und dass die Einsatzfähigkeit der Truppe dabei
nicht an erster Stelle steht! So war die Bundeswehr wohl eher geduldet als
geliebt, aber ihre Kritiker fanden sich spätestens dann mit ihr ab, wenn sie selber
auf der Bühne der internationalen Politik mitspielen und Regierungsverantwortung
tragen mussten. Das
Verhalten der grünen Spitzenpolitiker im Ampelkabinett in der Kriegssituation
seit Februar 2022 ist ein Musterbeispiel. Das muss allerdings nicht automatisch
auch einen Gesinnungswandel der Parteibasis nach sich
ziehen, da sie mit den Zwängen der Verantwortung weniger konfrontiert ist.
Hier noch ein kritisches Wort: In Fachkreisen
ist öfter zu hören, dass man in Berlin im Grunde kein wirkliches Interesse
an einer voll militärisch einsatzfähigen Armee habe. Auf überschaubare
Module beschränkte Einsatzkontingente für NATO, EU und UN sollen die politische
Kooperationsbereitschaft signalisieren, eine umfassend in Breite und Tiefe
nachhaltig verteidigungsfähige Armee stehe aber nicht auf der politischen Agenda.
Da hat es unter der letzten Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer eine
Trendwende gegeben und die volle Einsatzfähigkeit durfte wieder gedacht und von
den militärischen Planern auch konzipiert werden. Nun muss man sehen, wie die neue Führung
des Verteidigungsministeriums nach der wenig innovativen anderthalbjährigen
Amtszeit von Frau Lamprecht mit den offenen Forderungen nach einer
strukturellen Erneuerung umgeht. Planungspapiere sind in der Vergangenheit
schon zur Genüge geschrieben worden. Die politische Führung
und das öffentliche Meinungsbild in Deutschland betrachteten bisher einen
realen militärischen Einsatz in der Bündnisverteidigung gemäß Art. 87 wohl als
Tabu! Lieber inszenierte man sich öffentlich als fürsorglicher Anwalt der
Soldatinnen und Soldaten als außerhalb der Konferenzsäle für einen wirksamen NATO-Beitrag
einzutreten!
Weitere Gesichtspunkte bei der Gestaltung der
Bundeswehr sind beim Blick auf die deutsche Verteidigungspolitik unübersehbar: Oft
dominiert Industrie- und regionale Strukturpolitik, aber auch die Besiegelung
der deutsch-französischen Allianz durch kostspielige Rüstungskooperationen
wie das künftige Future Combat Air System, bei denen der militärische Nutzen
erst an zweiter Stelle steht. Zu selten wird gefragt, ob militärische Aufgaben
mit Abstrichen an der Hochtechnologie zu geringeren Kosten, aber mit mehr
marktverfügbaren Systemen auch noch zu leisten wären. Mit großer
Selbstverständlichkeit fordert ein Ministerpräsident, dass künftige
Nachfolgemodelle für die Luftwaffe aus Deutschland, genauer aus Bayern, zu
kommen hätten, ohne auf die militärtechnischen und taktischen Gesichtspunkte
einzugehen. Ähnliche politische Einflüsterungen in Stationierungsfragen
verhinderten nach 1990 eine dauerhafte Militärreform aus einem Guss.
Wenige Wochen nachdem diese Zeilen
formuliert wurden, musste Deutschland sicherheitspolitisch aufwachen, als
Russlands Präsident Putin seine Truppen in die Ukraine Ende Februar 2022
einmarschieren ließ und diese, völlig unerwartet, heftigen und bislang
erfolgreichen Widerstand leistete. Angesichts der ebenfalls unerwarteten harten
Reaktion des Westens mit rigiden Sanktionen und Verlegung der schnellen
NATO-Eingreifkräfte in die osteuropäischen Partnerstaaten drohte Putin auch mit
den nuklearen Potentialen Russlands. In Deutschland führte dies zu einer
unerwarteten Neubestimmung des sicherheitspolitischen Kurses mit der
Ankündigung von Bundeskanzler Scholz, ein durch weitere Verschuldung
aufgebrachtes, grundgesetzlich abgesichertes Sondervermögen in Höhe von 100 Mr.
€ zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit und Beseitigung der allzu
offensichtlichen Defizite der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr aufzubringen.
Beobachter der sicherheitspolitischen Landschaft in Deutschland trauten ihren
Augen nicht, aber gewisse Zweifel sind angebracht, ob die starken pazifistischen
Kräfte sich am Ende nicht doch durchsetzen. Bisherige Tabuthemen wie eine
territoriale Raketenabwehr und Bewaffnung von Drohnen wurden hastig
aufgegriffen und die Beschaffung des US-Tarnkappenflugzeuges F 35 für die
nukleare Teilhabe zur Ablösung der Tornado aus den 80er Jahren wurde wie
selbstverständlich verkündet, obwohl einige Jahre zuvor ein
Luftwaffeninspekteur nach einem diskreten Plädoyer für diese Maschine noch
seinen Hut nehmen musste.
Mögliche Aspekte, die sich aus diesem
Kurswechsel ergeben, sind nachträglich in diese Ausarbeitung eingefügt worden.
Verteidigungspolitischer Standort der Gegenwart
In der Gegenwart liegt der
Schwerpunkt des Bundeswehrauftrages wieder bei der Bündnis- und
Landesverteidigung im Rahmen der NATO. 2003 hatte es in den Verteidigungspolitischen
Richtlinien des Verteidigungsministers Struck eine Schwerpunktverlagerung zu
internationalen Kriseneinsätzen gegeben, welche die Landesverteidigung aufgrund
der Lageeinschätzung in Europa als überholt einstufte. Dafür sollte es keine
planerische Vorsorge mehr geben! Dieser
grundlegende verteidigungspolitische Paradigmenwechsel war eine rein
administrative Entscheidung, die nicht im Parlament diskutiert wurde! Strukturen für den klassischen
Verteidigungsfall waren aufzulösen, die verbleibenden militärischen Fähigkeiten
wurden weiter reduziert und organisatorisch gebündelt. Die Bundeswehr wurde
zu einem „militärischen Werkzeugkasten“ aus dem künftig kleine Einsatzmodule für
Auslandseinsätze zusammengestellt und unterstützt werden sollten. Die zu diesem
Zeitpunkt noch in größerer Zahl zumindest auf dem Papier vorhandenen und mit
Gerät ausgestatteten Reserveeinheiten wurden bis ca. 2008 aufgelöst.
Dazu gehörten bis 2004 noch drei Reservebrigaden, zahlreiche logistische
Verbände, Pioniere und circa 47 nicht aktive Bataillonsformationen für den
Heimatschutz und ca. 30 für den Personalersatz. Auch aktive Truppenteile in den
Teilstreitkräften, darunter viele Flugabwehreinheiten der Luftwaffe, und etliche
Standorte wurden aufgegeben. 2012 verschwand sogar mit der Heeresflugabwehr
eine ganze Waffengattung. Umbau und Reduktion erfolgten in zwei Phasen mit
den Strukturentscheidungen der Jahre 2004 und 2011. Mit der der letzten
Strukturentscheidung war auch die Aussetzung der Wehrpflicht verbunden. Ihre
Abschaffung hätte allerdings einer grundgesetzändernden Zweidrittelmehrheit bedurft.
Auch wenn vordergründig politische und
organisatorische Begründungen in den Mittelpunkt rückten, waren letztlich Kosteneinsparungen
und die geringe Priorität der Verteidigung das bestimmende Motiv. Dies
geschah trotz aller Bekundungen zur Parlamentsarmee ohne strategische Debatten
im Bundestag! Um 2015 waren die Verteidigungsausgaben mit ca. 32 Mrd. € auf
unter 1,2 % des Bruttoinlandsprodukts bei einer Personalstärke von 175.000
Soldaten gesunken. Wie alle Reformen und Transformationen seit 1991 erwiesen
sich auch die letzteren als wenig zukunftssicher und wurden von der Zeit
schnell überholt. Die nach 2000 demontierte Verteidigungs-fähigkeit muss nun
wieder mühsam und mit hohen Kosten wiederhergestellt werden!
Hintergrund dieser Veränderungen, bei denen die
ursprünglich einmal hohe Befähigung der Bundeswehr zur Bündnisverteidigung aufgegeben
wurde, ist sicherlich eine mit den relativ erfolgreichen Balkaneinsätzen in
den 90er Jahren gewachsene euphorische Überschätzung der Friedensmissionen
im Ausland. Diese brachten der Bundeswehr neues Ansehen und waren mit hohen
Erwartungen an einen Beitrag zur Demokratisierung der politischen und gesellschaftlichen
Ordnung in Krisengebieten verbunden. Der Afghanistaneinsatz mit dem endgültigen
Scheitern des Westens 2021 offenbarte die harte Realität des Krieges auch in
Friedensmissionen und die Grenzen der humanitären Möglichkeiten. Die Zweifel
an der Krisenstabilisierung außerhalb Europas wuchsen, während sich gleichzeitig
die sicherheitspolitische Lage in Europa durch das Verhalten des wieder
erstarkten Russlands verschlechterte. Deutschland war eben nicht nur „von
Freunden umzingelt“ und die „Friedensdividende“ war zu früh ausgezahlt worden. Auf
dem Gipfel von Wales 2014 rückte die NATO-Bündnisverteidigung wieder an
die erste Stelle der militärischen Prioritäten.
Ganz im
Sinne der Ausrichtung auf Krisenstabilisierung demonstrierten 2005
Panzergrenadiere aus Ahlen den Einsatz mit einem Schützenpanzer Marder bei
der Eindämmung von Unruhen in einem fiktiven Kriseneinsatz. (Aufnahme:
Münster-Handorf 2005)
Ein Umsteuern wurde in den letzten
Legislaturperioden eingeleitet und ist mit den Ministerinnen von der Leyen und
Kramp-Karrenbauer verbunden. Der Verteidigungshaushalt wurde wieder aufgestockt
und überschritt 2021 die 50 Milliardengrenze mit einem BIP-Anteil von 1,45
%. Die Truppe wuchs zeitweise wieder auf fast 184.000, bewegt sich
gegenwärtig aber wieder nach unten. Allerdings stockt vor allem die „Trendwende
Gerät“ aufgrund großer Probleme bei den Rüstungsbeschaffungen und der
Einsatzbereitschaft, die vor allem unter dem Verzicht auf
Ersatzteilbeschaffungen und ausreichende Bevorratung in den mageren Jahren nach
der Finanzkrise 2008 gelitten hatte. Da man damals von der irrigen Annahme
ausging, dass für eine „Rekonstitution“ der Landesverteidigung zehn Jahre Zeit
bliebe, waren auch nicht mehr alle Truppenteile mit Gerät voll ausgestattet.
Die Truppenteile mussten sich im Rahmen, des mittlerweile offiziell wieder abgeschafften,
„dynamischen Verfügbarkeitsmanagements“ ihre Ausstattung für Übungen und
Einsätze bei anderen Einheiten ausleihen.
Eine grundlegende Veränderung der
Strukturen ist seit dem Antritt von Boris Pistorius als Verteidigungsminister
in Angriff genommen worden. Es wurden bei der Ausrüstung, Ersatzteilversorgung und Munitionsbevorratung
nachgesteuert (Ziel: 30-Tage-Vorrat), Personal aufgestockt und in
überschaubarer Zahl auch wieder einzelne Einheiten neu aufgestellt. Einige zur
Schließung vorgesehene Depots, Kasernen, Flugplätze werden weitergenutzt.
Das nach dem russischen Angriff vom
Bundestag beschlossene „Sondervermögen“ führte zu einer Reihe von
Beschaffungen, ist aber Ende 2024 auch ausgegeben und führte bisher noch nicht
zu einer dauerhaft im Haushalt abgesicherten
Konsolidierung des Verteidigungsetats von 2 und mehr % des BIP. . Durch
den schleppenden Beginn der „Zeitenwende“ war die Kaufkraft der 100-Milliarden
Spritze durch den Zinsanstieg besonders gefährdet.
Das offizielle, zum Teil nicht öffentlich
zugängliche Fähigkeitsprofil von 2018 sieht als Zielprojektion für einen
deutschen NATO-Beitrag um 2030 drei Heeresdivisionen mit acht Brigaden, die
Fähigkeit von 300 Luftwaffeneinsätzen pro Tag, 25 Kampfschiffe und 8 U-Boote in
See, eine Einsatzgruppe für Cyberkriegführung sowie Befähigungen von
Spezialkräften und im Weltraum vor. Für die Friedensstärke sahen die Planungen ab
2018 eine Aufstockung auf über 200.000 und einen Aufwuchs um bis zu 100.000
Reservisten im Kriege vor.
Den heutigen
Auftrag kann man mit folgenden Schlagworten umreißen: An erster Stelle steht
wieder die Bündnis- und Landesverteidigung, aber Beiträge zum internationalen
Krisenmanagement sind weiterhin gefordert. Dafür müssen ggf. bestimmte Missionspakete
für die wieder auf Bündnisverteidigung ausgerichtete Truppenteile zur
Verfügung gestellt werden, wenn sie in einen Kriseneinsatz gehen, z.B.
geschützte Radfahrzeuge für ein in einem Krisengebiet eingesetztes
Panzerbataillon. Mit Priorität wird aber die Rückgewinnung der
Verteidigungsfähigkeit im Bündnis angestrebt. Viele Fähigkeiten wie das Gefecht der verbundenen
Waffen, die Mobilmachung und das operative Führen und Bewegen von großen
Truppenkörpern müssen neu erworben werden. Neben die klassische Bedrohung aus
der Luft tritt der Drohnenkrieg und am Horizont befürchtet man Veränderungen
der Kriegführung durch „starke künstliche Intelligenz“. Große Hoffnungen setzt
man auf Digitalisierung und vernetzte Gefechtsführung, sieht aber allmählich
auch die Gefahren der Abhängigkeit von der Technik. Zusätzlich gewinnen neue
Aufgaben und Einsatzräume wie Cyperspace und Weltraum hohe Aufmerksamkeit, ohne
dass die klassischen Aufgaben wie das Halten und Rückgewinnen von Räumen
aufgegeben werden können. Der Sanitätsdienst wird sich auf eine erheblich
höhere medizinische Versorgungsleistung einstellen müssen, wobei man
Anstrengungen für den zivilen Katastrophenschutz und den erhöhten militärischen
Bedarf im Bündnisfall miteinander abstimmen müsste.
Unverändert gilt die Verpflichtung zu
internationaler Kooperation in NATO, EU und UN. Der Beitrag der Bundeswehr zu
humanitären Hilfeleistungen steht natürlich auch nicht infrage. Mit den
Auslandseinsätzen und der Zunahme der Bürgerkriegsgebiete rückte auch die
Spezialaufgabe der Evakuierung deutscher Staatsbürger, zur Not auch mit
Gewalt, ins Blickfeld der Verteidigungspolitik. Es geht hier um Evakuierungen,
die gegen den Widerstand der Machthaber in den betroffenen Regionen erfolgen
müssen. Die Befreiung des entführten Lufthansajets „Landshut“ in Mogadischu 1977
durch ein Kommando des Bundesgrenzschutzes, also einer Polizeieinheit, hatte
das Einverständnis der lokalen somalischen Regierung vorausgesetzt und war
völkerrechtlich keine militärische Rettungs- und Evakuierungsoperation. Für militärische
Evakuierungen kämen Fallschirmjäger und vor allem das in den 90er Jahren
aufgestellte Kommando Spezialkräfte in Frage.
Da die hybriden Kriegsbilder in einem größeren
Konflikt auch militärische oder paramilitärische Gefährdungen auf dem eigenen
Territorium nicht ausschließen, ist seit etwa einem Jahrzehnt auch der Heimatschutz
auf deutschem Boden wieder in den Fokus gerückt. Zu diesem Zweck hatte man ab
2012 begonnen, nur wenige Jahre nach Auflösung der Heimatschutzbataillone, in
sehr viel geringerem Umfang Reservistenformationen in Kompaniegröße neu aufzustellen,
die von 30 Heimatschutzkompanien auf über 40 aufwachsen sollen. Deren primäre
Aufgabe wären nach einer Mobilmachung Sicherungsaufträge von wichtigen
Infrastrukturen im Verteidigungsfall. Vor einer Mobilmachung und im
Friedensbetrieb wird die Bundeswehr für Sicherungsaufgaben allerdings zuerst
einmal auf ihre Feldjäger (Militärpolizei) zurückgreifen.
In diesen Szenarien in der Heimat spielen
natürlich auch die Fähigkeiten des neuen Kommandos Cyberinformationsraum
eine Rolle. Zu seinem Spektrum gehört die Abwehr von feindseligen Operationen
im Netz und der Schutz der Informations-technologie der Bundeswehr, rechtlich
allerdings im Rahmen der Verfassungsregeln für den Verteidigungsfall und mit
Schnittstellen zu zivilen Organen für Cybersicherheit in den Innenministerien.
In dem Kommando gibt es auch ein Zentrum für operative Kommunikation, früher
einmal als psychologische Verteidigung bezeichnet, mit dem Auftrag zum Schutz
der Meinungsbildung in Truppe und Bevölkerung vor Propaganda und
Falschinformationen in einem Konflikt beizutragen.
In den Planungspapieren der jüngeren
Vergangenheit wird vehement eine verbesserte Einsatzfähigkeit und
Durchhaltefähigkeit der Bundeswehr gefordert und das Prinzip aus der Zeit des
Kalten Krieges gewinnt wieder neue Gültigkeit: „Kämpfen können, um nicht
kämpfen zu müssen“. Die Bundeswehr müsse mit der Masse „kaltstartfähig“
sein und ohne große Vorbereitung und Umorganisation in einen
Verteidigungseinsatz gehen können. Mittlerweile sind auch der Begriff
„Kriegstüchtigkeit“ und Äußerungen wie „Wir müssen siegen können, weil wir
nicht verlieren dürfen!“ in den jüngsten verteidigungspolitischen Richtlinien
kein Tabu mehr.
Lastenheft der
Bundeswehr
Einen Überblick über die Komplexität des Verteidigungsauftrages
kann das Schaubild „Lastenheft der Bundeswehr“ vermitteln. Die Grafik
veranschaulicht die Vielfalt der Aufgaben, die von der Bundeswehr heute im
Inland, in Europa und weltweit wahrgenommen werden müssen. Der zentrale
Bündnisverteidigungsauftrag würde mit aller großer Wahrscheinlichkeit in
einer räumlichen Distanz zur Heimat an der Peripherie des Bündnisses im
Osten wahrzunehmen sein. Die Kräfte dafür sind aber im Inland aus der
bestehenden Organisation aufzustellen. Alle Aufträge in Europa oder global
werden sind aus dem Inland heraus zu organisieren und mit Kräften zu
unterlegen.
Auch die Krisenstabilisierung in globalem Rahmen wird
künftig weiterhin zum Lastenheft der Bundeswehr gehören. Die zentrale Aufgabe
der Landmacht Deutschland ist natürlich die Befähigung zum Gefecht der
verbundenen Waffen in der Bündnisverteidigung außerhalb der eigenen
Grenzen und eingebunden in einen multinationalen Rahmen.
Raumübergreifend für alle Schauplätze gilt die Forderung nach Fähigkeiten zur
Luftverteidigung, Aufklärung, Kommunikation und logistischen Unterstützung. Eine
besondere Bündnisaufgabe besteht in der nuklearen Teilhabe am unteren
Ende der Abschreckungsleiter. Dabei stellt die Bundeswehr Jagdbomber als Trägermittel
für Atombomben unter US-Kontrolle. Diese Flugzeuge haben nur eine eurostrategische
Reichweite, die sich je nach Flugprofil im Bereich zwischen 1000 und 1500 km
und weniger bewegt.
Bei den Inlandsaufgaben hat die Sicherung militärischer und ggf.
auch ziviler Objekte im Kriege im Heimatschutz eine neue Priorität. Bei den maritimen
Aufgaben ist die räumliche Trennung zwischen der Teilhabe an der Sicherung
der Seewege im globalen Rahmen und Verteidigungsaufgaben im
Küstenvorfeld Deutschlands, vor allem in der Ostsee, besonders ausgeprägt.
Alle Teilstreitkräfte beteiligen sich an Einsatzkontingenten
der NATO als Daueraufgabe im täglichen Friedensbetrieb. Immer wichtiger
wird die Beteiligung an NATO-Einsätzen zur Rückversicherung der
osteuropäischen Partner, insbesondere in Litauen, aber auch die Beteiligung
an ständigen Einsatzgruppen zur See und Eingreifkontingenten zu Land oder
die integrierte Luftverteidigung im europäischen NATO-Gebiet. Große
NATO-Übungen mit deutscher Beteiligung finden wieder in angemessener Distanz
zur russischen Grenze in Europa statt, oft auch mit Aktivitäten auf deutschem
Boden. Hier spielt der Unterstützungsauftrag für alliierte Truppenverstärkungen
über das Transitland Deutschland eine große Rolle. Marine und Luftwaffe
stellen regelmäßig Einheiten für den Schutz des NATO-Luftraums und für die
Sicherung der Seewege in den Randmeeren, im Atlantik und Mittelmeer, oft auch
im Rahmen internationaler Mandate. Die Aufrechterhaltung der aufgelisteten
Fähigkeiten bestimmt den militärischen Grundbetrieb im Inland. Dabei
sind die Führung, aber auch die logistische Unterstützung jederzeit
sicherzustellen. Personal muss kontinuierlich geworben, ausgebildet und geführt
werden. Einsätze müssen geplant, Konzepte ausgearbeitet und neues Gerät
eingeführt und erprobt werden. Neben den realen Einsätzen muss die
Einsatzfähigkeit in verschiedensten Übungen unter Beweis gestellt werden.
Die Grundbefähigung muss in einem nennenswerten Beitrag
Deutschlands zum Schutz des NATO-Raums zu Lande, in der Luft, zur See und in
den neuen Dimensionen Cyberinformationsraum und Weltraum bestehen. Die Führung
erfolgt dabei in einem multinationalen Rahmen durch die Stäbe der NATO. Die
Operationen können nur in einem Verbund verschiedener Komponenten aller
Teilstreitkräfte und Organisationsbereiche erfolgreich sein. Die klassischen
Teilstreitkräfte sind Heer, Luftwaffe und Marine, zu denen man zusätzlich seit
der Bundeswehrreorganisation ab 2000 („Scharping-Reform“) die Organisationsbereiche
der Streitkräftebasis, des zentralen Sanitätsdienstes und seit 2017 des Kommandos
Cyberinformationsraums als eigene Strukturelemente aufgestellt hat. Diese neuen
Organisationsbereiche übernahmen Truppenteile, die vorher zu den alten Teilstreitkräften
gehört hatten. Sie verfügen, von einzelnen Abzeichen und Kopfbedeckungen
abgesehen, über keine eigene Uniform, d.h. Angehörige der Organisationsbereiche
tragen je nach ihrem persönlichen Werdegang die Uniformen von Heer, Luftwaffe
oder Marine! Im Einsatz müssen Kräfte aller Teilstreitkräfte und
Organisationsbereiche zusammenwirken. Dies Zusammenwirken betrifft auch die
verschiedensten Elemente innerhalb der Teilstreitkräfte/Organisationsbereiche.
Besonders ausgeprägt für das Zusammenwirken der verschiedenen Kräfte ist das traditionelle
Konzept des Gefechts der verbundenen Waffen im Heer, wo die
verschiedenen Waffengattungen wie Panzer, schwere oder leichte Infanterie,
Artillerie, Pioniere und Hubschrauber in einer abgestimmten Operation gemeinsam
eingesetzt werden.
Der Teamgedanke ist aus den genannten Gründen in der
Bundeswehr besonders ausgeprägt. Im Einsatz kann das eigene Leben von dem
Handeln der Kameraden abhängen.
Organisation der Obersten Führung
An der Spitze der Bundeswehr steht der amtierende
Verteidigungsminister, der als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt
gilt. In präsidialen Demokratien wie den USA und Frankreich liegt diese
Kompetenz des Oberbefehls beim Präsidenten. In Deutschland würde diese Funktion
dem Kanzler zufallen, wenn der Bundestag den Verteidigungsfall verkündet.
Blick
über den Appellplatz auf den Bonner Sitz des BMVg auf der Hardthöhe und die
Gedenkstätte des Bendlerblocks in Berlin, der zum Berliner Standort des BMVG gehört.
Dem Minister steht als erster militärischer Berater und höchster
Soldat der Bundeswehr, der Generalinspekteur zu Seite. Er ist
verantwortlich für den Entwurf einer militärischen Konzeption und höchster
militärischer Vorgesetzter aller Soldaten. Ihm stehen im Ministerium
Abteilungen für Führung und Planung zur Verfügung und ihm unterstehen auch die
sechs Inspekteure der Teilstreitkräfte/Organisations-bereiche.
Protokollarisch können in der NATO militärische Positionen durch
deutsche Soldaten besetzt werden, die in der Hierarchie als Viersternegeneral
oder Admiral auf gleicher Ranghöhe wie der Generalinspekteur stehen, wie als
Vorsitzender des Militärausschusses oder als Kommandeur des „Allied Joint Force
Command“ im niederländischen Brunssum.
Der Minister, seit einigen Jahren Ministerinnen, wird bei der
Führung der Bundeswehr im Verteidigungsministerium durch parlamentarische und
beamtete Staatssekretäre unterstützt. Auch hier sind weibliche Besetzungen
mittlerweile Normalität. Dies gilt auch für viele Führungspositionen in den
zivilen Teilen der Bundeswehr. Dienstränge in der Generalität sind außerhalb
des Sanitätsdienstes noch nicht von Frauen besetzt, da der Zeitraum seit der
Öffnung aller militärischen Verwendungen für Frauen für eine solche Laufbahn
noch zu kurz war.
Das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) an seinen
Standorten in Berlin und Bonn ist das höchste Führungsinstrument der
Bundeswehr. Ein Oberkommando der deutschen Streitkräfte bzw. einen Generalstab
im klassischen Sinne gibt es nicht. Das BMVg nimmt sowohl militärische
Führungsaufgaben als auch umfassende administrative Aufgaben war und stellt ein
sehr komplexes Gebilde dar, das hohe Anforderungen an die Führungs- und
Kontrollkompetenz des Amtsinhabers stellt. Aus diesem Grunde und angesichts des
geringen Stellenwertes der Sicherheitspolitik in der Bevölkerung gehört es
nicht unbedingt zu den Wunschämtern deutscher Politiker. Das Image als
„Schleudersitz“ ist bei genauer Betrachtung allerdings übertrieben. Die meisten
Amtsinhaber hatten das besondere Vertrauen des Regierungschefs (Hans Apel, Gerhard
Stoltenberg, Ursula von der Leyen, Annegret Kramp-Karrenbauer) und manche
konnten auch zu großem Ansehen in der Bevölkerung und in der Truppe gelangen
wie Helmut Schmidt, Georg Leber oder Peter Struck. Politiker wie Strauß oder zu
Guttenberg verloren ihr Amt wegen Verfehlungen, die nichts mit einem Scheitern
als Minister zu tun hatten. Dass ein ausgewiesener Verteidigungspolitiker, wie
Manfred Wörner im ersten Kabinett Kohl ins Amt kam, war eher die Ausnahme.
Ehemalige Offiziere machten allenfalls als Staatssekretäre Karriere.
Militärische Fachkompetenz ist im BMVg natürlich mit zahlreichen militärischen
Dienstposten vertreten. Angesichts der Vielfalt der Aufgaben (Führung, Planung,
Haushalt, Personal, Rüstung, Infrastruktur, Rechtsfragen etc.) ist ein Mix aus
militärischer und ziviler Fachexpertise unverzichtbar. In den früheren
Strukturen gehörten übrigens auch die Inspekteure der Teilstreitkräfte
als Abteilungsleiter zum Ministerium. Man wollte allerdings Doppelstrukturen im
Ministerium und bei den Kommandos der jeweiligen Teilstreitkraft vermeiden und
so hat man die Funktion der Teilstreitkraftinspekteure mit dem Kommando der
jeweiligen Teilstreitkraft bzw. Organisationsbereichs außerhalb des
Ministeriums vereinigt.
Eine besondere Herausforderung dürfte es sein, Doppelarbeit und
komplizierte Entscheidungsverfahren bei den zahlreichen Schnittstellen zwischen
BMVg und den verschiedenen Streitkräftekommandos bzw. nachgelagerten Ämtern zu
reduzieren. Zu bedenken ist auch, dass die Ressorts ja auch noch im Kanzleramt
mit einer eigenen Struktur gespiegelt sind. Auch dort sind Soldaten und Beamte
mit Verteidigungsfragen befasst, auch wenn sich die meisten Bundeskanzler nicht
durch besondere Initiativen auf verteidigungspolitischem Gebiet auszeichneten
und sich auf allgemeine Bekenntnisse zur Bundeswehr beschränkt haben.
Es versteht sich von selbst, dass eine enge Abstimmung zwischen
dem BMVg und dem Deutschen Bundestag, allen voran dem Haushaltsauschuss
und Verteidigungsausschuss, selbstverständlich sein sollte.
Die besondere Rolle des BMVg ist auch dem Primat der Politik
geschuldet und dies gilt erst recht für die Strukturen der Bundeswehr aus den
Aufbaujahren als man dem Militär in Öffentlichkeit und Politik mit großem
Misstrauen begegnete. Das Grundgesetz
gebietet ein Nebeneinander von Militär und ziviler Verwaltung, was
Entscheidungsprozesse nicht immer erleichtert. Die Beamten und Politiker legten damals großen
Wert darauf, gegenüber den Generälen das letzte Wort zu haben. Der
Grundgesetzartikel 87b schreibt ausdrücklich eine Trennung von militärischer
Organisation und ziviler Verwaltung vor und entsprang dem Misstrauen gegenüber
dem Militär in den Nachkriegsjahrzehnten. In den ersten Jahrzehnten der
Bundeswehr konnte man allerdings davon ausgehen, dass auch die „Zivilisten“ in
Ämtern und Parlamenten eine Vorstellung vom Militärischen hatten. Viele
gehörten noch zu der Generation, die den Krieg aus eigener Anschauung kannten
und oft auch Militärdienst hatten leisten müssen. In späteren Jahrzehnten
konnte man davon ausgehen, dass viele noch beim „Bund“ gewesen waren. Das ist
bei der heutigen Politiker- und Beamtengeneration so nicht mehr vorauszusetzen,
obwohl der Primat der Politik und das Prinzip einer Parlamentsarmee ihnen eine
besondere Verantwortung für einen Lebensbereich gibt, den sie in der Mehrheit
nicht mehr persönlich kennen. In der Regel kann man davon ausgehen, dass der
politische Nachwuchs in der Zivilgesellschaft mit vielen Politikfeldern schon
einmal Erfahrungen sammeln konnte. Kaum jemand wird sich für ein Mandat
bewerben können, ohne mit sozialen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder
kulturellen Themen nicht schon einmal in Berührung gekommen zu sein.
Militärfragen sind eher Neuland, in das man sich gründlich einarbeiten muss. So
ergibt sich die Struktur einer emsigen kleinen Schar von Verteidigungsexperten
der verschiedenen Fraktionen, die sich am Ende durch hohe Kompetenz in den
Ausschüssen und Arbeitskreisen auszeichnen, an der ihre Partei und Fraktion
aber in der Regel wenig Interesse zeigt. So findet Verteidigungspolitik in
Hinterzimmern und nicht in Debattensälen statt und manche Bemerkung
politischer Granden wirkt bei Kommentaren zu militärischen Themen gelegentlich
recht unbeholfen, wenn damit Klischees bedient werden, die sich an den alten
Zeiten orientieren. Aus dem Primat der Politik ergibt sich die Verantwortung,
dass sich Politiker in höchsten Staatsämtern in militärisch-strategisches
Denken versetzen und über den Tag und Parteien hinaus entscheiden können und
nicht mit diesem Handlungsfeld „fremdeln“!
Hinzu
kommt, dass Verteidigungsfragen nicht an die Bundeswehr „outgesourct“ werden
können, sondern eines ressortübergreifenden Ansatzes im Sinne einer
militärischen und zivilen Gesamtverteidigung bedürfen. Dass das nicht ohne
Reibungen verläuft, mag man an der Verzögerung eines Strategiepapiers ablesen,
das wohl aufgrund von Differenzen zwischen Kanzleramt und Auswärtigem Amt noch
immer nicht beschlossen worden ist. Die Forderung nach einem Nationalen
Sicherheitsrat, der alle Ressorts in zentralen Sicherheitsfragen koordiniert,
ist für viele Experten angesichts des Beharrens auf Mitsprache der föderalen
Instanzen und der koalitionspolitischen Machtstrukturen aussichtslos. Auch
sicherheitspolitische Entscheidungen werden immer wieder nach tagespolitischen
Befindlichkeiten getroffen, wobei der Kanzler am Ende die verschiedenen
Interessenlagen austarieren muss und in sicherheitspolitischen Fragen weniger
Handlungsfreiheit hat als dies zum Beispiel in den präsidialen Strukturen der
USA und Frankreichs des Fall ist.
Die Rolle des BMVg ist nicht hinlänglich beschrieben, wenn man die
wichtigsten nachgeordneten Ämter und Dienststellen nicht auch vorstellt.
Im Zentrum der Kritik steht immer das „Bundesamt für
Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr“ (BAAINBw) in
Koblenz, das alte Rüstungsamt. Hier soll die Expertise für die technologische
Ausstattung der Bundeswehr konzentriert sein. Hier entstehen Vorgaben,
Planungen und Beschaffungsprojekte für Waffen, Ausstattung und Informationstechnik
und werden von diesem Amt und seinen Erprobungsstellen im Bundesgebiet getestet.
Der Rüstungssektor in der Bundeswehr läuft seit Jahren nicht rund: Lieferungen
der Industrie verzögern und verteuern sich und erbringen nicht die
versprochenen Leistungen und haben niedrige Klarstände (Schützenpanzer
PUMA, Fregatte 125, NATO-Hubschrauber). Verträge erweisen sich als lückenhaft. Verfahrensfehler
bei der Beschaffung führen zu langen Rechtstreitigkeiten und Verzögerungen, wie
zuletzt bei der Beschaffung des neuen Sturmgewehrs. Der Lobbyismus der
Industrie wirkt sich natürlich über die Politik auch auf Beschaffungen aus. In
den Jahren des Abbaus im Verteidigungssektor sind Ingenieurkapazitäten
verloren gegangen. Das Amt ist seit der letzten Reform nicht nur für die
Beschaffung des Geräts, sondern auch für die Begleitung und Steuerung der
Nutzung verantwortlich. Experten fordern, dass die Materialverantwortung
in der Phase der Nutzung wieder in die Teilstreitkräfte und die Truppe
zurückkehrt. Bei aller Kritik geht oft der Blick für erfolgreich verlaufende
Beschaffungen verloren (Transportpanzer Boxer, neue geländegängige LKW,
wachsende Einsatzbereitschaft der Eurofighter), von den Erfolgen der
Vergangenheit ganz zu schweigen (Kampfpanzer Leopard, Schützenpanzer Marder,
Artillerie, Kampfflugzeug Tornado etc.). Man kann Sorge haben, dass die
kräftezehrende Dauerdebatte um die Organisation des Rüstungssektors den Blick
der Verteidigungspolitik auf die viel wichtigere Frage der Einsatzbereitschaft
verstellt, die über die technischen Aspekte hinausgeht und auch eine Frage der
Mentalität ist.
Bei der Ausrüstung darf sich der Blick nicht nur auf die
spektakulären Großwaffen-systeme richten. Die Ausstattung differenziert sich
immer mehr, ob es sich um Infanteriebewaffnung, Fernmeldegerät, Bekleidung,
Schutzausstattung, Fahrzeuge und vieles mehr geht und ein Wehrpflichtiger, der
in der Zeit vor 1990 gedient hat, dürfte sich in der heutigen Ausstattungsvielfalt
wohl kaum noch zu recht finden.
Zur
Ausstattung der Infanteristen gehören auch Laptops für das „Battlefield Management“
Neues wirtschaftliches Denken mit Anlehnung an die
Privatwirtschaft sollte das „Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und
Dienstleistungen“ umsetzen. Ein großer Teil des Fahrzeugparks der
Bundeswehr wird von der bundeseigenen „Bundeswehr Fuhrpark Service GmbH“
auf Leasing-Basis beschafft und gemanagt und der Truppe und
Bundeswehrverwaltung zur Verfügung gestellt. Das hat zur zügigen Erneuerung des
Fuhrparks geführt, der allerdings nicht unumschränkt den Truppenteilen zur
Verfügung steht, sondern angefordert werden muss. Der Fuhrpark der Bundeswehr
sollte so wirtschaftlicher genutzt und verkleinert werden. Gefechtsrelevante
geländegängige LKW sind natürlich weiterhin im unmittelbaren Bestand der
Truppe, aber auch viele olivfarbene geländegängige Transport-LKW verschiedener
Hersteller werden vom Fuhrparkservice gestellt. Die Vielfalt der verschiedenen
Typen ist allerdings aus logistischen Gründen noch bedenklicher als sie früher
schon war. Die Wartung obliegt im Friedensgrundbetrieb ohnehin der Zivilwirtschaft,
aber in einem ernsten Großkonflikt sieht das ganz anders aus.
Die Heeresinstandsetzungslogistik
sollte in einer privatrechtlichen Firma organsiert werden, wurde aber jetzt
wieder vom Staat übernommen. Hier arbeiten Zivilkräfte.
Der Betrieb der Kasernen und das Bekleidungswesen sind nach
ähnlichen privatwirtschaftlichen Prinzipien organisiert, bei der Bewirtschaftung
von Mengenverbrauchsgütern (Munition) hat man allerdings ähnliche Pläne zu den
Akten gelegt. Kriegslogistik kann sich nicht nach effizienzgesteuerten
gestrafften privatwirtschaftlichen Verfahren ausrichten, Das „Just in
Time“-Prinzip bei der Versorgung würde unter den Friktionen eines Gefechts
nicht funktionieren und für Ausfälle muss Vorsorge durch Mehrfachstrukturen (Redundanzen)
getroffen werden. Ökonomische kostensparende Effizienz und militärische
Effektivität (Wirksamkeit) sind zwei verschiedene Dinge.
Das o.g. Amt hat viele Aufgaben der ehemaligen zivilen
Wehrverwaltung übernommen.
Für das Personalwesen gibt es nur noch eine Dienststelle, das „Bundesamt
für das Personalmanagement der Bundeswehr“ mit Hauptsitz in Köln. Auch wenn
sich der öffentliche Blick auf das Militär meist auf das Gerät fokussiert, muss
immer wieder betont werden, dass die wertvollste Ressource die Soldatinnen und
Soldaten und Zivilangehörigen der Bundeswehr sind. Personal muss geworben,
ausgebildet, qualifiziert und geführt werden. Dem Amt nachgeordnet sind die Karrierecenter
der Bundeswehr, die in der Fläche für die Nachwuchswerbung verantwortlich sind.
Hier bietet sich ein kleiner Exkurs zum Thema Personal an. Die
durch den 2+4 Vertrag von 1990 vorgeschriebene Höchstgrenze von 370.000 deutschen
Soldaten wurde rasch unterschritten und hat sich bei ca. 183.000 bis 184.000
Soldaten eingependelt. Eine Aufstockung auf 203.000 steht in den Planungen,
zeichnet sich aber gegenwärtig noch nicht ab und wurde auch durch die Pandemie
beeinträchtigt. Nach Aussetzung der Wehrpflicht ab 2011 fiel ein
Steuerinstrument zur Regulierung des Umfangs weg und es hat zu einer Struktur
mit „vielen Häuptlingen und wenigen Indianern“ geführt, da man den geworbenen
Freiwilligen auch Karriereangebote machen muss. Die Kopflastigkeit einer
Bundeswehr mit zu vielen Stäben und Ämtern wird immer wieder beklagt. Kritisiert
wird die Überalterung und die zu geringen Stehzeiten von
Offizieren und Unteroffizieren in Führungsrollen von Einheiten und Stäben, weil
das Durchlaufen vieler verschiedener Führungsdienstposten Voraussetzung für
Beförderungen und Karrieren sind. So wird der Erwerb von dauerhafter Erfahrung
erschwert.
Während
bei den Offizieren und den Kampftruppenteilen die Nachwuchswerbung noch
gelingt, fällt es zunehmend schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fachpersonal im
Wettlauf mit der Wirtschaft zu gewinnen, die bessere Bezahlung bietet und meist
keine so hohen Anforderungen an die Mobilität stellt. Eine Berufskarriere in
der Wirtschaft und der Soldatenberuf stellen unterschiedliche Anforderungen an
das Persönlichkeitsprofil und die Motivation und Soldat ist kein Beruf wie
jeder andere.
Die knappe Ressource der Mannschaftssoldaten von nur 30%
des Umfangs versucht man durch Verlängerung der Dienstzeiten und eine Vielfalt
von neuen Mannschaftsdienstgraden mit Stabsgefreiten, Oberstabsgefreiten,
Korporal und Stabskorporal zu vergrößern. Dabei ist der in alten
Wehrpflichttagen noch omnipräsente Unteroffizier und Stabsunteroffizier als
Gruppenführer selten geworden. Die Wehrpflicht war zuletzt unter Druck
geraten, da die außenpolitische Lage in einer wohl zu optimistischen
Einschätzung nicht mehr als Rechtfertigung vertretbar schien, der abnehmende
Umfang die Wehrgerechtigkeit erschwerte und die Auslandseinsätze nur mit
Freiwilligen zu leisten waren. Die dauernde Ausbildung von Wehrpflichtigen war
ohne deren Nutzung für einen umfassenden Aufwuchs im Mobilmachungsfall auch
nicht mehr kosteneffektiv. Der ständige Austausch von Gesellschaft und
Streitkräften durch die Wehrpflicht und ihre Rolle bei der Motivation zur Weiterverpflichtung
wird heute allerdings auch vermisst. Die Möglichkeit des Freiwilligen
Wehrdienstes mit einer Obergrenze von 12.500 Dienstposten wird nur zu ca.
70% ausgeschöpft. Der Frauenanteil liegt bei etwa 13 %. 4500 Dienstposten des
Gesamtumfangs entfallen auf Reservedienstleistende, die zeitgleich in
der Truppe üben können. Die Bundeswehr beschäftigt ca. 81.000 Zivilbeschäftigte.
Als Interessenvertretung der Soldaten nimmt der Bundeswehrverband
die Funktion einer „Gewerkschaft für Soldaten wahr“. Er äußert sich aber auch
zu allgemeinen verteidigungspolitischen Fragen und zu den organisatorischen
Defiziten, weil eine funktionierende Bundeswehr auch ein soziales Anliegen der
Soldaten und ihrer Arbeitsplatzzufriedenheit ist. Die Verbandsvorsitzenden sind
gesuchte Gesprächspartner in den Medien.
Eine ähnliche Entwicklung kann man auch beim Amt des
Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages erkennen. Dieses Amt sollte
direkter Ansprechpartner für Beschwerden aller Soldaten sein, um Missbrauch von
Befehlsgewalt und unwürdiger Behandlung von Soldaten vorzubeugen. Der
Beauftragte hat jederzeit Zugang zur Truppe. Sein Jahresbericht vermittelt
gegenwärtig weniger den Eindruck einer Vielzahl von Verfehlungen, sondern erfasst
zahlreiche Eingaben der Soldaten zu sozialen Fragen. Aus ähnlichen Motiven wie
der Bundeswehrverband haben die Wehrbeauftragten in der jüngeren Zeit auch
kritische Beiträge zur Verteidigungspolitik in der Öffentlichkeit geliefert.
Unter den weiteren Dienststellen des zivilen Bereichs seien noch
die beiden Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München und das Bundessprachenamt
erwähnt. Sie sollen seit den frühen 70er Jahre den Offiziersberuf mit einer
akademischen Ausbildung verbinden.
Die Liste der Dienststellen ließe sich noch fortsetzen. Die
Bundesakademie für Sicherheitspolitik gehört zum Geschäftsbereich des BMVg,
befindet sich aber als wissenschaftliche Einrichtung nicht in einer
militärischen Unterstellung.
Im militärischen Bereich sind dem BMVg unmittelbar unterstellt das
Einsatzführungskommando in Potsdam, die Führungsakademie in
Hamburg für die höhere Offiziersausbildung, das Zentrum Innere Führung
der Bundeswehr in Koblenz, das Bundesamt für den Militärischen
Abschirmdienst (MAD), das Planungsamt und das Luftfahrtamt der
Bundeswehr. Neu
dazugekommen ist seit Oktober 2022 das Nationale Territoriale
Führungskommando in Berlin.
Das Einsatzführungskommando ist in enger Abstimmung mit der
politischen Führung für alle Einsätze außerhalb der deutschen Grenzen
verantwortlich und ist deshalb auch in der Nähe zur Hauptstadt in Potsdam stationiert.
Die neuen Entscheidungen zur Führungsgliederung der Bundeswehr
sehen eine Fusion des territorialen Führungskommandos und
Einsatzführungskommandos zu einem zentralen Operativen Führungskommando vor.
Die Führungsakademie in Hamburg verantwortet die
Generalstabsausbildung für gehobene Führungsfunktionen und betreut nach guter
NATO-Tradition auch ausländische Lehrgangsteilnehmer. Die Akademie soll nach den
Vorstellungen des Eckpunktepapiers auch die Funktion eines „Doktrinzentrums“,
eines strategischen „Think Tanks“, übernehmen.
Der MAD ist neben dem Bundesnachrichtendienst für die
Auslandsaufklärung und den verschiedenen Verfassungsschutzämtern in Bund und
Ländern die dritte Säule der bundesdeutschen „Geheimdienste“. Er soll die
Bundeswehr vor Spionage und Sabotage schützen, hat zunehmend allerdings auch
ein Auge auf verfassungsfeindliche Aktivitäten in der Bundeswehr.
Zur Unterstützung der Planungsexpertise des BMVg und der
Teilstreitkräfte hat man diese in einer Dienststelle, dem Planungsamt der
Bundeswehr, konzentriert. Angesichts der zahlreich in Ämtern und Truppe
vorhandenen Expertise, haben die in der Vergangenheit unternommenen Versuche,
Beratungsleistungen von außerhalb der Bundeswehr teuer einzukaufen, nicht immer
Zustimmung gefunden.
Das Luftfahrtamt zentralisiert die Aufsicht über das
Luftfahrtwesen in allen Teilstreitkräften. Es verantwortet die Flugsicherheit
und viele Genehmigungs-verfahren. Dazu soll künftig eine ‚Continuing
Airworthiness Management Organisation‘, um die Zulassung von Luftfahrzeugen zu
optimieren. Da hatte es in der Vergangenheit Probleme gegeben und z.B. ein
teures Drohnenprojekt zur weiträumigen Aufklärung scheitern lassen.
Das Zentrum für Innere Führung ist verantwortlich für die
Pflege und Weiterentwicklung eines besonderen Markenzeichens der Bundeswehr,
die zu den Fundamenten der Gründerjahre gehörte und immer auch in der
Diskussion stand. In Abkehr von dem bedingungslosen Militärgehorsam, der Deutschland
in den Abgrund geführt hatte, bemühten sich die Gründerväter der Bundeswehr um
neue Grundlagen für militärischen Gehorsam und Erziehung. Angestrebt wurde der
Staatsbürger in Uniform, der aus Einsicht den soldatischen Dienst mit
Initiative und Disziplin tut und Gehorsam leistet, solange dieser mit
Grundwerten und Gesetzen in Einklang steht. Das sehr anspruchsvolle Prinzip der
Inneren Führung fand viel Lob, musste sich aber auch immer Zweifel und Kritik
angesichts der Wirklichkeit des Krieges gefallen lassen. Auch wenn die
Grundsätze der Inneren Führung weitgehend in der Truppe Einzug gehalten haben,
muss immer wieder an ihr mit Lehrgängen, Diskussionsrunden, Seminaren und
Grundsatzpapieren gearbeitet werden.
Zum Geschäftsbereich des BMVg gehört als Forschungseinrichtung
auch das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften in
Potsdam, der Nachfolger des ehemaligen Militärgeschichtlichen Forschungsamtes.
Es empfiehlt sich durch seine Veröffentlichungen, aber auch viele Interviews
und Podcasts im Web-Auftritt der Bundeswehr.
Den Kern der Streitkräfte mit ihrem umfassenden Fähigkeitsprofil
ist in den Teilstreitkräften und den Organisationsbereichen abgebildet.
Deren Kommandos unterstehen dem BMVg unmittelbar. Die Kommandeure sind zugleich
als Inspekteure für die Einsatzfähigkeit und Entwicklung ihrer Teilstreitkraft
verantwortlich.
Die Kommandos der klassischen Teilstreitkräfte befinden sich in
der Nähe der Hauptstadt: Das Kommando Heer in Strausberg, das Kommando
Luftwaffe in Berlin-Gatow, das Kommando Marine in Rostock. Die
später entstandenen neuen Organisationsbereiche nutzen Teile der ehemaligen
Führungsstruktur in der alten Bundesrepublik. Das Kommando Streitkräftebasis
und das Kommando Cyberinformationsraum teilen sich mit dem BMVg den
Standort Bonn. Das Kommando zentraler Sanitätsdienst der BW befindet
sich an dem traditionsreichen ehemaligen Führungsstandort des Heeres in
Koblenz.
Bei den Kommandos handelt es sich nicht automatisch um operative
Führungshauptquartiere. Dies liegt bei der Luftwaffe zum Beispiel im
verbunkerten Zentrum Luftoperationen im niederrheinischen Uedem und dem
Standort Kalkar und ist mit einem NATO-Luftwaffenhauptquartier verbunden. Bei
der Marine hat das operative Hauptquartier von Glücksburg bei Flensburg nach
Rostock verlegt, auch wenn
in der jetzigen Lage das geschützte alte Marinehauptquartier an der Flensburger
Förde als Ausweichquartier weiter genutzt werden soll. Für die Landstreitkräfte
gibt es kein zentrales nationales operatives mobiles
Hauptquartier außerhalb der NATO-Strukturen. Für Landoperationen fordern der
Generalinspekteur und das Kommando Heer ein nach NATO-Maßstäben organisiertes
operatives Hauptquartier, als dessen Standort schon mal Münster im Gespräch
war. Das Kommando des Heeres in Strausberg ist ein stationärer administrativer
Stab.
Die
denkmalgeschützte Luftwaffenkaserne in der Richthofenstraße in Münster wäre als
Standort für ein neu formiertes Hauptquartier der Landstreitkräfte denkbar
gewesen.
Für die Führung von Heeresverbänden stehen natürlich die multinationalen
NATO- Korpsstäbe in Münster, Stettin und Straßburg zur Verfügung. In Ulm
stand immer von deutscher Seite das multinationale Kommando operative
Führung als vielseitiger Stab für das Bündnis oder die EU bereit, was bei
Bündnispartnern nur auf verhaltene Resonanz stieß. Gegenwärtig gewinnt es neue
Bedeutung als NATO-Führungsstab für Truppenbewegungen der Allianz (Joint
Force Support and Enabling Command). Die etwas diffuse Führungsstruktur in
der „Dimension Land“, wie es neuerdings heißt, wird noch durch den
eigenen territorialen Führungsstrang im Inland verkompliziert. Der
ist nämlich bei der Streitkräftebasis verortet und zwar bis 2022 beim Streitkräfteunterstützungskommando
in Bonn, dem Führungshauptquartier der SKB und bei dem Kommando Territoriale
Aufgaben in Berlin, das bisher vor allem Katastropheneinsätze und die
Landeskommandos zu führen hatte. Der Inspekteur und Kommandeur der
Streitkräftebasis, nicht der des Heeres, war bis 2022 „oberster nationaler
Befehlshaber“ auf dem Gebiet der Bundesrepublik.
Das
Flaggenmeer vor dem Kommandogebäude des Deutsch-Niederländischen Korps in
Münster dokumentiert die multinationale Vielfalt.
Der Generalinspekteur wünschte ein zentrales Hauptquartier für
die Führung der Bundeswehr im Inland. Gleichzeitig sollen etliche
Komponenten der Streitkräftebasis wieder ins Heer zurückkehren. Für den Einsatz
der Bundeswehr im Ausland – und damit sind auch die NATO-Einsätze gemeint,
nicht nur die Friedensmissionen – soll das
Einsatzführungskommando in Potsdam zuständig bleiben und gestärkt
werden. Seit Oktober 2022 ist in Berlin das Nationale Territoriale
Führungskommando im Aufbau, das an die Stelle des Kommandos Territoriale
Aufgaben tritt und auch territoriale Aufgaben des Streitkräfteunterstützungskommandos
übernimmt. Sein Kommandeur ist nun auch Oberster Nationaler Befehlshaber. Das
neue Kommando, das aus der Substanz des ehemaligen Kommandos Territoriale
Aufgaben und Teilen des Streitkräfteunterstützungskommandos der SKB aufgebaut
wird, nimmt zentrale Führungsaufgaben bei allen Einsätzen der Bundeswehr im
eigenen Land wahr. Das betrifft auch Unterstützungsleistungen für Einsätze
außerhalb Deutschlands im gesamten Spektrum. Das Kommando ist nicht nur für
Heimatschutz oder Katastrophenschutz verantwortlich, sondern koordiniert auch
Truppenbewegungen und Unterstützungsleistungen für das Bündnis auf deutschen
Boden. Eine besondere Rolle spielt es für die Gesamtverteidigung, bei der sich
militärische und zivile Komponenten überschneiden.
Das Territoriale
Führungskommando hat auch eine wichtige Funktion für den stationären
Objektschutz, der mit dem Konzept ‚Reserve 2025 – Schutz und Sicherheit Inland‘
mit nicht aktiven stationären Sicherungszügen in den Teilstreitkräften und
Organisationsbereichen ausgebaut werden soll. Das Territoriale Führungskommando
plant diese Züge primär für den Bereich der SKB und des Kdo CIR in Bonn,
Bruchsal, Burg, Delmenhorst, Frankenberg, Gotha, Koblenz, München, Putlos, und
Storkow
An
Ergänzungstruppen sind im Verantwortungsbereich des Territorialen
Führungskommandos zwei weitere nicht aktive Wachkompanien und vier ZMZ-Staffeln
vorgesehen.
Natürlich
unterstehen die 414 KVK/BVK und sechs Heimatschutzregimenter der Territorialen
Reserve auch dem Territorialen Führungskommando, dessen nicht aktive
Dienstpostenstärke mit 26.000 recht hoch erscheint und wohl auf den
ambitionierten Ausbau des Heimatschutzes hindeutet.
Die
Strukturentscheidungen vom Frühjahr 2024 sehen nun ein einziges Operatives
Führungskommando vor. Die Heimatschutzkräfte sollen dem Heer unterstellt
werden.
Das
Operative Führungskommando der Bundeswehr wird in Schwielowsee bei Potsdam und
in Berlin beheimatet sein und soll über 1400 Dienstposten verfügen. Durch die
Fusion des Einsatzführungs- und Territorialen Kommandos würden 400 Posten
eingespart. Die Indienststellung ist für Oktober 2024 vorgesehen.
Aufgrund
der durch das New Force Model der NATO gestiegenen Anforderungen
machen
neuen Zahlen die Runde, von deren Realisierung Deutschland aufgrund
finanzieller Ressourcen noch weit entfernt ist. Demgemäß müsste Deutschland ca.
275.000 Soldaten verfügbar haben. Außerdem nehmen die Planer immer mehr auch
die Ersatzreserve in den Blick. Deren Zahlen sind noch offen, aber
Spekulationen lassen hier auch Größenordnungen von 185.000 zu.
Die
Zahl von 275.000 Einsatzstärke ergäbe sich, wenn man zu der angestrebten, aber
weiterhin recht fernen Friedensstärke von 200.000 noch einen Aufwuchs von
75.000 schnell verfügbaren Reservisten addiert.
Vor
diesem Hintergrund kommen vor wenigen Jahren noch undenkbare Diskussionen über
eine Annäherung an irgendeine Form von Wehrpflicht wieder auf.
Verteidigungsminister Pistorius verfolgt gegenwärtig ein Projekt, jeden ins
wehrfähige Alter gelangten Bürger beider Geschlechter zu erfassen und durch
einen verbindlichen Fragebogen die Bereitschaft zu freiwilligem Wehrdienst zu
thematisieren.
Nach
skandinavischen Vorbildern wäre ggf. später auch an eine Auswahlwehrpflicht zu
denken.
Kommando Heer
Mit ca. 63.000 aktiven Soldaten und künftig ca.
20.000 nicht aktiven Dienstposten handelt es sich immer noch um die größte
Teilstreitkraft, auch wenn Teile des früheren Heeresumfangs in den
Strukturreformen der Vergangenheit in die Streitkräftebasis und den zentralen
Sanitätsdienst überführt wurden. Einzelne Komponenten aus dem Bereich der
Führungsunterstützung wurden 2017 sogar von der Streitkräftebasis in das neue Kommando
Cyberinformationsraum weitergereicht.
Das Heer ist der klassische Träger des Gefechts zu Lande, um Raum
zu behaupten, zurück zu gewinnen, Objekte zu schützen und ggf. Menschen zu
evakuieren. Das Heer ist in verschiedene Waffengattungen gegliedert, die sich
nach Auftrag und Ausstattung unterscheiden und im Einsatz gegenseitig ergänzen.
Man spricht dabei vom Gefecht der verbundenen Waffen.
An erste Stelle stehen die schweren gepanzerten Kampftruppen
mit der Panzertruppe und den Panzergrenadieren. Kampfpanzer
entwickeln mit ihren Kanonen eine hohe Feuerkraft, sind gut geschützt und im
Gelände hochmobil. Sie sind bei der Verteidigung gegen angreifende Kampfpanzer
unverzichtbar. Panzergrenadiere sind Infanteristen, die von ihren
Schützenpanzern aus oder abgesessen kämpfen. Zusätzlich zu ihren
Infanteriewaffen verleihen ihnen die Maschinenkanonen, MG und
Panzerabwehrraketen ihrer Schützenpanzer eine hohe Gefechtskraft.
Panzergrenadiere wirken zusammen mit Kampfpanzern und können im Einsatz mit
diesen zusammen gemischte Bataillone bilden. Anfang der 80er Jahre wollte man
schon in der Friedensgliederung gemischte Panzer- bzw.
Panzergrenadierbataillone bilden, musste das aber aus organisatorischen Gründen
aufgeben. Die ursprünglich auch zu den gepanzerten Kampftruppen gehörende
Panzerjägertruppe gibt es nicht mehr, allerdings setzen Panzergrenadiere,
Jägerinfanterie und Heeresflieger weiterhin Panzerabwehrlenkflugkörper ein. Die
Truppenschule der gepanzerten Kampftruppen befindet sich in Munster in der
Lüneburger Heide im Umfeld großer Truppenübungsplätze.
Unverwüstlich und bei vier Panzergrenadier- bataillonen
noch unverzichtbar: Der 50 Jahre alte Schützenpanzer Marder wird mindestens
noch bis 2025 in Dienst bleiben, wahrscheinlich auch noch länger.
Kampfpanzer
Leopard II demonstriert beim Tag der offenen Tür in Augustdorf 2012 das
gemeinsame Vorgehen mit Panzergrenadieren bei einem Kriseneinsatz.
Panzergrenadiere
demonstrierten dabei den Wechsel zwischen aufgesessenem und abgesessenem Kampf
mit dem Schützenpanzer Marder.
Zum
Zeitpunkt dieser Präsentation bei einem Tag der Bundeswehr 2018 bei der
Erprobungsstelle in Meppen ist der neue Schützenpanzer Puma noch nicht voll
einsatzreif. Auch
2022 bleibt er das Sorgenkind des Heeres, wurde aber mittlerweile weiter
modernisiert, auf Schwachstellen geprüft
und soll auf den Standard S01 gebracht werden.
Die Infanterie stellt die klassische
Waffengattung per se dar. Zu ihr rechnet man in Abgrenzung von den
Panzergrenadieren die Jäger, Gebirgsjäger und Fallschirmjäger. Ihr
Hauptmerkmal ist der abgesessene Kampf in allen Geländearten, in bebautem und
unbebautem Gebiet. Sie können in geschützten Transportpanzern wie dem Boxer zum
Einsatzort gelangen und nutzen leichte Kettenfahrzeuge wie z.B. Wiesel als
Träger von Maschinenkanonen, Panzerabwehrraketen oder Mörsern. Fallschirmjäger
können mit Hubschraubern oder Fallschirmen abgesetzt werden. Sie eignen sich
besonders gut für schnelle mobile Reaktionen, Kommando- und
Evakuierungseinsätze. Gebirgsjäger sind für den Einsatz in schwierigem Gelände
unter extremen Wetterbedingungen ausgebildet. Für die Fallschirmjäger und
Gebirgsjäger gibt es auch verschiedene leichte Transportfahrzeuge. Infanteristen
haben auch durch die Friedensmissionen als „boots on the ground“ eine
neue Bedeutung erlangt. Deshalb befindet sich auch das UN-Ausbildungszentrum
am Standort der Infanterieschule in Hammelburg. Hinzurechnen muss man
die Luftlande- und -transportschule in Schongau und das Ausbildungszentrum
für Gebirgs- und Winterkampf in Mittenwald.
Geschützte
Fahrzeuge wie Boxer und Wiesel können vielfältige Tarnungen und Ausstattungen haben
Zur Infanterie muss man auch jene Truppenteile zählen, welche zum
Schutz wichtiger Objekte vorgesehen sind. Dabei sind die Infanteristen im Objektschutzregiment
der Luftwaffe, die Marinesicherungskräfte im Seebataillon und zwei Sicherungsstaffeln
der Luftwaffe zum Schutz der nuklearen Infrastruktur auf dem Fliegerhorst
Büchel aktiv. Auch das Wachbataillon der Bundeswehr in Berlin hat neben
seinen protokollarischen Pflichten im Verteidigungsfall einen
Sicherungsauftrag. Die deutschen Anteile an Hauptquartieren haben in der Regel
kleine aktive Sicherungsteile. In den Teilstreitkräften und vor allem in der
Streitkräftebasis gibt es aber auch noch mehr nicht aktive, mit
Reservisten zu mobilisierende Heimatschutzkompanien, die das grüne
Barett der Jägertruppe tragen.
Im
künftigen Zielbild Einsatzkräfte Heer werden zum Schutz der Gefechtsstände Sicherungskräfte pro Division-, Brigade- und
Bataillon je ein Bataillon bzw. eine
Kompanie bzw. ein Zug aus Reservisten für den mobilen taktischen Einsatz
aufgestellt.
Die Feuerunterstützung des Heeres im indirekten Feuer mit schweren
Kalibern ist Aufgabe der Artillerie. Sie wirken mit Panzerhaubitzen des
Kalibers 155 mm (PH 2000) oder weitreichenden Raketenwerfern Kaliber 227 mm (MARS
II) über größere Entfernungen zwischen 24 km und 80 km. Langfristig werden
Raketenreichweiten von 300 km mit präzisionsgelenkter Munition durch neue
Lenkflugkörper für MARS II angestrebt, auch als Reaktion auf die weitreichende
russische Raketenartillerie. Der Feuerkampf strebt präzise kurze Feuerschläge
an, kein Trommelfeuer mit hohem Munitionseinsatz, wie man ihn aus
Weltkriegsdokumentationen kennt. Da die Geschützbesatzungen ihre Ziele nicht
sehen, gehören zur Artillerie auch Einheiten zur Beobachtung, Zielaufklärung,
Vermessung und Feuerleitung. Sie können Schallmessgeräte, Radaranlagen und
Drohnen einsetzen. Auch die Wetterbeobachtung gehört zu ihren Aufgaben.
Mittlerweile hat man die Artillerie auch mit der Feuerleitung anderer
Waffengattungen betraut: Mörser, Schiffsartillerie, Kampfhubschrauber und
Flugzeuge. Die „Joint Fire Support Teams“ sind zur Beobachtung und
Feuerleitung auf geschützten Radpanzern mobil. Künftig wird die Nahbereichsflugabwehr dazukommen. Eine
sprachliche Tradition der Artilleristen sollte der
Laie auch kennen. Bei der Artillerie gibt es keine Kompanien, nur Batterien.
Panzerhaubitze
2000 beim Übungsschießen auf dem Truppenübungsplatz Munster-Süd und beim Tag
der offenen Tür in Augustdorf.
Pioniere helfen bei der Überwindung
von Hindernissen (Gewässer, Minensperren), können aber auch selber Sperren
anlegen und Bau- bzw. Räumaufgaben wahrnehmen. Räumpanzer und Brückengerät
gehören zur typischen Ausrüstung und bieten auch bei Katastrophenhilfe
willkommene Unterstützung.
Minenräumpanzer
Keiler dienen der schnellen Minenräumung im Gefecht
Heeresflieger transportieren Truppen und
Material, machen Beobachtungs- und Verbindungsflüge, retten Verwundete und
beteiligen sich mit Kampfhubschraubern und deren Panzerabwehrraketen,
Maschinenkanonen und Raketenmunition am Gefecht. Ihre Truppenschule in
Bückeburg wurde zur Internationalen Hubschrauberschule. Für die
Heeresfliegerkräfte wurde dort ein eigenes Hubschrauberkommando gebildet,
das auch die fliegerische Grundausbildung der Hubschrauberpiloten aller TSK
verantwortet. Es gibt auch ein eigenes Systemzentrum Drehflügler in
Donauwörth. Zusammenarbeit bei der Ausbildung und Materialerhaltung mit den
Hubschrauberkräften von Luftwaffe und Marine ist geboten.
Zentrale Systeme sind der NATO-Hubschrauber 90 für
Transportaufgaben, der noch mit 83 Exemplaren für zwei Heeresfliegerregimenter
und Ausbildung eingeführt wurde und lange Zeit für die Herstellung der
Einsatzreife benötigte, und der in deutsch-französischer Kooperation, aber
verschiedener Konfiguration, entwickelte in einem Regiment eingeführte Kampfhubschrauber
Tiger, von dem 68 für die Bundeswehr beschafft, aber nur ca. 50 genutzt
werden. Die Bundeswehr
will sich bis 2038 wieder vom Tiger trennen und seine Rolle durch leichtere für
Kampfaufgaben modifizierte Unterstützungshubschrauber Airbus H 145 M ersetzen.
62 sind bestellt, 82 denkbar.
Die
Heeresflieger betreiben ein Kampfhubschrauberregiment mit dem „Tiger“
Die Heeresflieger haben auch den Such- und Rettungsdienst (SAR)
an Land von der Luftwaffe übernommen. Gemäß internationalen Verpflichtungen
muss Deutschland ständig zu diesem Zweck Luftrettungskräfte bereithalten, die
nicht mit dem zivilen Luftrettungsdienst verwechselt werden dürfen, aus dem
sich die Bundeswehr zurückgezogen hat. Natürlich leistet der militärische SAR-Dienst
mit seinen wenigen Hubschraubern auch im Notfall Amtshilfe bei der Rettung
ziviler Opfer, aber primär wird er für Unfälle des militärischen und zivilen
Luftverkehrs bereitgehalten. In diesem Jahr hat ein gutes Dutzend leichter
Hubschrauber Airbus H 145 in einer SAR-Version endgültig die legendären
Bell UH 1D abgelöst. Die Leitstelle
SAR Land befindet sich noch in Münster. SAR See bleibt nach wie vor Aufgabe
der Marine, wo gerade die neuen Marinetransporthubschrauber 90 Sea Lion
die bekannten und bewährten Seaking Mk 41 ablösen. Die SAR-Leitstelle
See befindet sich noch am auslaufenden Standort des operativen
Marinehauptquartiers (Maritime Operation Center) in Glücksburg. Künftig werden die Heeresflieger auch
leichte Unterstützungshubschrauber aus der H 145-Familie erhalten.
Der
Spähpanzer Fennek ist ein zentrales System der Heeresaufklärungstruppe
Von der Abschaffung der Heeresflugabwehrtruppe zu Beginn
der letzten Reorganisation war schon die Rede. Sie war in der NATO ein Aushängeschild
des Heeres durch die Befähigung mit radargelenkten Flugabwehrkanonen
und-raketen auf Kettenfahrzeugen (Gepard, Roland) einen Flugabwehrschirm über
den eigenen Heereskräften aufzuspannen. Die sogenannte Nahbereichsflugabwehr
wurde mit minimalen Resten an die Luftwaffe übertragen. Mittlerweile hat
man gerade angesichts der Drohnengefahr diese Lücke erkannt und versucht, mit
vorhandenen Systemen wie dem Radpanzer Boxer, radargelenkten
Granatmaschinenwaffen mit programmierbarer Munition und ggf. Maschinenkanonen
hier wieder eine begrenze Fähigkeit zum Schutz aufzubauen (sogenannte „qualifizierte
Fliegerabwehr“). Es
besteht mittelfristig die Absicht, für den Nahbereichsschutz des Heeres vier
gemischte Einheiten mit einer Version von IRIS-T und einem Kanonensystem zu
beschaffen.
Eine
erste Beschaffung von 19 FlaPanzern Skyranger wurde eingeleitet und die
Wiederaufstellung einer Heeresflugabwehrtruppe am Standort Lüneburg
entschieden.
Einige Waffengattungen sind nicht typisch für das Heer, sondern
auch in anderen Teilstreitkräften /Organisationsbereichen zu finden. Die Heereslogistikkräfte
bilden das letzte Ende der Versorgungskette auf dem Gefechtsfeld und
integrieren Transport-, Nachschub und Instandsetzung. Sie verfügen über eine
Vielzahl von leistungsfähigen und zum Teil auch geschützten Transportfahrzeugen
und Umschlagmitteln.
Keine Truppe kommt ohne Führungsunterstützung aus. Darunter
versteht man die Zusammenfassung von Stabseinheiten für den Betrieb von
Gefechtsständen und der Kräfte für Erstellung von Fernmeldeverbindungen. Oft
sind das nur Einheiten in Kompaniegröße in den Hauptquartieren, aber
Führungsunterstützungsteile sind auch auf den unteren Ebenen in jeden Verband
integriert. Die Fernmeldekräfte des Weitverkehrs sind als IT-Bataillone
in das Kommando Cyberinformationsraum integriert, nachdem sie zeitweise vom
Heer in die SKB abgewandert waren. So gehen die Führungsunterstützungskräfte
des Heeres in Stabskompanien und Stabs- und Versorgungskompanien auf und können
sich nicht mehr mit traditionsreichen Bataillonsbezeichnungen profilieren. Die drei Divisionen erhalten aber jetzt
wieder eigene Fernmeldebataillone.
Durch die angestrebte Digitalisierung und Vernetzung haben
die IT-Kräfte der Führungsunterstützung eine enorme Bedeutung bei der
Modernisierung des Heeres und der gesamten Bundeswehr bekommen. Das Heer plant
eine umfassende Vernetzung von Sensoren, Führungszentralen und Effektoren
(Wirkmittel, Waffensysteme) für ein Konzept digitalisierter Landoperationen. Digitalisierung bezieht sich nicht nur
auf Ausstattung der Einzelsysteme mit Rechnern, sondern ihre Vernetzung in
einem umfassenden Gesamtsystem. Für das Gefechtsfeld soll die Digitalisierung
den klassischen Verbund von Aufklärung, Führung und Wirkung zur schnellen und
zielgenauen Reaktion befähigen.
Dafür sollen in viele Gefechtsfahrzeuge Rüstsätze eines „Battlefield
Managements“ eingebaut werden. Hier gibt es großen Nachholbedarf und
Verzögerungen und die Bundeswehr ist bei internationalen Einsätzen schon wegen
der Rückständigkeit ihrer Fernmeldemittel negativ aufgefallen In das
Battlefield Management sind auch die sogenannten Infanteristen der Zukunft
eingebunden, die Rüstsätze erhalten um am digitalen Informationsverbund
teilzunehmen und auch ihre Infanteriewaffen optimal einsetzen zu können. Die
mit zahlreichen Systemen bepackten Infanteristen boten schon humoristischen
Stoff für Karikaturisten. Der Generalinspekteur ist sich der Gefahren einer
anfälligen Übertechnisierung durchaus bewusst und so will man in der
Truppe auch auf den klassischen Kradmelder auf keinen Fall verzichten. Im
Eckpunktepapier fand sich die Formulierung, dass sich künftig „State of the
Art“-Technologie“ und „robuste Masse“ ergänzen müssten.
Die Feldjägertruppe mit einer Vielfalt von
militärpolizeilichen Funktionen und Schutzaufgaben für Personen und Objekte
gehört noch zur Streitkräftebasis, sollten
ursprünglich wieder ins Heer zurückkehren. Das galt auch für die ABC-Abwehrtruppe
mit einer Spezialausstattung zur Detektion von nuklearen, chemischen und
biologischen Kampfmitteln und zur Dekontamination (Entgiftung) von Personen und
Gerät. Die Rückkehr ins Heer wurde erst einmal gestoppt.
Eine besondere Betrachtung verdienen auch die Spezialkräfte des
Heeres und der Marine. In dem alten Fallschirmjägerstandort Calw im Schwarzwald
entstand das Kommando für Spezialkräfte (KSK) für spezifische
Kommandoeinsätze mit einer speziellen Ausbildung und Ausrüstung. Hier ergeben
sich Überschneidungen mit der Fallschirmjägertruppe in der auch besondere
Befähigungen für Kommandoaktionen und militärische Rettungseinsatze geübt
werden, aber ausgehend von den fehlenden Kapazitäten für militärische
Geiselbefreiungen in den Auslandseinsätzen entstand das KSK mit ausgewählten
und gut trainierten Soldaten für verschiedenste Szenarien, wo kleine Einheiten
möglichst überraschend und ohne große Publizität militärische Objekte und Personen
bekämpfen können. Künftig
ist auch ein eigenes Fallschirmregiment (31 Seedorf) für die nationale
Krisenvorsorge geplant. Es gibt auch eine eigene Stabskompanie in Hardheim für
die Führung von Spezialeinsätzen, auch im Rahmen der NATO. Eine Unterscheidung von den Spezialeinheiten der Bundespolizei (GSG 9) und der
Länderpolizeien ergibt sich aus der verfassungsrechtlichen Abgrenzung von
polizeilicher Arbeit und dem Verteidigungsauftrag in einer internationalen
militärischen Auseinandersetzung. Dafür gibt es eine breite sehr spezialisierte
Palette von Handwaffen und leichten Fahrzeugen, die man nicht als
Querschnittsgerät in der Truppe befindet. Die Marine hat in ihrer
Teilstreitkraft ebenfalls ein auf ihren Einsatz an der Schnittstelle Land/See
zugeschnittenes Spezialkommando erhalten können. Als Kampfschwimmer bekannt,
können diese Marinespezialkräfte an der Küste oder in Häfen Aktionen
gegen feindliche Marineeinheiten unternehmen, eigene Kräfte schützen und
amphibische Einsätze unterstützen. Dazu kann zum Beispiel auch die Evakuierung
von Zivilpersonen über Strände gehören. Diese Einheit ist übrigens nicht
identisch mit den Minentauchern im Seebataillon.
Bevor das Organisationsmodell des Heeres vorgestellt wird, sollten
noch einige grundlegende militärische Begriffe zur Bezeichnung von
Truppenteilen erläutert werden, die im Sprachgebrauch durchaus gängig sind,
ohne dass man deren genaue Kenntnis voraussetzen kann. Diese Terminologie gilt
für die gesamte Bundeswehr. Dabei wird auf viele Details verzichtet und
Formationen wie z.B. Trupp oder Staffel bleiben ausgeklammert. Auch werden die
abweichenden Begriffe der anderen Teilstreitkräfte nur bedingt ausgeführt.
Innerhalb einer Waffengattung stellt eine Gruppe von ca. 5
bis 10 Soldaten die kleinste Teileinheit dar. Mehrere Gruppen bilden einen Zug
(30-50 Soldaten) und eine Kompanie als grundlegende militärische
Organisationseinheit (100-150) setzt sich aus mehreren Zügen und meist auch
einigen eigenständigen Gruppen zusammen. Erwähnt wurde schon, dass diese Ebene
bei der Artillerie und früher auch Flugabwehr als Batterie bezeichnet wurde.
Bei der Luftwaffe spricht man meist von Staffeln, was aber nicht mit dem
gleichen Begriff für eine Formation fliegender Einheiten verwechselt werden
darf. Mehrere Kompanien bilden ein Bataillon, bei der Luftwaffe meist
als Gruppe bezeichnet. Dessen Kompanien müssen nicht gleich gegliedert
sein und können unterschiedliche Funktionen haben. Alle Bataillone haben in der
Regel neben den eigentlichen Einsatzkompanien über eine Stabs- und
Versorgungskompanie. Bei Panzerbataillonen ist die Gliederung der
Einsatzkompanien ziemlich homogen, aber schon bei Panzergrenadier- und
Jägerbataillonen gibt es als Spezialformation eine schwere Kompanie mit
besonderer Waffenausstattung. Pionier-, Artillerie- und Versorgungsbataillone
können schon sehr differenziert sein. Gelegentlich ist einem Bataillon auch
noch eine Ausbildungskompanie unterstellt und es kann eine nicht aktive
Ergänzungstruppenkompanie für Reservisten angehängt sein.
Wenn der Verband einer Waffengattung die reguläre Bataillonsgröße
von 400 – 800 Soldaten überschreitet und seine oft differenzierten Kompanien
sich auf die Zahl 10 zubewegen, hat sich der traditionsreiche Begriff des Regiments
durchgesetzt. Ursprünglich verstand man darunter einen Verband mit mehreren
Bataillonen gleicher Waffengattung, heute kann sich ein Regiment aber auch nur
aus Kompanien zusammensetzen. Als Anhalt kann eine Größe von um die 1000 und
mehr Soldaten angenommen werden. Der bei der Luftwaffe und Marine analoge
Begriff des Geschwaders kann auch noch deutlich mehr Soldaten umfassen.
Im Heer gibt es zwei Fallschirmjäger- und drei Heeresfliegerregimenter. Die
Feldjägertruppe der Bundeswehr ist im Rahmen der SKB in drei Regimentern
zusammengefasst. Bei der Sanitätstruppe gibt es Sanitätsregimenter, selbst wenn
deren Friedensgrößen-ordnung eher der eines Heeresbataillons gleicht. Die
Logistiktruppe in der SKB kennt ein gemischtes Pionierregiment für Feldlager
und Feldpipelines und verwendet den Begriff für Stabsformationen zur Führung
von Logistikoperationen. In der Heimatschutztruppe der SKB verwendet man zurzeit
recht großzügig den Begriff Landesregiment, selbst wenn es de facto nur
Bataillonsgröße hat, in der Zukunft aber durch weitere Unterstellungen
erweitert werden könnte. Umgekehrt werden die auf künftig 1100 Soldaten
aufwachsenden Versorgungsbataillone der Brigaden wohl Bataillone bleiben, um
die Parität innerhalb der Brigade zu wahren.
Durch die internationalen Einsätze ist ein neuer
Größenordnungsbegriff entstanden, der nicht ganz in die traditionelle deutsche
Terminologie passt. So werden durch Kontingente verschiedener Nationen und
Truppengattungen sogenannte „Combat Groups“ gebildet, gemischte internationale
Bataillonskampfgruppen, die sich um den Kern eines Kampfbataillons als
Leitverband bilden, an das sich zahleiche verschiedene Unterstützungseinheiten
andocken und das nach deutscher Vorstellung der Größe eines Regiments
gleichkommt. Ein Beispiel sind die EU - Battlegroups, die regelmäßig als
Beitrag für eine militärische Befähigung der EU zusammengestellt werden, welche
aber noch nie zum Einsatz kamen!
Für die deutsche Terminologie bilden mehrere Bataillone und
Kompanien verschiedener Waffengattungen einen selbstständigen Kampfverband, der
als Brigade bezeichnet wird. Das deutsche Brigademodell von 1959 mit
Panzer- und Panzergrenadierbrigaden als Standardtyp wurde wegweisend in der
NATO und verdrängte das klassische US-Divisionsmodell. Die Brigade als kleinste
autonome Formation, die zum Gefecht der verbundenen Waffen in der Lage ist,
gilt auch heute international als Standard, Zahlenmäßig kann die Größe abhängig
von der Zahl der unterstellten Einheiten zwischen 2500 und 5000, bei
NATO-Kontingenten bis zu 8000 Soldaten, beträchtlich schwanken.
Die heutigen acht Brigadeverbände des Heeres entsprechen nicht
mehr ganz den Standards der Zeit vor 1990. Das lag u.a. daran, dass sie nicht
aufgelöste Bataillone aus anderen Führungsleisten, den Divisionen, Korps und
Heerestruppen aufgenommen haben, u.a. Aufklärer, Pioniere und zeitweise auch
Fernmelde-bataillone, umgekehrt aber nicht mehr über selbstständige Kompanien
als Brigadeeinheiten verfügen. Auch die Mischung der Bataillone ist nicht mehr
einheitlich.
Es gibt aber noch die Spezialformationen einer Gebirgs- und
einer Luftlandebrigade und aus politischen Gründen hat auch die Deutsch-Französische
Brigade noch überlebt.
Mehrere Brigaden können von einem Divisionsstab geführt
werden. Von einst 12 Divisionen in der Zeit des Kalten Krieges, sind in der
Bundeswehr nur noch drei Stäbe übriggeblieben. Divisionsstäbe gab es früher
auch in der Luftwaffe.
Die nächsthöhere operative Führungsebene bei den Landstreitkräften
stellen die Korps dar, die heute multinational zusammengesetzt sind. Für
den Bereich der Bundeswehr sind das Deutsch-Niederländische Korps in
Münster, das Deutsch-Dänisch-Polnische Korps Nordost in Stettin und das von
Frankreich geführte Eurokorps in Straßburg relevant. Außerdem könnte das in
Ulm beheimatete und in der Streitkräftebasis angesiedelte Multinationale Operative
Kommando Eingreifkräfte auf dieser Ebene mehrere Divisionen und Operationen
verschiedener Nationen und Teilstreitkräfte führen. Deutsches Stabspersonal befindet
sich auch bei Korps in anderen Befehlsbereichen der NATO. Während des Kalten
Krieges stellte die Bundeswehr drei nationale Korps und den Anteil an einem deutsch-dänischen
Korps in Schleswig-Holstein. Diese sind ebenso verschwunden, wie die
zahlreichen Bataillone der Korps- und Divisionstruppen, die zur
Kampfunterstützung, für Schwerpunktbildung und Logistik bereitgehalten wurden.
In den Übergangsstrukturen vor 2010 hatte man Teile davon noch in
Heerestruppenkommandos gerettet, aber die sind auch Geschichte.
In einem kurzen Exkurs soll auch noch ein schillernder Begriff,
der auf mehreren Ebenen der militärischen Hierarchie in der Bundeswehr zu
finden ist, angesprochen werden: das sogenannte „Kommando“. Das können
höhere Stäbe sein, die ganze Teilstreitkräfte (Heereskommando. etc.) führen,
aber auch auf niedrigeren Führungsleisten regionale Aufgaben haben
(Landeskommandos) oder bestimmte Fähigkeiten mit einer Reihe von unterstellten
Verbänden ähnlicher Funktion bündeln (Feldjägerkommando, Logistikkommando,
Hubschrauberkommando etc.). Das Kommando Spezialkräfte bündelt ganz besondere
Fähigkeiten und entspräche von der Größe her eigentlich nur einem Regiment.
Kommandos können auch zentrale ortsgebundene Befehlsstellen zur Einsatzführung
sein (Einsatzführungskommando, Kommando Operative Führung Luftwaffe, Kommando
Territoriale Aufgaben). Diese Kommandos stellen aber keine beweglichen
operativen Stäbe dar, wie die der Brigaden, Divisionen oder Korps, sondern sind
an eine feste, z.T. geschützte Infrastruktur gebunden.
Gelegentlich wird auch der Begriff „Zentrum“ gewählt, wenn
eine besondere Fähigkeit an einem Ort konzentriert ist, z.B. Sanitätszentren,
Zentrum Innere Führung, Zentrum zivilmilitärische Zusammenarbeit etc. In der Luftwaffe
werden bestimmte bodengebundene Aufgaben in „Bereichen“ zusammengefasst
und die Marine organisiert ihre Geschwader in zwei „Einsatzflottillen“.
Wenn die Heeresplanungen sich realisieren lassen, wird es eine
Wiederbelebung der Divisionstruppen und Korpstruppen für ein Heereskorps geben.
Aus deutscher Sicht soll vor allem das Konzept der Rahmennation dazu
dienen, dass sich neben den Niederlanden, weitere kleiner europäische Nationen
an die deutsche Heeres-organisation mit ihren Kräften andocken und Lücken
füllen, so dass das deutsche Heer zu einer „heimlichen Europaarmee“
werden könnte. Da gibt es aber zahlreiche politische Hürden. Primär ist es
erst einmal deutsche Aufgabe, die eigenen Zusagen für die NATO zu erfüllen,
nämlich drei Heeresdivisionen für die Zeit um 2030.
Wie steht es nun um das Heer der Gegenwart? Das
Heer befindet sich gegenwärtig noch weitgehend in der von Minister Thomas de
Maiziére 2011 entschiedenen Bundeswehrstruktur. Unter den engen Finanzvorgaben
dieser Jahre und nach Aussetzung der Wehrpflicht wurde ein fast 20-jähriger Prozess
der ständigen Reduktion und Umorganisation vorerst abgeschlossen und die
Bundeswehr in einer Form gebracht, die im Wesentlichen noch heute Bestand hat.
Der Minister konnte sich damals weitgehend sachfremden „Einflüsterungen“ bei
der Standortfrage entziehen und musste nicht um jeden Preis unwirtschaftliche Kleinstandorte
erhalten. Auf jeden Fall hat diese Struktur bisher länger Bestand gehabt als
die vier Strukturreformen mit ihren nachgelegten Modifikationen seit
1991. Die Zauberworte wie „Heer für neue Aufgaben“, „Transformation“,
„Neuausrichtung“ als Aufbruch zur Erneuerung sind heute schon wieder vergessen.
Die Ausgliederung größerer Teile des Heeres in die Streitkräftebasis war schon ab
2002 erfolgt. Die Gründung des Kommandos Cyberinformationsraum 2017 hatte keine
großen Auswirkungen auf das Heer, dafür aber auf die Streitkräftebasis. Im Sommer 2022 entschied das BMVg eine
neue Struktur, das Zielbild Einsatzkräfte Heer, das einen dynamischen Prozess
der Erweiterung anstrebt, ohne die Grundstrukturen wesentlich zu verändern. https://www.bahnjdbund.de/themenschwerpunkte/streitkraefteentwicklung-und-technologie/neue-heeresstruktur-lt-bmvg-8-8-22/
Beim Blick auf das Organigramm Kommando Heer in der Struktur 2011 findet
man seine über 50 Bataillone unter dem Dach von annähernd acht Brigadeverbänden
und drei Divisionen organisiert. Diese entsprechen vom Umfang den
Brigaden früherer Strukturen, weichen aber in der Gliederung voneinander ab. Drei
Kampfbataillone werden durch ein eigenes Versorgungsbataillon logistisch unterstützt
und aus den aufgelösten Divisions- und Heerestruppen hat man den Brigaden noch
je ein Aufklärungsbataillon und ein eigenes Pionierbataillon zugeteilt, es
fehlt allerdings mit Ausnahme der Deutsch-Französischen Brigade ein eigenes
Artilleriebataillon. Die Artillerie, einst stärkste Waffengattung des Heeres, war
auf nur noch vier gemischte Bataillone geschrumpft, von denen man drei auf der
Ebene der Divisionen „gepoolt“ hat. Gemischt bedeutet, dass diese Bataillone
neben Panzerhaubitzen 2000 (Kaliber 155 mm) auch über eine Batterie Mittlere
Raketenwerfer MARS II (227 mm) und eine Aufklärungsbatterie mit Drohnen, Schallmessgeräten
und Beobachtungsradaren zur Zielaufklärung und Beobachtung verfügen. Insgesamt
dürfte die Artillerie noch ca. 150 schießende Systeme in der Truppe und Depots
haben. Die Abgaben an die
Ukraine haben den Bestand etwas reduziert (z.B, nur noch 105 statt 119 PH
2000).Etwas spät wurde jetzt eine Nachbeschaffung von 14 PH 2000 eingeleitet.
Mittlerweile wurde wieder ein fünftes Artilleriebataillon, das
Panzerartilleriebataillon 375 in Weiden aufgestellt. Weiterhin ist vorgesehen
in Augustdorf, auch als Kompensation für die Verlegung des Panzerbataillons 203
nach Litauen, ein Panzerartilleriebataillon 215 wiederaufzustellen. In Litauen
ist die Aufstellung einen Panzerartilleriebataillons 455 vorgesehen. Das
Artilleriebataillon 131 soll nach Oberviechtach verlegen und zum
Panzerartilleriebataillon 131 der Panzerbrigade 12 werden. Alle Neuaufstellungen hängen von der noch
nicht entschiedenen Beschaffung der Radhaubitze 155 und der Personallage ab.
Künftig
sollen die drei schweren Brigaden je ein Bataillon mit Panzerhaubitzen 2000
haben, bei den drei mittleren Brigaden soll das ein Bataillon mit Radhaubitzen
Kaliber 155 werden. Die 1. und 10. Division erhalten ein gemischtes Bataillon
mit Panzerhaubitzen 2000 und Raketenwerfer MARS II. Die an die Ukraine
abgegeben MARS-Raketenwerfer, sollen durch die Beschaffung von Raketenwerfern
PULS auf Radfahrzeugen ersetzt werden. Die als erste einsatzbereite Division ab
2025 vorgesehene 10.Panzerdivision hat als Divisionstruppe das
Artillerielehrbataillon 345 zur Verfügung.
Die
Artillerieaufklärungsdrohne KZO dient der Gefechtsfeldüberwachung und Zielaufklärung.
Ursprünglich erlebte auch die Panzertruppe die gleichen Einschränkungen
wie die Artillerie und sollte nur noch vier aktive Bataillone und zwei
Kaderbataillone umfassen. Da ist aber nun mit der Aufstellung eines deutsch-niederländischen
Panzerbataillons in Bergen und einer weiteren Neuaufstellung in Hardheim eine
Trendwende erfolgt und der Panzerbestand soll wieder auf 325 Leopard II (von
einst ca. 2100 Exemplaren) aufgestockt werden. Die Zukunft des nicht aktiven
Gebirgspanzerbataillons 8 als siebtes Bataillon ist offen. Mit immerhin neun
Bataillonen konnte die Substanz der Panzergrenadiertruppe noch erhalten werden,
außerdem wurden drei Jägerbataillone aufgestellt, die mit dem Transportpanzer
Boxer auch über den nötigen Schutz verfügen. Die Gebirgstruppe blieb mit drei
Bataillonen in einer eigenen Gebirgsbrigade und die
Fallschirmjägertruppe mit zwei Regimentern in der Luftlandebrigade und
dem Kommando Spezialkräfte weitgehend unangetastet. Es gibt noch drei Divisionsstäbe,
den der 1. Panzerdivision in Oldenburg und den der 10. Panzerdivision
in Veitshöchheim bei Würzburg. Das dritte Divisionskommando in Stadtallendorf führt
die „schnellen Kräfte“ der Luftlandebrigade 1, von drei Heeresfliegerregimentern
und das oft in den Schlagzeilen stehende Kommando Spezialkräfte. Einen
Sonderfall stellt die Deutsch-Französische Brigade dar, deren deutscher
Anteil mit zwei Jägerbataillonen und einem eigenen Panzerartilleriebataillon,
einer Pionierkompanie sowie einem Anteil an den Versorgungskräften auch schon an
den Umfang einer Brigade heranreicht. Die Bezeichnungen der fünf Panzer-
oder Panzergrenadierbrigaden (Nr. 9 Munster, Nr. 21 Augustdorf, Nr. 41
Neubrandenburg, Nr. 37 Frankenberg, Nr.12 Cham) sind heute nur noch
Traditionsbegriffe und sagen nichts mehr über das Mischungsverhältnis von
Panzern und Panzergrenadieren aus. Sie führen als Kampfbataillone u.a. auch Jägerbataillone.
Grundgedanke war, weitgehend autonome Brigaden zu formieren, die geschlossen in
einen NATO- oder Auslandseinsatz gehen konnten. Sie sollten durch räumliche
Stationierungsnähe und Übungstätigkeit eine hohe Kohäsion entwickeln.
Wegen der unzureichenden Geräteausstattung waren diese Brigaden im
Auslandseinsatz für NATO oder bei Friedensmissionen aber nicht wirklich autonom
und mussten sich immer wieder Gerät bei anderen Truppenteilen ausleihen. Das
Heer ist auch in seiner verkleinerten Formation immer noch in vielen Punkten
eine Fassade. Dem sollten die Trendwenden Finanzen, Ausrüstung und Personal
der letzten Legislaturperiode entgegenwirken. Im neuen Zielbild sollen wieder
alle Verbände voll ausgestattet und aus dem Stand im „Kaltstart“ einsatzfähig
werden.
Oberhalb der Divisionsebene stehen die NATO-Korps in Münster,
Stettin und Straßburg sowie ein multinationales operatives
Führungskommando in Ulm für die Führung größerer Einsätze zur Verfügung.
Die früher auf Divisions-, Korps- oder Heeresebene zahlreichen
direkt unterstellten Bataillone für Kampfunterstützung sind fast völlig
verschwunden. Für die Korps stellt das Heer Stabspersonal und deutsche Anteile
für Führungsunterstützung, damit diese Hauptquartiere mobil einsetzbar sind.
Auf die beiden Panzerdivisionen hat man drei Artilleriebataillone verteilt. Eine Heeresflugabwehr soll am Standort
Lüneburg neu entstehen und nicht, wie ursprünglich angedacht im Rahmen der
Artillerie realisiert werden. Der 1. Panzerdivision ist ein Fernmeldebataillon für das
deutsch-dänisch-polnische Korps Nordost in Stettin unterstellt. Die 1. und 10. Division
verfügt über je ein nicht aktives Einsatzunterstützungsbataillon, das vor allem
den Divisionsgefechtsstand zu sichern hat. Bei der 10. Panzerdivision gibt es
ein nicht aktives Pionierbataillon. Bei der 1.Panzerdivision ist es teilaktiv
mit zwei aktiven Schwimmbrückeneinheiten, eine in der NATO sehr knapp gewordene
Fähigkeit. Diese Kapazität ist nun in Minden in einem gemeinsamen
deutsch-britischen amphibischen Pionierbataillon zusammengefasst worden, da
beide Nationen das amphibische Brückensystem M 3 betreiben, das durch seine
Schwimmbrücken-LKW sehr mobil und flexibel ist. Künftig werden die drei
Divisionen wieder je ein eigenes Fernmelde-, Aufklärungs-, Pionier-,
Artillerie- und Versorgungsbataillon und ein nicht aktives Sicherungsbataillon
führen.
Multinationalität ist ein im Heer ein gelebtes Prinzip. Das unter dem Dach der Panzerlehrbrigade
9 in Bergen neu aufgestellte deutsch-niederländische Panzerbataillon 414 untersteht
im Einsatz der niederländischen Panzergrenadier-brigade 43 und diese ist wiederum
der 1. Panzerdivision zugeordnet. Die luftmobile Brigade 11 der Niederländer
ist für den NATO-Einsatz der deutschen Division schnelle Kräfte unterstellt.
Die an die Luftwaffe abgetretenen minimalen Reste einer
Nahbereichsluftverteidigung unterstehen heute einem niederländischen
Flugabwehrverband und das Seebataillon der Marine kooperiert mit der
niederländischen Marineinfanterie.
Die Kampfpanzerbataillone verfügen einheitlich über Leopard II
in den Versionen A 6 und A7. Der Bestand soll künftig auf 325 aufgestockt
werden. Gegenwärtig werden 107 Fahrzeuge auf den modernsten Stand A7 V
kampfwertgesteigert. 17
Fahrzeuge erhalten auch die besondere Selbstschutzausstattung Trophy. Eine
Nachfolge durch eine gemeinsames deutsch-französisches Kampffahrzeug ist ab
2035 vorgesehen. Es werden 18 weitere Leopard II in neueren Versionen
nachbeschafft werden. um die Abgaben an die Ukraine auszugleichen und den
Kampfpanzerbestand auf der Höhe der Zeit zu halten. Jüngst wurde die
Beschaffung von ca. 100 Leo 2 A8 beschlossen, um den Kampfpanzerbestand auf der
Höhe der Zeit zu halten. Bei den Panzergrenadieren sind fünf Bataillone mit dem
neuen Schützenpanzer Puma ausgestattet, während vier weiterhin den 1971 eingeführten mehrfach modernisierten und bewährten
Marder nutzen müssen, der noch in weit über 300 Exemplaren in
verschiedenen Rüstzuständen vorhanden ist. Die Aufstockung der 350 Puma durch
ein zweites Beschaffungslos stand aus und wurde durch die langen Verzögerungen
bei ihrer Einsatzreife auch nicht unbedingt begünstigt. Das schien sich
nach dem Kurswechsel von 2022 zu ändern, und eine Nachbesserung aller Puma auf
den neuesten, nun einsatzreifen Rüstzustand und ein II. Los zur Ablösung aller Marder in noch vier
aktiven Bataillonen in Reichweite. Das war aber nach einer erneuten Pannenserie
Ende 2022 wieder offen. Möglicherweise müssen etliche mehrfach modernisierte Marder
noch im Dienst bleiben und auf das 60. Dienstjahr zusteuern. Allerdings wird
jetzt doch eine schrittweise Kampfwertsteigerung der vorhandenen Puma fortgesetzt
und ein kleineres Los von 50 Fahrzeugen nachbeschafft. Die verbleibenden Marder
dürften dann zu einem späteren Termin endgültig ausscheiden, wenn die noch
offene Entscheidung für die Ausstattung von drei Radschützenpanzerbataillonen
der mittleren Kräfte mit einer Variante des Boxers entschieden ist.
In letzter Zeit rückt neben den schweren gepanzerten Kräften und
den leichten Kräften in der Luftlandetruppe und bei den Gebirgsjägern die
Kategorie mittlere Kräfte immer mehr ins Auge der Heeresplaner
(operative Leitlinien Landkriegführung). Darunter stellt man sich eine
Aufwertung der mit dem Transportpanzer Boxer radbeweglichen
Jägertruppenteile vor, deren Fahrzeuge durch Einrüstung von Maschinenkanonen,
Panzerabwehrraketen und Mörsern eine höhere Feuerkraft erlangen sollen. Eine
ideale Ergänzung wären auch die von der Industrie angebotenen stark
automatisierten 155-mm Türme der PH 2000 auf dem Fahrgestell des Boxers. Der
Boxer entwickelt sich zu einem Erfolgsmodell und ist u.a. in den Niederlanden
in Gebrauch und wird künftig in Großbritannien von der Firma Rheinmetall für die britischen Streitkräfte produziert. Jüngste
Entscheidung war die Beschaffung von 100 „Kampfboxern“ mit einem
Maschinenkanonenturm, die von der Firma Rheinmetall in Australien produziert
werden, und als „schwerer Waffenträger“ den leichten Panzer Wiesel in den
Jägerbataillonen ablösen sollen.
Der
Transportpanzer Boxer kann mit verschiedenen Ausstattungen viele Rollen übernehmen.
Radpanzer der mittleren Kräfte wären bei größeren
Verlegungen bei einem „Kaltstart“ des Heeres nicht unbedingt auf den
Eisenbahntransport angewiesen. Unausgesprochen stehen dabei sicher auch mögliche
krisenhafte Entwicklungen an der Ostperipherie des Bündnisses im Mittelpunkt.
Die drei Jägerbataillone und ein Gebirgsbataillon waren ohnehin mit dem Transportpanzer
Boxer ausgestattet. Die Kategorie mittlere Kräfte in Stärke einer Brigade wird
an Bedeutung gewinnen, wenn man sich zum Ende des Jahrzehnts nach fast
sechzigjähriger Nutzung endgültig vom Schützenpanzer Marder trennen muss, und auch zwei schwere Brigaden (Nr. 21
und 41) mit Radpanzern ausstatten muss. Allerdings
fehlt den mittleren Kräften die Feuerkraft und Durchsetzungsfähigkeit von
Kampfpanzern. Die Planer versprechen sich allerdings ein hochflexibles
Element digitalisierter Landoperationen in dem kompletten Spektrum der
Kriegführung incl. des elektronischen Kampfes und der hybriden Bedrohung und
legen Wert auf eine abstandsfähige Bewaffnung mit Drohnen ,intensive Aufklärung
und indirektes Feuer, da eine direkte Duellsituation mit schweren Systemen
weniger erfolgversprechend wäre. Mittlere Brigaden dürften auch in größeren
Räumen operieren, die durchaus dem von Divisionen gleichkommen. Sie überwachen
Räume und sichern den Aufmarsch schwerer Kräfte. Ihre Mobilität und schnelle
Reaktion prädestiniert sie auch für schnelle Reaktion und Krisenbewältigung.
Die
aktuelle Heeresplanung sieht die Zusammenfassung der schweren Kräfte des
Heeres in den Brigaden 9 (Munster), 12(Cham) und 37 (Frankenberg) vor, während
die bisher schweren Brigaden 21 (Augustdorf) und 41 (Neubrandenburg) in
mittlere Brigaden umgewandelt werden. Die beiden schweren Bataillone der Panzerbrigade
21 ( PzBtl 203 und PzGrenBtl 212) sollten zur Panzerbrigade 9 bzw. Panzergrenadier
Brigade 37 wechseln. Da gibt es nun die neuen Entscheidung, diese beiden
Bataillone nach Litauen zu verlegen, um dort die Panzerbrigade 45 aufzustellen.
Das PzBtl 363 Hardheim wechselt von der
Panzergrenadierbrigade 37 zur Panzerbrigade 12. In den drei schweren Brigaden
incl. dem der niederländischen mechanisierten Brigade 43 unterstellten PzBtl
414 wird es dann in wechselnder Zusammensetzung insgesamt sieben aktive
Panzergrenadierbataillone (33, 92, 212, 371, 391, 112,122) und sechs aktive
Panzerbataillone (93,203 414, 393, 363, 104) geben. Weitere drei
Panzergrenadierbataillone mit Radschützenpanzern wird es in den drei mittleren
Brigaden geben. Dazu wird wohl der Lehrverband des Gefechtsübungszentrums
Altmark gehören, der mit seinen gemischten Ausstattung mit Jägern, Panzergrenadieren
und Panzern schon bei der Brigade 41 als dritter aktiver Kampfverband in
Organigrammen aufgeführt ist. In einer Arbeitsgliederung soll die
10.Panzerdivision (Veitshöchheim) mit den Brigaden 12 und 37 sowie der neu
unterstellten mittleren Brigade 13 der Niederlande die der NATO für 2025
einsatzbereite schwere Kampfdivision bilden. Die ursprünglich dafür vorgesehene
Panzerbrigade 9 ist wohl nicht mehr für die vorläufige Division 2025
eingeplant. Die 10.Panzerdivision erhält für ihre Einsatzrolle Unterstützungseinheiten
aus den Organisationsbereichen SKB, Sanität und CIR fest zugewiesen.
Die
Einsatzbereitschaft und Ausstattung der 10.Panzerdivision hat Priorität Die
Vollausstattung und Digitalisierung der 1. Panzerdivison und der Division
schnelle Kräfte sollen folgen. Zum Ende des Jahrzehnts sollen die 1.
Panzerdivision die schweren Brigaden 9 und 43 (NL) und die mittleren Brigaden 21 und 41 als vollausgestatte
kaltstartfähige Verbände führen. Bei der 10. Division werden das in der
Endgliederung die schweren Brigaden 12 und 37 und die mittleren Brigaden D/F
und 13 (NL) sein. Die leichten Kräfte
werden sich dann in der Division schnelle Kräfte mit der Luftlandebrigade 1 und
der Gebirgsbrigade ohne gepanzerte Fahrzeuge plus der niederländen Luchtmobilen
Brigade 11 finden. Bei den Panzergrenadieren wird der aktive Anteil auf sieben
Bataillone sinken und zwei Bataillone in mittlere Kräfte umgegliedert. Offiziell sieht die Heeresplanung bis 2032
für die NATO drei komplette deutsche Divisionen mit acht, später vielleicht 10
Brigaden vor. Das wären in der Zielstruktur sechs Kampfbrigaden (Nr. 9, 12,
21, 23, 37, 41) mit drei bis vier aktiven und nicht aktiven Kampfbataillonen
plus einer Aufstockung des deutschen Anteils der Deutsch-Französischen Brigade
plus die Luftlandebrigade 1 umfassen.
Insgesamt
geht man auch von einer Aufwertung der Divisionsebene aus und von der Aufstellung
von Aufklärungs- und Pionierkräften in die Divisionstruppen. Die Brigaden
sollen allerdings ihre eigenen Aufklärungs- und Pionierbataillone behalten. Die
Rückkehr der Feldjäger und ABC -Abwehrtruppe aus der SKB ins Heer ist erst
einmal nicht vorgesehen und für Teile der Sanitätskräfte ist diese Diskussion
auch erst einmal beendet.
Im
Rahmen der Zuordnung der Gebirgsjägerbrigade 23 zu den leichten Kräften wurden
das Panzerpionierbataillon 4, das Aufklärungsbataillon 230, nun 10, und das
Gebirgsversorgungsbataillon 8 der 10. Panzerdivision als Divisionstruppen
unterstellt. Zu deren Divisionstruppen gehören auch das Fernmeldebataillon 10
Veitshöchheim und das Artillerielehrbataillon 345 in Idar-Oberstein.
Die Heeresführung und der Generalsinspekteur fordern „kaltstartfähige“
Verbände, die sich dauerhaft in einer Einsatzstruktur befinden und nicht
erst nach einem Baukastensystem zusammengesetzt werden müssen, wie das bei den
Auslandskontingenten für Friedensmissionen bislang der Fall war.
Mittlere Raketenwerfer MARS
II könnten künftig die Divisions- oder Korpsartillerie verstärken. Hier
ausgestellt in Münster-Handorf und unterwegs in den Übungsgebieten der
Lüneburger Heide. Gegenwärtig verteilen sich diese Systeme auf die vier
gemischten Artilleriebataillone.
Beim
Blick auf das Organigramm des Heeres kann man feststellen, dass der Rahmen
dieser Planung zum Fähigkeitsprofil 2031 für die Kampftruppenteile mit den
heute schon vorhandenen aktiven Bataillonen und Ergänzungstruppenteilen in den
Brigaden möglich ist. Neuaufstellungen
wären allerdings bei der Artillerietruppe (+5 Bataillone), einigen Divisionstruppen
und Truppen für ein Korps (Führungsunter-stützung, Logistik, Flugabwehr)
erforderlich. Insgesamt dürften das ca. 13 Bataillone und 16 neue selbstständige
Kompanien sein. 2023/24 beginnt der Aufwuchs der Artillerie mit einer Teilung
des Artilleriebataillons 131 in Weiden. damit die PzBrig 12 und PzGrenBrig 37
wieder ein eigenes Panzerartilleriebataillon (131,375) erhalten. Auch in der
Anschlusslogistik wäre ein Ausbau erforderlich, da das Logistikkommando drei
Heeresdivisionen plus Luftwaffe und Marine heute nicht in einem breiten Einsatz
versorgen könnte. Bei dieser Planung handelt es sich bei der Kampfstärke nicht
um eine Steigerung der Quantität, sondern der Qualität!
Diese Ausbaupläne waren vor der „Zeitenwende“-Rede finanziell nicht unterlegt. Der Jahresetat müsste
wohl auf 54 Mrd.€ steigen, er hatte aber 2021 seinen Zenit mit 50 Mrd. erreicht
und wird in der mittelfristigen Finanzplanung nicht weiter steigen. . Generäle, die derartige Planungen gegenüber
der Politik mit Vehemenz verfolgten und betonen, dass die friedenserhaltende
Abschreckung nur durch die Befähigung zum Kampf glaubwürdig sein kann, liefen
immer Gefahr, mit dem politischen und gesellschaftlichen „Mainstream“ zu
kollidieren, der den Gedanken einer Bundeswehr im Kampfeinsatz gerne verdrängte.
Ob der jüngste Kurswechsel und das Bekenntnis zum 2
%-Ziel auch nach einem Ende der Kampfhandlungen in der Ukraine noch vehement
vertreten werden, darf man als politischer Betrachter durchaus in Frage
stellen. Die Kräfte in Politik und Gesellschaft, die für die Vernachlässigung
der Verteidigung Verantwortung trugen, sind schließlich nicht über Nacht
verschwunden und beginnen sich auch schon wieder zu Wort zu melden! Außerdem konkurrieren die Vorhaben des Heeres mit denen der
anderen Teilstreitkräfte, die erhebliche Finanzkräfte binden, hinter denen aber oft eine
starke industriepolitische Lobby steht. So gilt das
deutsch-französisch-spanische Luftwaffenprojekt FCAS wegen seiner
politischen und technologischen Bedeutung als „too big to fail“, auch wenn man
kritisch dabei anmerken sollte, dass es am Ende vielleicht nur um 100 – 150
Systeme handeln dürfte. Der Ausfall eines einzelnen Systems dürfte dann mehr
ins Gewicht fallen als der eines Gefechtsfahrzeuges der Landstreitkräfte. Hier
einige Beispiele zum Kostenvergleich: 350 Schützenpanzer Puma (4,9 Mrd.€), 140
Eurofighter (24,5 Mrd. €), 4 Fregatten 125 (3,2 Mrd. €), 53 Transportflugzeuge Airbus
A 400 M (9,6 Mrd.€), 68 Kampfhubschrauber Tiger (5,1 Mrd.€). Als außenstehender
Beobachter, der vom Einsatz her denkt, mag man durchaus kritisch hinterfragen, ob es
immer sinnvoll ist, einen großen Teil der engen Finanzmittel aus
industriepolitischen und politischen Motiven in die Eigenentwicklung einer
relativ begrenzten Zahl von schwimmenden und fliegenden System zu investieren,
wenn die Schwerpunktaufgaben zu Lande große Defizite aufweisen und ob die ohne
Zweifel notwendigen Aufgaben der Dimensionen Luft und See nicht durch
marktverfügbare Angebote auch abgedeckt werden könnten. Als Gegenargument
dürfte dann allerdings von den Lobbyisten sofort der Erhalt von
Schlüsseltechnologien und die technologische Konkurrenzfähigkeit
Deutschlands ins Feld geführt werden.
Neben den Divisionskommandos stehen in der Heeresgliederung auf
gleicher Höhe der Hierarchie noch zwei weitere Einrichtungen: das Amt für
Heeresentwicklung in Köln und das Ausbildungskommando in Leipzig.
Das Kölner Amt geht auf das ursprünglich mit viel weitergehenden
Aufgaben in der Heereslogistik und Ausbildung betraute Heeresamt zurück. Der
neue Kernauftrag besteht nun in der Entwicklung einer Konzeption und
Materialplanung für die Weiterentwicklung des Heeres. Hier sind wichtige
Prozesse in Gang gekommen, die mit neuen Planungen für digitalisierte
Landoperationen (DLBO) den Charakter des Heeres durchaus verändern können.
Das Ende ist noch offen. Das Amt für Heeresentwicklung arbeitet eng mit dem
Planungsamt und dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung
zusammen.
Dem Ausbildungskommando des Heeres unterstehen die
verschiedenen Schulen der Waffengattungen und einige Übungszentren. Die beiden
Ausbildungsbataillone für Offiziere wurden aufgelöst, die drei
Ausbildungsbataillone für Unteroffiziere bestehen zurzeit noch.
An der Spitze stehen die Offizierschule des Heeres in
Dresden und die Unteroffizierschule in Delitzsch. Bekannt sind die Panzertruppenschule
in Munster und Infanterieschule in Hammelburg, denen noch spezielle Schulen
an anderen Orten unterstellt sind (Artillerie in Idar-Oberstein, Heeresaufklärung
in Munster, Gebirgs-/Winterkampf in Mittenwald, Luftlandung/Lufttransport in
Schongau, Spezialkräfte in Calw). Zur Pionierschule in Ingolstadt gehört
auch eine Schule zur Kampfmittelabwehr in Stetten. Für das technische Knowhow
der zahlreichen Heeressysteme ist die Technikschule des Heeres in Aachen
zuständig.
Dazu kommen einige Ausbildungs- und Übungszentren:
Fernspäher in Pfullendorf, UN in Hammelburg, Luftbeweglichkeit in Celle,
Gefechtssimulation in Wildflecken und auf dem Truppenübungsplatz Altmark
befindet sich das Gefechtsübungszentrum Letzlingen. Einige Schulen für Aufgaben
der Landstreitkräfte befinden sich auch unter dem Dach der Streitkräftebasis
(s.u.).
Abschließend sei beim Blick auf das Organigramm des Heeres noch
auf ein Element der vorhandenen Heeresstruktur hingewiesen, dass künftig
größere Bedeutung erlangen könnte. An anderer Stelle war bereits von der
eilfertigen Auflösung zahlreicher nicht aktiver Bataillone bis 2008 die Rede.
Dies geschah in besonderem Maße in der Streitkräftebasis. Im Heer begann man in
der neuen Struktur schnell wieder damit, auch nicht aktive Truppenteile
abzubilden, die durch Reservisten aufgefüllt werden konnten. Bei diesen sog. „Ergänzungstruppenteilen“
handelt es sich sowohl um bataillonsstarke Verbände unter dem Dach der Brigaden
bzw. Divisionen als auch um kompaniestarke Formationen, die an aktive
Heerestruppenteile angegliedert sind. Diese Ergänzungstruppenteile sind
allerdings bislang reine Personalergänzungsformationen, die über kein eigenes
Gerät verfügen. In gelegentlichen freiwilligen Reservedienstleistungen
(anstelle der früheren Wehrübungen) können die Reservisten unterstützt von den
aktiven Truppenteilen mit deren Gerät in Übung gehalten werden. So wird
zumindest die personelle Durchhaltefähigkeit des Heeres erhöht. Für einen Teil
dieser Ergänzungstruppen dürfte ein gewisser Gerätebestand in den Depots
(Panzer, Pioniergerät) auch noch vorhanden sein, aber bei den Übungen werden
diese Einheiten damit nicht mobilisiert. Insgesamt sind dies im Heer ca. sieben
Ergänzungstruppenbataillone, darunter zwei Einheiten Panzergrenadiere und ein
Jägerverband, und ca. 20 kompaniestarke Einheiten verteilt auf aktive Heeresbataillone.
Die Heeresplaner sahen bislang vor, bis zum Ende des Jahrzehnts
diese Ergänzungstruppen wieder personell mit Reservisten voll aufzufüllen
und mit Gerät auszustatten und durch Ausbildung und Übungen zu nicht aktiven
Einsatzverbänden zu machen, mit denen man das Planziel von drei Divisionen
erreichen kann. Das 2022
veröffentlichte Organigramm zum neuen Zielbild machte keine Angabe zu
Reserveverbänden. Man kann bei den Kampftruppen höchstwahrscheinlich nur einen
beschränkten Aufwuchs durch die künftig mit Gerät und beorderten Reservisten
aktivierbaren Bataillone 908,909,921 und ggf. GbPzBtl 8, annehmen, die ohnehin
schon als Ergänzungstruppenteile existieren und üben. Die aktuellen Stärkezahlen der Bundeswehr liegen bei 183 -184.000
Soldatinnen und Soldaten und sind regelmäßig in Thomas Wiegolds
sicherheitspolitischen Blog „Augen geradeaus“ in detaillierter Aufschlüsselung
nachzulesen. Ob eine Aufstockung auf 203.000 bis 2027 gelingt, sei einmal
dahingestellt. Schon jetzt können die haushaltsmäßig vorgesehenen Dienstposten
nicht alle besetzt werden. Die Zahl 203.000 ergäbe sich aus der vorgesehen Zahl
von 198.000 aktiven Soldaten und 5000 Übungsdienstposten für
Reservedienstleistende, die gerade üben.2022/23 sank die Aktivstärke auf
ca. 182.000.
Für den Aufwuchs ist gegenwärtig immer von 60.000 – 62.000
Reservedienstposten die Rede, von denen aber nur ca. 39.000 mit Beorderungen unterlegt sind. Im Zusammenhang mit der
Einführung der Grundbeorderung als Teil der neuen Strategie der
Reserve kursierten Zahlen über einen möglichen Aufwuchs von 90.000
-100.000, wobei man davon ausgehen kann, dass ein Teil davon auf Personalersatz
entfallen wird. Die Terminologie der Reserve unterscheidet zwischen einer Verstärkungsreserve
für Beorderung in der Truppe, der Personalreserve als Pool für Ausfälle
von Führungspersonal, der Territorialen Reserve in Heimatschutzkompanien
und Verbindungskommandos in den Kommunen und einer Allgemeinen Reserve
mit der Masse nicht eingeplanter, nach den gesetzlichen Altersgrenzen noch „wehrfähigen“
Männer und Frauen, die einmal in der Bundeswehr gedient haben, darunter noch
viele ehemalige Wehrpflichtige. Künftig wird es noch eine besondere Kategorie
für den Personalersatz (Feldersatz) geben.
Eine jüngere Information eines
Vortragenden des BMVg in einem Artikel des Reservistenmagazin „Loyal“ 9/2021
(S.49) lässt aufhorchen. Demzufolge soll sich der Aufwuchs aus wie bisher ca.
60.000 Reservedienstposten und 40.000 Soldaten aus dem aktiven Bestand der
Bundeswehr zusammensetzen, deren Dienstposten in einem Verteidigungsfall
wegfallen würden. Das ist eine alte Praxis, Militärangehörige in Schulen,
Verwaltungsdienststellen, Friedensstäben etc. für eine Mobilmachungsverwendung
in den Einsatzkräften vorzusehen. Die muss man natürlich schon zum Ist-Bestand
von 183.000/184.000 aktiven Soldaten zählen, so dass ein realer Aufwuchs der
Bundeswehr auf maximal 245.000 Soldaten in einem Konflikt zu erwarten wäre bzw.
265.000 Soldaten, wenn es doch noch zu einer Aufstockung der Aktivstärke kommen
sollte.
Auf
der Jahrestagung der Reserve im Herbst 2023 sprach man von 60.000 beorderten
Reservisten, 40.000 Aktiven in Zweitrolle für den Aufwuchs und 30.000
Spiegeldienstposten in der Personalreserve. Die Zahl 90.000 bezöge sich somit
auf die Summe aller nicht aktiven Reservedienstleistenden, die Zahl 100.000 auf
die Summe aller Beorderten in der Verstärkungs- und Territorialen Reserve
inklusive 40.000 Aktiven in Zweitrolle. Die Bedarfsermittlung für
Feldersatztruppenteile läuft noch. Nach Abzug der 40.000 Aktiven in Zweitrolle
auf einem nicht aktiven Dienstposten in der Verteidigungsstruktur von der
aktuellen Aktivstärke käme man auf einen Umfang von 232.000 aktiven und nicht
aktiven Soldaten, die für den Verteidigungsauftrag gegenwärtig eingeplant
werden. Natürlich liegt zwischen Plansoll und verfügbarem Ist immer eine
Differenz.
In
einem Kommentar des Hardthöhenkuriers (3/2024) war davon die Rede, dass der
Verteidigungsumfang der Bundeswehr in der NATO-Planung unter Einschluss der
Ersatzreserve mit ca. 460.000 gehandelt werde. Da ginge man dann von 200.000
Friedensumfang und einen Aufwuchs von 75.000 Reservisten aus. Man könne dann
über den Umfang der Ersatzreserve spekulieren, der sich nach der genannten
Umfangszahl auf 185.000 belaufen müsste.
Zum Vergleich, die
Mobilmachungsstärke der 80er Jahre betrug über 1,3 Millionen. Als Handwaffe wird
man für den Aufwuchs auch das künftig abzulösende G 36 weiternutzen. 19.000 G 36 werden gegenwärtig
dafür eingelagert.
Reservisten können in der Bundeswehr aktive Einheiten personell verstärken,
als Personalreserve für Ausfälle und Vakanzen zur Verfügung zu stehen, oder
komplette nicht aktive Einheiten (Ergänzungstruppenteile) auffüllen, die dann als
Einsatzverbände neben die aktiven Bataillone und Kompanien treten.
Diese Grafik gibt Vorstellungen der Planer über den
künftigen Umfang der Aktivstärke und des Aufwuchses wieder. Der Aufwuchs bestünde dann aus ca. 60.000
Reservisten und 40.000 aktiven Soldaten, deren Friedensdienstposten in
einem Krieg wegfielen.
Die
60.000 -62.000 Reservistendienstposten und 40.000 Aktiven, die ihre
Friedensdienstposten verlassen würden, bilden zusammen den Ergänzungsumfang,
den man in der Terminologie nicht automatisch mit der Reserve gleichsetzen
sollte und was gelegentlich zu verwirrenden Zahl von 100.000 Reservisten führt.
Wenn Zahlen von 90.000 bis 100.000 genannt werden, geht es um
die Dienstposten für den Ergänzungsumfang , zu dem eben auch aktive Soldaten
gezählt werden müssen.
Jüngste
Zahlenangaben von 2023 nennen folgende Zahlen für das Plansoll nicht aktiver
Dienstposten für die Verteidigungstruktur bei der beorderte Reservisten und
Aktive in Zweitrolle „verzahnt“ werden: Heer 20.000, Luftwaffe 15.000, Marine
5000, SKB 14.000, Territoriales Führungskommando, wozu jetzt u.a. die
Territoriale Reserve für den Heimatschutz gehört 26.000, Kommando CIR inkl.
Cyberreserve, 3500, Sanitätsdienst 16.400. Das schließt die Dienstposten für
die zusätzlich aufzustellenden Ergänzungseinheiten ebenso ein wie das Personal,
um aktive Einheiten auf volle Stärke zu bringen,
Bisher stellte die Freiwilligkeit von Reservedienstleistungen
eine große Hürde für derartige Vorhaben dar. Seit Oktober 2021 können nun im
Rahmen eine neuen „Strategie der Reserve“ alle ausscheidenden Soldaten vor
dem 57. Lebensjahr für sechs Jahre in einer Grundbeorderung auf
Reservedienstposten verpflichtend eingeplant werden, allerdings bleiben im
Frieden Reservedienstleistungen während der sechsjährigen Beorderungszeit weiterhin
freiwillig. Im Prinzip ist das eine Wiedereinführung von Elementen der alten
Wehrpflicht für ehemalige Freiwillige. Ein weiteres Potential erschließt sich nun
durch die Einplanung von 40.000 aktiven Soldaten, deren Posten in einem
Verteidigungsfall wegfallen würden (zum Beispiel in Schulen, Stäben, im Rüstungsbereich)
und die in allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen
Reservedienstposten besetzen könnten. Allerdings sind diese Planungsabsichten
noch nicht umfassend publiziert. In der Bundeswehrpublizistik wird meist der
Eindruck vermittelt, dass sich der Aufwuchs vorwiegend aus Reservisten
zusammensetzt, die als Zivilisten wieder die Uniform anziehen. Dabei ist die
Nutzung von aktiven Soldaten auf im Kriege wegfallenden Dienstposten in einer
Einsatzverwendung in der Kriegsgliederung eigentlich ein positives Beispiel für
eine effiziente Personalnutzung und sollte angesichts der häufigen Kritik an
einem kopflastigen und ineffizienten Personalkörper Bundeswehr viel stärker
vermarktet werden.
Eine weitere Personaloption für den Reservedienst stellt das 2021 begonnene
Projekt „Dein Jahr für Deutschland – Freiwillige im Heimatschutz“ dar.
In einem siebenmonatigen freiwilligen Wehrdienst sollen Soldatinnen und
Soldaten für den Einsatz im Sicherungsdienst und in der Katastrophenhilfe
qualifiziert werden und danach für sechs Jahre in den zurzeit 37 Heimatschutzkompanien eingeplant werden. In diesem Zeitraum sollen
sie dann auch insgesamt fünf Monate Reservedienst in jährlichen Übungen zur
Erhaltung und Erweiterung ihrer Qualifikation leisten. Neben diesem in der
Streitkräftebasis angesiedelten Projekt bemühen sich auch die Luftwaffe und neuerdings
auch die Marine, ihre Sicherungskräfte mit Reservisten zu erneuern.
Seit 1960 bietet der Verband der Reservisten der Deutschen
Bundeswehr ehemaligen Soldaten mit der Freiwilligen Reservistenarbeit
ein Forum, um sich in Zusammenarbeit mit der Bundeswehr bei der Erhaltung
militärischer Grundfertigkeiten fit zu halten, sich zu informieren und in der
Öffentlichkeit selber in einer Mittlerrolle sicherheitspolitische Anliegen zu
diskutieren und zu vermitteln.
Ungeachtet der arbeitsteiligen
Differenzierung der Truppe und vieler Friedensdienst-posten in Ämtern und
Stäben, besteht die Forderung, dass jeder Soldat ungeachtet seiner Funktion,
die militärischen Grundfertigkeiten beherrscht und mit einer Handwaffe
(Sturmgewehr, Maschinenpistole, Pistole) ausgestattet werden kann, um sich,
seine Einheit und Objekte im Einsatzgebiet oder in der Heimat zu schützen. Ggf. sind dafür auch noch
Altbestände an Waffen zu lagern. Gern berichtet auch die Bundeswehrpublizistik,
wenn logistische Einheiten oder IT-Bataillone im Gelände den für sie nicht
typischen infanteristischen Einsatz üben. Die Befähigung dazu soll die Allgemeine
Grundausbildung, aber auch gelegentliches Üben im Dienstplan sicherstellen. Für
Reservisten bietet die Bundeswehr in Zusammenarbeit mit dem Reservistenverband im
Rahmen der Freiwilligen Reservistenarbeit bei Dienstlichen
Veranstaltungen diese Fertigkeiten, allen voran das Schießen, zu
trainieren.
60 Jahre Freiwillige Reservistenarbeit in Zusammenarbeit
von Bundeswehr und Reservistenverband
Natürlich sind nicht alle Dienstposten einer Armee von 184.000 Soldatinnen
und Soldaten mit „Kämpfern“ besetzt und viele Funktionen, aus dem Friedensgrundbetrieb
würden in einem Verteidigungsfall wegfallen, darunter viele Schüler und deren
Ausbilder. Diese müssten dann auf einem anderen Dienstposten oder in
spontanen Bedrohungssituationen im Verteidigungsfall auch Gefechtstätigkeiten
wahrnehmen.
Wurden von dem Sturmgewehr G 3 noch ca. 2 Millionen
beschafft, kam das G 36 mit ca. 190.000 Exemplaren zur Truppe und so ist
das neue Sturmgewehr nur noch mit 120.000 ausgeschrieben. Dies mag ein Anhalt
für den eigentlichen Gefechtsumfang sein, auch wenn viele weitere neue
Infanteriewaffen eingeführt wurden und viele alte auch noch genutzt werden.
Auch ist nicht jeder Gewehrträger in einem Einsatz automatisch in eine primären
„Kämpferfunktion“ eingesetzt. Eine moderne Armee ist ein komplexes Gebilde, das
nicht mehr viel mit den Formationen gemein hat, die der Normalbürger immer in
Weltkriegsdokumentationen sieht.
Zu den aktuellen Plänen zur Verstärkung des Heimatschutzes
gehört nicht nur die Aufstockung auf 42 Heimatschutzkompanien in sechs
Regimentern, sondern auch ein Projekt für einen stationären Objektschutz in
allen Teilstreitkräften und Organisationsbereichen.
Die bevorstehenden Neuplanungen bei der
Dimension Land seien hier noch einmal zusammengefasst, da sie in der folgende
Übersichtsgrafik zum Heer in der gegenwärtigen Struktur in den nächsten Jahren
noch nachgetragen werden müssten. An der Stationierung und dem Bestand vorhandener
Truppen wird sich ohnehin nicht allzu viel ändern und neu aufgestellte
Reserveformationen sind auch nicht zu erwarten.
Die ursprünglich für 2027 zugesagte voll ausgestattete und
einsatzbereite schwere NATO-Division wurde auf 2025 vorgezogen. Gleichzeitig
muss neben den vorhandenen Kräfte für die erweiterte Präsenz in Litauen nun
auch eine Brigade im Rahmen des New Force Models der NATO in Bereitschaft
gehalten werden. Künftig werden die schweren Kräfte mit sechs Panzer- und nur
noch sieben Panzergrenadierbataillonen in drei Brigaden zusammengefasst: Panzer(lehr)brigade
9 Munster, Panzerbrigade 12 Cham, Panzergrenadierbrigade 37 Frankenberg. Das
Panzerbataillon 414 Bergen-Loheide wird dabei weiterhin im Einsatz der mechanisierten niederländischen Brigade 43
unterstehen Die mittleren Kräfte mit Radpanzern sollen von der bisherigen
Panzerbrigade 21 Augustdorf, der Panzergrenadierbrigade 41 Neubrandenburg und
dem deutschen Anteil der Deutsch/Französischen Brigade im Südwesten geführt
werden. Die Brigade 21 gibt das Panzerbataillon 203 an die Panzerbrigade 9 und
das Panzergrenadierbataillon 212 an die Panzergrenadierbrigade 37 ab.
Langfristig
soll die Einsatzgliederung so aussehen: Zum Ende des Jahrzehnts sollen die 1.
Panzerdivision die schweren Brigaden 9 und 43 (NL) und die mittleren Brigaden 21 und 41 als vollausgestatte
kaltstartfähige Verbände führen. Bei der 10. Division werden das in der
Endgliederung die schweren Brigaden 12 und 37 und die mittleren Brigaden D/F
und 13 (NL) sein. Die leichten Kräfte werden sich dann in der Division schnelle
Kräfte mit der Luftlandebrigade 1 und der Gebirgsbrigade ohne gepanzerte
Fahrzeuge plus der niederländen Luchtmobilen Brigade 11 finden.
Aus
der Panzerbrigade 21 wird dann eine Jägerbrigade, welche die schon vorhandenen
mit Transportpanzern Boxer ausgestatteten Jägerbataillone 1 (Schwarzenborn), 91
Rotenburg/Wümme und 413 Torgelow führen soll. Die Panzergrenadierbrigade 41
müsste als mittlere Brigade ihre beiden Marder-Bataillone 401 Hagenow und 411 Viereck in Jägerbataillone mit Boxer
umwandeln und die beiden noch mit dem Schützer Marder ausgestatteten
Panzergrenadierbataillone der Panzergrenadierbrigade 37 mit den Nummern 371
Marienberg und 391 Bad Salzungen mit neuen Schützenpanzern Puma aus einem II.
Los ausgestattet werden, während das Panzergrenadierbataillon 212 schon Puma
hat.
Langfristig
wird erwartet, dass die drei mittleren Brigaden jeweils zwei Jägerbataillone
und ein Radschützenpanzerbataillon führen.
Eine
Veränderung der Planung ergibt sich aus der Entscheidung, in Litauen eine
Brigade dauerhaft zu stationieren, die sich als Panzerbrigade 45 aus dem
Panzerbataillon 203 und dem Panzergrenadierbataillon 122 plus dem jeweiligen in
Rotation befindlichen enhance- Forward-Presence-Bataillon unter deutscher
Führung zusammensetzen wird. Der Heeresinspekteur sprach auch von der
beabsichtigten Aufstellung eines Panzerartilleriebataillons 455.
Hier
dürften aber durch die erneute Krise beim Schützenpanzer Puma einige
Unwägbarkeiten bestehen. Wird der Schützenpanzer Marder nicht noch länger in
Dienst bleiben müssen? Wird es je ein Panzergrenadierbataillon (Rad)für die
mittleren Brigaden 21,41 und D/F geben? Vorläufig werden die Bataillone
1,91,413, 291,292 und künftig 401,411
vorerst mit Transportpanzern Boxer und Fuchs auskommen müssen. Hier sind zuerst
einmal die leichten Panzer Wiesel als Unterstützungsfahrzeuge durch den
schweren Waffenträger Boxer zu ersetzen.
Eine
Sonderrolle spielt der Lehrverband des Gefechtsübungszentrums Altmark
(Letzlinger Heide), den Gliederungsbilder schon für die Einsatzgliederung als
Panzergrenadierbataillon und dritten Kampfverband der Brigade 41 zuweisen.
Weiterhin
müssen aus den vier gemischten Artilleriebataillonen mit Panzerhaubitzen 2000,
MARS II und Artillerieaufklärungskräften, nämlich 131 Weiden (künftig
Overviechtach), 325 Munster, 295 Stetten und 345 Idar-Oberstein, sechs
Artilleriebataillone für die Brigaden (drei
schwere Bataillone mit PH 2000 und drei leichte Radhaubitzen 155) und
drei Artilleriebataillone für die Divisionen (zwei gemischte Bataillone PH
2000, MARS II und einmal luftbeweglich) entstehen. Zum radbeweglichen und
luftbeweglichen System stehen Entscheidungen noch aus und sind auch im
Sondervermögen nicht eingestellt. Die Aufstellung des
Panzerartilleriebataillons 375 in Weiden wurde begonnen, ist aber noch nicht
abgeschlossen.
Als neue
Standorte sind Fallingbostel-Oerbke und Bautzen gedacht. Zusätzlich
aufzustellen sind je ein Aufklärungsbataillon für die 1.Panzerdivision und
Division Schnelle Kräfte DSK, ein Fernmeldebataillon für die 1. Panzerdivision,
je ein Versorgungsbataillon für die 1.Panzerdivision und DSK und ein nicht aktives Versorgungsbataillon
für die Korpstruppen. Je ein neues Pionierbataillon wird für die Brigade 41 und
die Brigade D/F benötigt. Dazu ca. 17 Stabsunterstützungs-kompanien,
Fernmeldekompanien, Versorgungskompanien und Sanitätskompanien in den Brigaden.
Die in Schwarzenborn aufgestellte Fernspähkompanie als Korpstruppe soll um eine
nicht aktive Kompanie ergänzt werden. Die beiden Fallschirmregimenter 26 und 31
in Saarlouis, Zweibücken und Seedorf werden in drei Bataillone für die
Luftlandebrigade 1 und ein Regiment als Dispositiv für die Nationale
Krisenvorsorge aufgeteilt. Noch offen ist die Aufstellung je eines zusätzlichen
mittleren deutschen Bataillons im Rahmen der Brigade D/F und 13. Leichten Brigade
(NL), welche seit März 23 der 10.Panzerdivision unterstellt ist und den
mittleren Kräften zugerechnet werden kann. Über ein viertes nicht aktives
Gebirgsbataillon kann man nur spekulieren. Aus den Kräften für das Gefechts-übungszentrum
Letzlinger Heide soll wie schon erwähnt für den Ergänzungsumfang ein gemischter
Verband (Pz,PzGren, Jg) für die Brigade 41 gebildet werden.
Im Planungsbild
zum Zielbild Einsatzkräfte Heer findet man keine Angaben zur Zukunft der bisher
abgebildeten Ergänzungstruppenteile. Mutmaßlich werden die nicht aktiven
Ergänzungstruppenbataillone 908 (PzGren) Viereck, 909 (PzGren) Marienberg und
921(Jg) Schwarzenborn die Brigaden 41, D/F und 21 als zusätzliches
Kampfbataillon aufstocken und das GbPzBtl 8 wird sicher benötigt, um als
weiteres nichtaktives Bataillon die Brigade D/F oder die Brig 13 (NL) zu
verstärken. Alle Divisionen und Brigaden
sollen zudem auch Sicherungskräfte zum Schutz der eigenen Gefechtsstände und
des rückwärtigen Raumes aufstellen und zwar je ein Bataillon auf
Divisionsebene, eine Kompanie bei den Brigaden und je ein Zug bei Bataillonen.
Hier gibt es schon einen Kern mit den nicht aktiven
Einsatz-unterstützungsbataillonen 1 und10. Werden alle Planungen umgesetzt, hat
das Heer künftig im Aktivumfang über 70 Bataillone und fast 30 selbstständige
Kompanien.
Man darf
getrost Zweifel anmelden, ob angesichts der ungesicherten Finanzplanung und
engen Personalressourcen bei der aktiven Truppe und Reserve diese
ambitionierten Planungen auch 1: 1 umgesetzt werden können. Dabei geht es hier nur um nachhaltige
Ausplanung und Ausstattung der vorhandenen Substanz und noch nicht einmal um
zusätzliche Großverbände. Gefragt sind große Anstrengungen bei der
Effizienzsteigerung und eine kritische Überprüfung von Friedensdienstposten.
Der kritische Beobachter sollte sich vor Augen halten, dass das Heer 1985 mit
345.000 Aktivstärke immerhin 42 weitgehend aktive, voll ausgestattete Brigaden
mit starken Divisions- und Korpstruppen im Frieden präsent halten konnte,
während die heutige Bundeswehr mit den ca. 140.000 Soldaten, welche gegenwärtig das breite
Aufgabenspektrum der früheren Teilstreitkraft Heer abdecken, heute nur knapp 8 Brigaden schafft und für nur
drei statt zwölf Divisionen viele Divisionstruppen jetzt wiederaufstellen muss.
Da reicht der Hinweis auf den Wegfall der Wehrpflicht allein nicht als
Erklärung aus
Für die aktiven Kampftruppen
gilt dann künftig wahrscheinlich folgende Unterstellung:
sBrigaden PzBtl PzBtl PzGrenBtl PzGrenBt PzGrenBtl
9 93 203* 33 92
12 104 363 112 122*
37 393 371 391 212
43(NL) 414
mBrigaden JgBtl JgBtl JgBtl PzGrenBtl (Rad)
21 1 91 413 <-?
41 401 411 GÜZ(L) z.Zt.Jg.PzGren,Pz-Kp
D/F 291 292 <-?
lBrigaden 23
Gb 231 Gb 232 Gb 233
Gb
1 LL 261
Fsj 262 Fsj 263 Fsj
+
FsjRgt 31 + KSK
*werden künftig zur PzBrig 45 in Litauen gehören
Eine
weitere Modifikation ergab sich aus der Entscheidung, dauerhaft eine deutsche
Heeresbrigade in Litauen zu stationieren. Verteidigungsminister Pistorius
konkretisierte diese Planungen im Herbst 2023. Das Panzerbataillon 203 aus
Augustdorf und das Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach wurden für
die in Litauen neu zu bildende Panzerbrigade 42 ausgewählt. Den dritten
Kampfverband soll die ohnehin in Litauen präsente Forward Presence Battlegroup
bilden, welche dort von Deutschland mit anderen Partnerstaaten für die
Rückversicherung der NATO als Beitrag für diesen baltischen Staat in Rotation
aufrechterhalten wird.
Um
der Strukturpolitik an den abgebenden Standorten entgegenzukommen, wird in
Augustdorf das Artilleriebataillon 215 (wieder-)aufgestellt, das
Artilleriebataillon 131 aus Weiden nach Oberviechtach verlegt und in Weiden die
Aufstellung des Artilleriebataillons 375 fortgesetzt. Damit würde das Heer erst
einmal wieder über sechs Artilleriebataillone verfügen. Zur Aufstellung der im
Zielbild vorgesehenen neun Artilleriebataillone bedarf es weiteren Personals
und neuer Waffensysteme. Von der Beschaffung von 155mm Panzerhaubitzen (Rad)
und neuer Raketenwerfer wird immer wieder geredet, aber eine Entscheidung wurde
noch nicht getroffen.
Gegenwärtig
sind Neuaufstellungen durch die Stagnation bei der Personalentwicklung und
Mangel an Gerät, u.a. durch Abgaben an die Ukraine erschwert. Zwar werden die
Abgaben von Panzerhaubitzen und Leopard II durch Nachbestellungen in niedriger
Stückzahl 1:1 ersetzt (18 Leo II, 22 PH 2000), aber der große Wurf einer
großzügigen quantitativ relevanten Geräteaufstockung erfolgt nicht. Das 100 Mrd-‚Sondervermögen‘
dürfte für die Abwicklung verschobener Projekte der bisherigen Planung
(Tornadonachfolge, Transporthubschrauber) und Erneuerung unverzichtbarer
Grundausstattungen wie z.B. Führungsausstattung und persönliche Ausrüstung
aufgebraucht werden. Das Personalziel von 203.000 wurde noch nicht offiziell
aufgegeben, aber Zweifel wurden auch schon vom Minister geäußert, ob dies
angesichts sogar leicht rückläufiger Personalzahlen erreichbar ist. Eigentlich
schon haushälterisch abgesicherte Aufstockungen wie das neue ABC-Abwehrregiment
1 kommen nicht voran. Im Juni 2023 betrug die im Informationsblog Augen
geradeaus gemeldete Personalstärke nur 181.770.
Eine Grafik zur Grundgliederung Heer nach 2025 findet sich
im Anhang.
Die
folgende Grafik zum Heer 2011 wurde für eine bessere Lesbarkeit in drei
Teile zerlegt und das Amt für Heeresentwicklung, das Ausbildungskommando und
einige Anmerkungen nach unten verschoben. Es sein noch einmal darauf
verwiesen, dass sich mittlerweile Unterstellungsänderungen ergeben haben und
die Tabelle nicht mehr in allen Details aktuell ist. Diese wurden aber in den
Text eingebaut.
Anmerkungen: Die grün unterlegten Teile sind
Ergänzungstruppenbataillone. Aktive Bataillone mit einer grünen
Markierung hinter der Einheits-nummer haben eine nicht aktive Kompanie als
Ergänzungstruppen-teil. Im Rahmen der bilateralen deutsch-
niederländischen Zusammenarbeit untersteht die mechanisierte Brigade 43
(NL) der 1.Panzerdivision und die 11. luftmobile Brigade (NL) der Division
schnelle Kräfte. **
untersteht der Brig 43 (NL) *** aktive
Kompanien dieser teilaktiven oder nicht aktiven Pionierbataillone
unterstehen anderen Bataillonen
Kommando
Streitkräftebasis
Der 2000 als Streitkräftebasis (SKB)
gegründete Organisationsbereich zur Bündelung zahlreicher
Unterstützungsfähigkeiten hat zahlreiche Komponenten aus dem früheren Heer
übernommen und deckt weite Bereiche der Dimension Land mit ab und soll deshalb
im Anschluss an das Kommando Heer thematisiert werden.
Schon frühere Inspekteure hatten mit dem Gedanken einer
unterstützenden teilstreitkraftübergreifenden Grundorganisation gespielt, waren
aber letztlich an den Erfordernissen einer schnellen Einsatzfähigkeit
gescheitert, bei der die Teilstreitkraftbefehlshaber unmittelbaren und
schnellen Zugriff auf eigene Unterstützungskräfte behalten wollten.
Die Aufrechterhaltung einer breiten Palette von Fähigkeiten bei
sinkenden Truppenzahlen führte zu Bündelung von Unterstützungsfähigkeiten in
einem eigenen Organisationsbereich, die in den Einsatzverbänden künftig
nicht mehr überall verfügbar sein mussten. Der Einsatz großer geschlossener
Verbände für die Bündnis- und Landesverteidigung galt als unwahrscheinlich.
Erforderlich waren nun speziell zusammengesetzte relative kleine Module, die
dann Kräfte für Unterstützung und Spezialaufgaben zugeteilt bekamen. So
verschwanden viele Logistikeinheiten, Fernmeldeeinheiten, Feldjäger, Einheiten
für der elektronischen Kampf und Sanitäter aus den Divisionen des Heeres und
der Luftwaffe.
Die Streitkräftebasis übernahm die Basislogistik, eine
Reihe von Fachaufgaben wie Führungsunterstützung (Fernmelder), weiträumige
Aufklärung, den elektronischen Kampf,
ABC-Abwehr und Feldjägerdienst von anderen Teilstreitkräften und
führte künftig auch das Streitkräfteamt, das immer schon übergreifende
Bundeswehr-fachaufgaben organisiert hatte. Außerdem übernahm es die territorialen
Aufgaben für den Heimatschutz und die Zusammenarbeit mit zivilen Behörden
vom Heer. Der
Inspekteur SKB übernahm bis 2022 auch von der Heeresführung die Rolle des höchsten
nationalen Befehlshabers für Einsätze der Bundeswehr im Lande. Der Sanitätsdienst kam
nicht zur Streitkräftebasis, sondern wurde in einem eigenen
Organisationsbereich, dem zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr, gebündelt. Die
Streitkräftebasis wurde mit über 40.000 Soldaten zeitweise zur zweitgrößten
Organisationseinheit in der Bundeswehr, ist aber mittlerweile auf unter 23.000
geschrumpft.
Auch wenn die Heeressoldaten in der Mehrheit sind, haben auch
Angehörige der anderen Teilstreitkräfte die SKB mitgeprägt und vor allem die
Luftwaffe, die vorwiegend ihre logistischen Kräfte in den Verbund einbrachte,
besetzte dort immer auch hohe Positionen. Die ausreichende Bereithaltung von
Beförderungsstellen für langdienende Berufsoffiziere in einer verkleinerten
Truppe war immer auch eine Herausforderung für die Personalplaner und in der
heutigen Bundeswehr dienen nicht viel weniger Generäle und Admirale als in der
Zeit des Kalten Krieges.
So
verloren viele verbleibende Verbände eigene Unterstützungseinheiten und waren nicht
mehr voll aus dem Stand einsatzfähig. Die SKB sollte wie aus einem
Baukasten die Module für Auslandseinsätze bestücken, war aber nicht mehr in der
Lage, die gesamte Bundeswehr in einem umfassenden Einsatz in der
Landesverteidigung zu unterstützen. Es war nicht nur eine Verschiebung von
Truppen, sondern auch eine Reduzierung.
Die
SKB mit Standorten im ganzen Bundesgebiet prägt sehr stark das Bild der
Bundeswehr in der Öffentlichkeit. Sie ist mit ihren territorialen
Befehlsstellen überall vor Ort, organisiert die Katastrophen- und Hilfseinsätze
in der Pandemiebekämpfung, ist wesentlicher Bestandteil der Versorgung,
unterstützt Übungsaktivitäten auf deutschem Boden auf Truppenübungsplätzen und
bei Manövern, setzt Feldjäger ein, ist für das Kraftfahrwesen (Fahrschulen)
zuständig und trägt mit den Musikkorps und dem Protokolldienst bei
Staatsbesuchen und öffentlichem Zeremoniell sehr viel zu öffentlichen
Auftritten bei.
Die Ausgliederung der
Führungsinformation in das Kommando CIR 2017 und die geforderte Kaltstartfähigkeit
und neu bewertete Effektivität für die Bündnisfähigkeit stellen die
SKB in letzter Zeit wieder in Frage. Eine erste grundlegende
Verkleinerung erfolgte mit der Verschiebung der Führungsunterstützung mit der strategischen
weiträumigen Aufklärung, elektronischen Kampfführung und dem Fernmeldeweitverkehr
in das neue Kommando CIR. Zeitweilig war auch die Verlagerung der
Fähigkeitskommandos von Feldjägern, ABC-Abwehr und Zivilmilitärischer
Zusammenarbeit ins Heer vorgesehen. Das Heer als neue Dimension Land möchte
zentrale Unterstützungskräfte wieder für den Kaltstart unmittelbar zur
Verfügung zu haben, um langwierige Eingliederungen von Einheiten aus anderer Unterstellung
zu vermeiden. Es gilt der Grundsatz „Train as you fight“ , wobei der
SKB-Inspekteur betont, dass das nicht mit „Organize as you fight“
gleichgesetzt werden darf. Auch der territoriale Strang wurde in einem
zentralen territorialen Führungskommando zusammengefasst werden. Zurück bliebe
nur die Logistik und das immer schon für bundeswehrgemeinsame Aufgaben
bestehende Streitkräfteamt. Derartige Planungen liegen aber gegenwärtig auf
Eis, da die aktuell kritische Lage einen großen Umbau der Struktur mit allen
zeitweiligen Auswirkungen auf die Einsatzfähigkeit nicht zulässt.
So beschreibt man im Ist-Zustand
von 2021 eine Streitkräftebasis mit einer Stärke von noch ca. 28.0000
Soldatinnen und Soldaten. An der Spitze steht der Inspekteur der SKB
mit dem Führungsorgan des Streitkräfteunterstützungskommandos in Bonn.
Mit
seiner Rolle als höchster nationaler Befehlshaber hatte er bis Oktober
2022 die Verantwortung für alle territorialen Einsätze der Bundeswehr im
Heimatland. Im Zusammenhang mit jüngsten NATO – Übungen von
Truppenverlegungen amerikanischer Kräfte auf deutschem Boden, aber auch bei dem
massiven Einsatz der Bundeswehr in der Pandemie und bei den Flutkatastrophen
trat der Inspekteur SKB immer wieder vor die Kameras. Bei diesen Einsätzen
müssen die eingesetzten Kräfte nicht notwendigerweise der SKB angehören, sie
hat aber ab einer bestimmten Alarmierungsstufe bei Katastrophen Zugriff auf die
Kräfte aller Teilstreitkräfte. Vor allem die Führungsaufgabe des
Streitkräfteunterstützungskommandos bei der Verlegung von NATO-Kräften über das
Transitland und logistische Drehscheibe Deutschland ist für das Bündnis
von großer Bedeutung.
Mit
der Aufstellung eines zentralen territorialen Führungskommandos in Berlin im
Herbst 2022 ist eine neue zentrale Führungsinstanz für alle Einsatzaufgaben auf
deutschen Boden entstanden, die bisher auf verschiedene Stäbe wie das Kommando
territoriale Aufgaben in Berlin und das Streitkräfteunterstützungskommando in
Bonn verteilt waren.
Gegenwärtig
wird ein Operationsplan Deutschland ausgearbeitet, der den Einsatz der
Bundeswehr in Krise und Krieg auf dem Boden der Bundeswehr organisieren soll.
Wichtige Schwerpunkte werden die Sicherstellung des Transists allliierter
Verstärkungskräfte und der Schutz militärisch relevanter kritischer
Infrastruktur sein.
Das
größte Fähigkeitskommando der SKB stellt das Logistikkommando in Erfurt mit
immerhin 17.000 Angehörigen dar und das damit die Marine übertrifft. Es
führt die Versorgungsstränge aller Bundeswehrkräfte bis in die Einsatzräume im
In- und Ausland. Die „last mile“ auf dem
Gefechtsfeld der Landstreitkräfte übernehmen dann geschützte
Versorgungsbataillone des Heeres. Das Logistikkommando verfügt gegenwärtig über
sechs gemischte logistische Bataillone und ein Pionierregiment,
das den Bau und Betrieb von Feldlagern, feldmäßiger Pipelineanlagen und
Feldtanks sicherstellt. Die Grundbefähigung eines eigenen Verbandes für die
Betreuung von Verstärkungskräften (RSOM) wurde mit dem neuen Bataillon 163 in
Delmenhorst erreicht. Ein Regimentsstab zur Führung mehrerer Bataillone in
einem Einsatzgebiet befindet sich in Aufstellung, ein zweiter ist vorgesehen.
Die Bataillone sind nicht gleich gegliedert und verfügen über Teile für
Nachschub, Transport und Instandsetzung. Ein großer Teil der Logistik wird auch
an zivile Auftragnehmer vergeben. Es gibt eine eigene Heeresinstandsetzungslogistik
als zivilrechtlich organisierte Bundesgesellschaft. Oft werden militärische
Güter heute von Speditionen befördert. Gelegentlich sieht man Panzer auf
zivilen Tiefladern auf der Autobahn, während militärische Schwerlasttransporter
vorwiegend dem Einsatz im Gelände und Einsatzgebieten dienen. Die
Materialerhaltung der zahlreichen, sehr verschiedenen LKW in Truppe und
Bw-Fuhrparkservice wäre ohne zivile Werkstätten nicht möglich. Es gibt für diese
Betriebe allerdings ein zentrales Ersatzteillager bei Kassel.
LKW mit Wechsel-Pritsche und Tankkesselwagen sind
Stützen der Logistik.
Eine
wichtige logistische Rolle spielt natürlich auch die Bahn. Die Bundeswehr hat
die Verfügbarkeit von speziellen Transportkapazitäten (Flachwagen) mit der Deutschen
Bahn vertraglich geregelt. Ähnliche Kooperationen gibt es auch mit zivilen
Lufttransportunternehmen und Reedereien. Lufttransporte schweren Geräts, wie
sie zum Beispiel in Afghanistan erforderlich waren, wären ohne Kooperationen
mit den Betreibern ukrainischer Großflugzeuge nicht möglich. In einem
Verteidigungsfall wären zivile Ressourcen allerdings aus völkerrechtlichen
Gründen ohne den Schutz des Kombattantenstatus nicht mehr beliebig verfügbar.
Die
Steuerung des Materialflusses in der gesamten Bundeswehr erfolgt durch das Logistikzentrum
in Wilhelmshaben. Hier spielt das Datenverarbeitungssystem SASPF
bzw. seine Weiterentwicklungen eine wichtige Rolle. Da gab es auch schon mal
Irritationen, wenn z.B. Eurofighter nicht starten durften, weil das logistische
System Pannen hatte. Dem Logistikzentrum unterstehen auch alle Depots, die
heute als ortsfeste logistische Einrichtungen bezeichnet werden. Das
sind gegenwärtig 30 Einrichtungen die von acht regionalen Stäben
(Munitionsversorgungszentren, Bw-Depots Nord, West, Ost, Süd) geführt werden.
Acht Einrichtungen, die ursprünglich zur Schließung vorgesehen waren, sollen
reaktiviert werden.
In
Pfungstadt bietet die Bundeswehr für kleinere Bündnispartner einen multinationalen
„Logistic Hub“ mit Lagerkapazitäten für multinationale Einsätze an.
Viele „ortsfeste logistische Einrichtungen“, wie hier
das Gerätedepot Ochtrup, benötigen für die umfangreichen Materialbewegungen
auch einen Gleisanschluss.
Dem
Logistikkommando in Erfurt untersteht auch das Zentrum für Militärkraftfahr-wesen
in Mönchengladbach, zu dem auch 20 Fahrschulzentren gehören. Das militärische
Fahrschulwesen hat über Jahrzehnte das öffentliche Bild der Bundeswehr
mitgeprägt, manchmal auch Reibungsflächen in den Kommunen geschaffen. Die weiß
lackierten LKW des Bundeswehrfuhrparkservices fallen heute im Fahrschuldienst
nicht mehr so auf, zumal auch keine Generationen von Wehrpflichtigen mehr geschult
werden müssen und der Fahrzeugpark kleiner wurde. Außerdem werden auch hier
Simulatoren genutzt. Bei der Truppe ist jetzt eine III. Generation von
Fahrzeugen im Einsatz.
In
den letzten 15 Jahren ist über den Bundeswehrfuhrparkservice eine Flotte
von Neufahrzeugen in den Einsatz bei der Bundeswehr gelangt, die sich an
Modelle verschiedener Hersteller aus der Zivilproduktion anlehnt, allerdings zum
Teil auch mit geländegängiger Auslegung. Von Einheitlichkeit, die man noch in
der I. Fahrzeug-generation anstrebte, ist da nicht mehr die Rede. Ein
Standard-Fahrzeug, wie den bis in die 80er Jahre omnipräsenten legendären MAN
630 L Fünftonner, findet sich nicht mehr. Die in der II. Generation ab Ende der
70er Jahre beschafften handelsüblichen teilmilitarisierten LKW sind weitgehend
aus dem Bild der Truppe verschwunden, während die voll geländegängigen
standardisierten Fünftonner, Siebentonner und Zehntonner aus dem gleichen
Zeitraum noch in größerer Zahl vorhanden sind. Hier laufen jetzt aber auch neue
Militär-LKW mit den Nutzlasten von 5 und 15 Tonnen zu, nicht zuletzt auch
aufgrund konjunkturell bedingter Programme in der Pandemie. Die militärischen,
auch im Gelände hochagilen Muster aus der II. und III. Generation sind mit
ihren kantigen Führerhäusern für den Laien schwer auseinander zu halten. Ein
Erkennungsmerkmal der Neufahrzeuge sind die Wechselpritschen. Die Anpassung von
Schutzausstattungen gegen kinetische Waffenwirkung und der Einbau von
fernbedienbaren Waffenstationen auf dem Führerhaus dieser UTF (Ungeschützte
Fahrzeuge) ist möglich. Dazu kommt noch eine Vielzahl von in kleinerer
Stückzahl beschafften geschützten und ungeschützten Spezialfahrzeugen. Abschließend noch der Hinweis, dass
militärische Fahrzeuge immer nach ihrer Nutzlast klassifiziert werden und ein
höheres Gesamtgewicht aufweisen als die Tonnenzahl angibt.
Militarisierte handelsübliche LKW vom Bw-Fuhrparkservice
und der neue geländegängige UTF-Fünftonner (Aufnahmeorte Gerätedepot Ochtrup u.
Erprobungsstelle 91 Meppen)
Zum
Logistikkommando gehört auch die Logistikschule der Bundeswehr in
Garlstedt, die mehrere auf die Teilstreitkräfte verteilte Schuleinrichtungen
ersetzt hat.
Erwähnen
muss man noch, dass ein Teil der Materialerhaltung von Luftwaffe und Marine für
ihr spezifisches Gerät auch noch in militärischen Einrichtungen der
Teilstreitkräfte erfolgt. Dies geschieht aber in enger Abstimmung mit der
Industrie. In den Waffensysteminstandsetzungszentren der Luftwaffe arbeiten
Techniker der Luftwaffe mit den Spezialisten der Luftfahrzeugindustrie zusammen,
damit das Knowhow geteilt wird. Das Eckpunktepapier vom Mai 2021 sieht die
Gründung von „Systemhäusern“ vor, um die technische Kompetenz wieder
stärker in die Truppe zu holen und die Abhängigkeit von den Herstellern zu
verringern.
Im
Logistikkommando wären im Rahmen der Bündnisverteidigung Neuaufstellungen von aktiven bzw. nicht aktiven Einheiten erforderlich.
Dieses Fehl konnte bisher noch nicht abgedeckt werden. Es ist an eine
Aufstockung um zwei weitere aktive Bataillone und einen zweiten Regimentsstab
gedacht. Der Inspekteur der SKB musste neulich einräumen, dass seine
logistischen Kräfte maximal zwei Divisionen unterstützen könnten. Es ist dabei
auch zu bedenken, dass alle Teilstreitkräfte mit dem in der ganzen Bundeswehr
genutzten querschnittlichen Gerät und Mengenverbrauchsgütern (Munition,
Betriebsstoff) durch das Logistikkommando der SKB versorgt werden müssen.
Insgesamt sind in der SKB 1900 zusätzliche Dienstposten für Logistik,
ABC-Abwehr und Feldjäger beschlossen. Das Logistikommando soll um
zwei Bataillone und einen zweiten Regimentsstab wachsen. Das geschieht zum Teil
durch interen DP-Umschichtungen, aber auch aus den 1900 Stellen.
Ab 2027 sollen die mobilen Logistiktruppen der SKB neben
dem Spezialpionierregiment 164 und einem bis dahin voll aufgestellten
RSOM-Bataillon163 dann zwei Regimentsstäbe mit acht Logistikbataillonen
umfassen. Das wären zwei schwere Logistikbataillone zum Betrieb des Umschlags
in Häfen, Bahnhöfen und auf Flugplätzen, zur Materialbewirtschaftung im
Einsatzgebiet und zur rückwärtigen Instandsetzung. Sechs leichte Bataillone
sollen mit einer starken Transportkomponente die Landstreitkräfte
im operativen Einsatz an die Folgeversorgung anschließen und die Versorgung der
anderen Dimensionen sicherstellen. Leichte Bataillone werden je eine Nachschub-
und Instandsetzungskompanie und zwei Transportkompanien führen. Es wird
allerdings ein Kaderungsgrad von 30% erwogen, so dass nur zwei Drittel der
Kräfte voll aktiv und kaltstartfähig wären. Ende 2023 wurde bekanntgegeben,
dass das zusätzliche Logistikbataillon 472 in Fallingbostel wiederaufgestellt
werden und langfristig in Straßgräbchen bei Bautzen stationiert werden soll.
Ein
weiteres Fähigkeitskommando mit einer Fachaufgabe stellt das ABC-Abwehr- kommando
in Bruchsal mit Einsatzkräften in Bruchsal, Höxter, Husum und Strausberg und
einer Schule in Sonthofen (Verlegung nach Stetten vorgesehen) dar.
Außerdem gibt es zwei Ergänzungstruppenbataillone ähnlich dem Heer. Eine
Umgliederung in drei Regimentsverbände
ist angelaufen. Man plant eine Integration der nicht aktiven
Ergänzungstruppenteile in diese Regimenter. Die Aufstellung und Ausstattung
kommt gegenwärtig nicht recht voran. Die ABC-Abwehrtruppe verfügt über hochspezialisierte
Aufklärungs- und Laborkapazitäten zum Aufspüren nuklearer, chemischer, biologischer
Kampfmittel und Ausstattung zur Entgiftung von Personen, Gerät und
Infrastrukturen. Die bekanntesten Systeme sind der Spürpanzer Fuchs und
der Truppenentstrahlungsplatz 90 auf einem Spezial-LKW. Von einer
Re-Integration ins Heer ist zurzeit nicht mehr die Rede. Auch hier gilt die
Erkenntnis, dass die ABC-Abwehr keine flächendeckenden Leistungen anbieten kann
und primär dem Schutz der Truppe in Schwerpunkten dient. Allerdings gibt es
große Kapazitäten in der zivilen ABC-Abwehr, die im Rahmen des Zivilschutzes
bei den Feuerwehren angesiedelt ist. In Katatrophensituationen würde die
ABC-Abwehr der Bundeswehr aber mit Expertise und in Schwerpunkten unterstützen
können.
ABC-Schutz gehörte immer zum Ausbildungsspektrum der
Truppe (Foto: Traditionsverband Logistik Rheine)
Bundesweit
ist die Feldjägertruppe im Feldjägerkommando mit einer Schule in
Hannover und drei Regimentern mit 23 Feldjägerdienstkommandos
bundesweit präsent. Gegenwärtig erfolgt eine Aufstockung der aktiven und nicht
aktiven Teile. Das Aufgabespektrum dieser Militärpolizei ist weit gestreut, vor
allem auch durch die vielfältigen Zusatzaufgaben in strukturschwachen Krisengebieten.
Dazu gehören nicht nur der militärpolizeiliche Ordnungsdienst und die Verkehrsleitung,
sondern auch vielfältige Schutzaufgaben für
Personen, Objekte, Übungen und Veranstaltungen. Feldjäger müssen auch Räume
beobachten. Da die nicht aktiven Heimatschutzkräfte erst im Falle einer Mobilmachung
nach Verkündung des Verteidigungsfalls umfassend zur Verfügung stünden, stellen
die Feldjäger in einer unbestimmten Krisenlage und bei größeren Übungen für
Sicherungsaufgaben die Kräfte der ersten Stunde. Im Frieden liegt die sicherere
Antrittsstärke der Heimatschutzkräfte wegen der Freiwilligkeit und notwendigen
Zustimmung der Arbeitgeber nur bei 35%. Die wenigen Ergänzungstruppeneinheiten (drei
pro Regiment) bedürfen auch für hybride Herausforderungen dringend einer Aufstockung.
Zwei weitere aktive Feldjägerkompanien sind geplant.
Feldjäger verfügen auch über Wasserwerfer und
Schutzausstattungen für Konfrontationen mit gewalttätigen Demonstranten bei
Friedensmissionen.
Die
territorialen Aufgaben auf dem eigenen Staatsgebiet waren vor der Aufstellung
des Nationalen Territorialen Führungskommandos beim Kommando
Territoriale Aufgaben in der Julius-Leber-Kaserne in Berlin gebündelt. Dies
Führungsgebiet beinhaltet eine Vielzahl von Aufgaben: die Zusammenarbeit der
Bundeswehr mit zivilen Behörden, Beiträge der Bundeswehr zum
Katastrophenschutz, vor allem aber auch den militärischen Heimatschutz.
Dafür
sind dem Kommando die 16 Landeskommandos in den Bundesländern
unterstellt, welche dort die territorialen Aufgaben wahrnehmen.
Kernaufgabe
in den Ländern ist die zivilmilitärische Zusammenarbeit. Dazu stehen in allen
Regierungsbezirken, Landkreisen und kreisfreien Städten insgesamt ca. 430
Verbindungskommandos zur Verfügung, die mit Reserveoffizieren besetzt sind
und bei Bedarf sehr schnell verfügbar sein müssen. Ein Ausbau der
Führungsfähigkeit der Landeskommandos für den Heimatschutz mit den
unterstellten Heimatschutz-kompanien ist vorgesehen. So sollen
bundesweit sechs teilaktive
Heimatschutzregimenter als Stäbe aufgestellt werden, um
Heimatschutzkompanien (zurzeit 37, künftig 42) aus Reservisten für
Sicherungsaufgaben und Katastrophenschutz zu führen. Die Personalstärke wird
mit 6100 angegeben. 300 aktive Dienstposten sollen diese
Heimatschutzorganisation unterfüttern. Die Regimenter sollen auch über teilaktive
Ausbildungskompanien und Unterstützungskompanien verfügen. Bis 2025 wären ca.
50 Heimatschutz-, Unterstützungs- und Stabs/Versorgungskompanien für sechs Heimatschutzregimenter denkbar.
Wenn es zutrifft, dass es ca. 3000
schutzbedürftige Objekte kritischer Infrastruktur in Deutschland gibt, die
in einem hybriden Kriegsbild bedroht sein könnten, darunter laut eigener
Recherche etwa 400 – 600 ausgewählte militärische Bundeswehrliegenschaften (von
insgesamt 1500), dann reichen diese Heimatschutzkräfte allerdings nicht aus. Über
den Bedarf und weiteren Kräfteaufbau laufen Untersuchungen im BMVg. Vielleicht
kann eine Verdichtung der Beobachtung und Sicherung durch kleine Module ortsnah
eingesetzter freiwilliger Reservisten Abhilfe schaffen. In der Allgemeinen
Reserve mit zahlreichen nicht beorderten, aber zurzeit noch ca. 880.000,
(2028 noch ca. 750.000) wehrdienstfähigen „Veteranen“, wie man jetzt alle
ehemaligen Militärangehörigen bezeichnet, steckt noch Potential und Motivation.
Der Eigenschutz der Bundeswehr
ist ebenso wie der Schutz der zivilen kritischen Infrastruktur im
Verteidigungsfall ein sensibles Thema, vor allem in den verfassungsrechtlichen
Grauzonen zwischen Krieg und Frieden. Die Bewachung militärischer Objekte
obliegt im Frieden in hohem Maße heute zivilen Sicherheitsdiensten. Das hat
auch Kostengründe, da die Ressource Personal knapp geworden ist und heute, im
Unterschied zum Kalten Krieg, die Arbeitszeitrichtlinien der EU gelten. Der
Wachdienst gehört an manchen Standorten nicht mehr zum militärischen Alltag. Es
sollte aber Vorsorge getroffen werden, dass ab einer bestimmten
Alarmierungsstufe die Angehörigen militärischer Einheiten und Einrichtungen
nach bewährter militärischer Regel eine Eigensicherung als Kombattanten wahrnehmen
und die knappen Heimatschutzkräfte damit nicht belasten. Dazu gehört eine
elementare infanteristische Grundausbildung und die Erhaltung und
Entwicklung dieser Fertigkeiten während der ganzen Dienstzeit, auch wenn viele
Dienstposten damit nicht mehr unmittelbar in Verbindung stehen. Auch
Stabsdienstsoldaten oder Techniker müssen sich im Notfall am bewaffneten Schutz
ihrer Einrichtungen oder anderer Objekte beteiligen können, wenn sich die Lage
in der Heimat zuspitzt. Es ist Natur der Sache, dass derartige Themen
militärischer Sicherheit nicht in der Öffentlichkeit ausgebreitet und
diskutiert werden, die Verantwortlichen aber auch eine öffentliche Empörung
fürchten, wenn sie diese Fragen von Einsatzfähigkeit und Kampftätigkeit im
eigenen Lande thematisieren.
Erfreulicherweise wurde im Juni 2022 ein Pilotprojekt zur
Planung eines stationären Objektschutzes in allen Bereichen der Bundeswehr auf
den Weg gebracht. Es wäre denkbar, dass die territorialen Reservekräfte für den
Heimatschutz auf 26.000 aufwachsen könnten. Hinzu kommt die schon erwähnte
Wiederaufstellung von nicht-aktiven Sicherungskräften zum Schutz der
Gefechtsstände auf allen Ebenen des Heeres. Seit geraumer Zeit läuft auch die
Aufstellung von Sicherungskompanien bei der Luftwaffe und Marine.
Der Heimatschutz wird künftig dem Heer unterstehen.
Zum Aufgabenbereich
der Landeskommandos gehört auch die Reservistenarbeit und Sicherheit
der Standorte und Liegenschaften. Auch diverse Dienststellen wie Familienbetreuungszentren,
Jugendoffiziere oder Sportfördergruppen können unterstellt sein.
Ausbildung von freiwilligen Reservisten im
Heimatschutz und in der zivilmilitärischen Zusammenarbeit ist auch Auftrag der
Landeskommandos.(Fotos RK Dülmen)
Zum
Kommando territoriale Aufgaben gehört auch das Wachbataillon in Berlin,
das im Verteidigungsfall auch einen militärischen Sicherungsauftrag für den
Regierungssitz hat, auch wenn der Protokolldienst mehr im Fokus steht.
Eine
besondere Einrichtung ist das Multinationale Kommando für Zivilmilitärische
Zusammenarbeit als Kompetenzzentrum, um die Befähigung der Truppe zur
Kooperation mit lokalen Kräften und Hilfsorganisationen bei Friedensmissionen
zu verbessern. Diese Einrichtung in Nienburg an der Weser soll ebenfalls ins
Heer zurückkehren.
Zum
Verantwortungsbereich des Kommandos Territoriale Aufgaben gehören auch 17
Truppenübungsplätze, die in den drei Kommandanturen Nord, Ost und Süd
zusammengeschlossen wurden. Diese koordinieren den Übungsbetrieb und betreuen
die umfangreichen Liegenschaften. Neben den bekannten großen Übungsplätzen in
der Lüneburger Heide (Munster Nord- und Süd, Bergen) muss man vor allem das
Gefechtsübungszentrum Altmark in der Letzlinger Heide zwischen Magdeburg und
Stendal erwähnen. Hier sind umfangreiche digitalisierte Übungs- und
Simulationsanlagen entstanden. Neu ist dort die Anlage „Schnöggersburg,“ wo der
Kampf in urbanem Umfeld in den Fassaden einer Übungsstadt simuliert werden kann.
Die Übungsplätze liegen meist in siedlungsarmen Gebieten und wurden zu
Rückzugsgebieten der Natur. So begann auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz
auch die Rückkehr der Wölfe nach Deutschland. Spezielle Übungsplätze sind der
Flugabwehrschießplatz bei Todendorf an der Ostsee und der
Luft-Boden-Schießplatz bei Nordhorn. Es gibt auch Plätze in US-Verantwortung.
Übungsanlage auf dem Truppenübungsplatz Munster-Süd –
Leopard II auf der Verbindungsstraße zwischen den Truppenübungsplätzen Munster
und Bergen
Die Bundeswehr hält unter dem
Dach der SKB in nationaler Initiative das Multinationale Kommando Operative
Führung in Ulm als voll mobiles Hauptquartier für die Führung von
multinationalen und teilstreitkraftübergreifenden Einsätzen für die NATO, vor
allem aber auch die EU zur Verfügung. Vor allem Großbritannien hatte innerhalb
der EU bis zum Brexit eine führende Rolle dieses Hauptquartiers, das neben den
NATO-Korpsstäben existiert, nicht zugelassen, da es selber in der NATO ein
multinationales Eingreifhauptquartier auf Korpsebene stellt (Allied Rapid
Reaction Corps). Das Kommando Operative Führung wäre natürlich auch das einzige
mobile Hauptquartier in primär nationaler Verfügung, da das
Einsatzführungskommando in Potsdam nur eine stationäre Einrichtung darstellt.
Das
Ulmer Kommando hat nun für die NATO ein neues Gewicht bekommen, da am Standort
Ulm das Joint Enabling and Support Commando entsteht, das eine zentrale
Steuerungsaufgabe für Truppenbewegungen im europäischen NATO-Gebiet erhält.
Angesichts der kritischen Sicherheitslage im Osten Europas wächst die Bedeutung
dieser Aufgabe, auch wenn der Blickwinkel der NATO - Sicherheitspolitik 360°
abdecken soll. Das
Kommando operative Führung wurde jetzt dem neuen Nationalen territorialen
Führungskommando unterstellt, um den besonderen Aufgaben der Bundeswehr für die
Sicherung der Drehscheibenfunktion als Transitland im Bündnis gerecht zu werden.
Es
war folgerichtig, dass ein Bereich, der immer schon teilstreitkräftegemeinsame
Fachaufgaben zentralisiert hat, auch der Streitkräftebasis unterstellt wurde: das
Streitkräfteamt in Bonn. Im untersteht der gesamte Militärmusikdienst
mit 14 Musikkorps und der Big Band, die Sportschule der Bundeswehr in
Warendorf, das Zentrum für Verifikationsaufgaben in Geilenkirchen für
Rüstungskontrollaufgaben, das Zentrum für Informationsaufgaben für die
Medienarbeit der Bundeswehr in Strausberg, ein Ausbildungszentrum für
das schon erwähnte zentrale Datenverarbeitungssystem SASPF
(Standard-Anwendungs-Software-Produkt-Familien) und die Schule für
Diensthunde in Ulmen. Hunde werden nicht nur für Bewachungsaufgaben
eingesetzt, sondern auch als Spürhunde für Drogen und versteckte Kampfmittel. Verbindungskommandos
in den USA und Kanada, der Militärattachédienst und deutsche Anteile
an NATO-Schulen runden die Palette des Streitkräfteamtes ab.
Der Militärmusikdienst ist für Protokoll und
Zeremoniell unverzichtbar. Er leistet einen großen Beitrag zur
Öffentlichkeitsarbeit. Alle Militärmusiker sind übrigens in einer Zweitfunktion
als Sanitäter ausgebildet, wenn ihre eigentlichen Dienstposten und Fähigkeiten
in einem großen Konflikt wegfallen würden. (Aufnahmeort: Technikschule des
Heeres, Aachen)
Das Kommando Territoriale
Aufgaben wurde ab Oktober 2022 durch das Territoriale Führungskommando
ersetzt, dem die Landeskommandos, das
Multinationale Kommando Operative Führung (Ulm) inkl. dt. Anteil JSEC,
Truppenübungplätze, Zentrum ZMZ, Wachbataillon, Sportfördergruppen unterstehen
und das eine zentrale Rolle beim Heimatschutz, Host Nation Support, bei der Koordination von Truppenbewegungen auf
deutschem Boden und bei der Katastrophenhilfe spielt. Der Kommandeur ist
höchster nationaler territorialer Befehlshaber und hat diese Rolle vom
Inspekteur SKB übernommen. Das Kommando untersteht wie das
Einsatzführungskommando direkt dem Generalinspekteur.
Gliederung der SKB bis 2022:
In der zweiten Ausgabe des
Hardthöhenkurier 2023 wurde eine künftige Struktur der SKB bis 2031
vorgestellt. Diese Eigengrafik fasst die Planungen zusammen.
Eine Grafik in der fünften Ausgabe des Hardthöhenkurier 2023 (S.91)nannte
Ende 2023 eine Stärke von 28 aktiven und 9 nicht aktiven Feldjägerkompanien.
Die zwei Bataillone und zwei Kompanien der ABCAbwehr-Ergänzungstruppen
sollen in den drei Regimentern aufgehen, wo aktive und nicht aktive Kompanien
verzahnt werden.
Im Bereich des Logistikkommandos sind an nicht aktiven Ergänzungstruppen
bisher nur zwei Transportkompanien und eine Spezialpionierkompanie (Pipeline)
vorgesehen. Die zunehmenden Anforderungen der Einsatzunterstützung an dieses ursprünglich
nicht auf die Bündnisverteidigung abgestellten Kommandos lassen die Bedeutung
der Verstärkung durch Reservisten auch in der Zahl von 14.000 nicht aktiven
Dienstposten ablesen. Gerade im Bereich des Logistikommandos dürfte man künftig
nicht ohne Kaderungen auskommen.
Im
Frühjahr 2024 wurde entschieden, die SKB und den zentralen Sanitätsdienst als
eigenständige Organisationsbereiche aufzulösen und in einen zentralen
Unterstützungsbereich der Bundeswehr einzugliedern. Die geplanten
Ausgliederungen der ABC-Abwehr, Feldjäger und ZMZ an das Heer erfolgen nicht!
Allerdings werden die Heimatschutzkräfte der territorialen Verteidigung dem
Heer zugeordnet. Das Kommando CIR wird zur vierten Teilstreitkraft aufgewertet.
Das
Unterstützungskommando wird in Bonn beheimatet sein und ist mit 600
Dienstposten geplant. Volle Einsatzbereitschaft soll im April 2025 erstellt
sein.
Zum
Unterstützungskommando wird auch ein eigenes Fachkommando für die
Gesundheitsversorgung Bw in Koblenz mit 500 Dienstposten gehören.
Dem
Unterstützungskommando werden unterstehen:
-Sanitätsdienst
der Bundeswehr
-Logistikkommando
-ABC-Abwehrkommando
-Feldjägerkommando
-ZMZ
-Truppenübungsplätze
-Planungsamt
der Bundeswehr
-Streitkräfteamt
-Deutsche
militörische Vertreter
-Joint
Support and Enabling Command
-Multinationales
Kommando Operationsführung
Kommando Luftwaffe
Militärische
Befähigungen in der Dimension Luft sind für die Auftragserfüllung der
Bundeswehr unverzichtbar. Dazu gehören die Überwachung des Luftraums, die Luftverteidigung
mit fliegenden und bodengestützten Kräften, die Möglichkeit zum Luftangriff auf
gegnerische Heeres- und Luftwaffenkräfte, Seeziele und wichtige stationäre
Einrichtungen für Führung und Versorgung. Die Zuständigkeit der Luftwaffe
für den Weltraum ist nicht ganz unumstritten, da die Nutzung von Satelliten und
die Kompetenzen bei der Nutzung des elektromagnetischen Spektrums mehr im
Kommando Cyberinformationsraum verortet sind. Nach dem Verzicht auf
bodengestützte Nuklearwaffen durch die NATO in Europa, bleibt die Luftwaffe der
einzige Träger der nuklearen Teilhabe. Der Lufttransport spielt
eine zunehmende Rolle. Er befördert Material und Personal im Grundbetrieb über
große Entfernung, u.a. auch bei humanitären Aktionen. Luftlandeausbildung ist
ohne Transportflugzeuge und Hubschrauber nicht möglich. In Krisen ermöglichen
Lufttransportkräfte die schnelle Verlegung von leichten Kräften, und unterstützen
bei Evakuierungen. Im Kriege sind Kommandoaktionen und Luftlandungen sowie
schnelle Schwerpunktbildungen für Logistik und Verlegungen möglich.
Luftstreitkräfte
eignen sich für reaktionsschnelle Wirkung über große Entfernungen und
können sehr leicht Schwerpunkte bilden. Bei einer Überraschung und unter
hohem Zeitdruck sind sie die Kräfte der ersten Stunde. Sie müssen nicht
notwendigerweise in größerer Nähe zu den Grenzen eines Konfliktgegners
stationiert sein und wirken nicht so eskalierend wie Truppenbewegungen
von Bodentruppen. Einsätze können je nach politisch und militärischer
Lageeinschätzung flexibel skaliert (dosiert) und hoch- oder runtergefahren
werden. Kampfflugzeuge können schon in relativ geringer Zahl hohe
Waffenwirkungen ins Ziel bringen, die bei entsprechender Technologie auch sehr
präzise wirken können und zivile Schäden in Grenzen halten.
Die hochmobile Verlegung von Luftwaffenkräften im Rahmen
sicherheitspolitischer Reaktionen hat die Luftwaffe im Sommer 2022 durch die
weiträumige Verlegung von sechs Eurofightern mittels Luftbetankung in den
Indo-Pazifik und gemeinsame Übungen mit den „Wertepartnern“ Australien, Japan,
Neuseeland, Singapur und Korea in der Aktion Rapid Pacific demonstrieren
wollen. Im Sommer 2023 folgte dann die umfassende Verlegeübung Air Defender
2023 mit vielen alliierten Partnern auf den Flugbasen Jagel, Hohn, Wunstorf,
Lechfeld, Laage, Neuburg, Spangdahlem und Geilenkirchen. Ausländische Basen
waren auch einbezogen. Daran waren 250 Flugzeuge und 10.000 Soldaten aus 23
Nationen beteiligt.2024 übte die Luftwaffe in Alaska und setzte ihr Engagement
im Indopazifik fort.
Allerdings
können Luftstreitkräfte keine Räume halten oder zurückgewinnen und ihre
fliegenden Teile können nicht ununterbrochen im Einsatzraum präsent sein.
Außerdem sind die fliegenden Geschwader auf eine relative kleine Zahl von
aufwändigen und verwundbaren Basen am Boden angewiesen und können sich
nicht so auflockern wie die Kräfte des Heeres.
Die
Luftwaffe sieht sich wie alle Teilstreitkräfte in einen übergreifenden
Wirkungs- und Führungsverbund der Bundeswehr eingeordnet und entwickelt
ähnlich wie das Heer ein Konzept digitalisierter vernetzter Operationen mit
anderen Teilstreitkräften, das auch die Bekämpfung von Bodenzielen wieder
verstärkt betrachtet (Air Surface Integration)
Die
Luftwaffe ist in besonders hohem Maße durch eine relativ geringe Zahl zentraler
Waffensysteme geprägt, wo Beschaffungsentscheidungen sehr einschneidende Folgen
haben können. Das sind gegenwärtig 140 Eurofighter, ca. 80 Tornado und 12
Feuereinheiten mit Patriot-Flugabwehrsystemen und um die 50 Transportflugzeuge
und ca. 70 Hubschrauber. Natürlich darf man auch die unverzichtbare
Ausstattung für Führungsunterstützung in Operationszentralen und Stäben
und für die Luftraumüberwachung mit 18 Radarstationen nicht vergessen.
Das Kommando
der Luftwaffe in Berlin-Gatow führt diese Teilstreitkraft, die wie die
Streitkräftebasis noch knapp 27.0000 Soldatinnen und Soldaten umfasst.
Die Reduktion der einst 110.000 Luftwaffensoldaten erfolgte durch Auflösung
etlicher Geschwader und Räumung der Luftverteidigungsriegel durch die einst
hochpräsente Flugabwehrraketentruppe. Es gibt auch keine luftwaffeneigenen
Richtfunkketten mit vielen kleinen Relaisstationen mehr und ein großer Teil der
Logistik wurde in die Streitkräftebasis überführt und das stationäre
Fernmeldewesen liegt weitgehend in der Verantwortung der zivilen bundeseigenen
Betriebsgesellschaft BWI.
Die
Luftwaffe hat in hohem Maße ihre Fähigkeiten gebündelt und in wenigen Kommandos
konzentriert. Die gemischt ausgestatteten regional verteilten
Luftwaffendivisionen wurden deshalb aufgelöst.
Unter
der oberen Führung des Luftwaffenkommandos in Berlin-Gatow gibt es das Luftwaffentruppenkommando
in Köln-Wahn als Dach für die fliegenden und bodengebundenen Kräfte und auf
gleicher Führungshöhe ein eigenes Kommando für die Einsatzführung, das Zentrum
Luftoperationen in einer geschützten Infrastruktur im niederrheinischen Uedem
(Paulsberg) und dem Kasernenstandort Kalkar.
Das Zentrum
Luftoperationen in Uedem besteht aus mehreren Komponenten und ist mit einem NATO-Luftwaffenkommando am
gleichen Standort verbunden. Das Zentrum ist
nicht nur ein Befehlsstab, sondern auch ein Kompetenzzentrum für die Ausbildung
und Entwicklung von Führungsfähigkeiten für Luftoperationen.
Zum Zentrum Luftoperationen gehören die Operationszentrale
der Luftwaffe für die Führung aller Luftwaffeneinsätze als einziger
verbliebener Führungsgefechtsstand für die Dimension Luft.
.
Der Zentrale ist in nationaler
Verantwortung das ressortübergreifenden Nationalen Lage- und Führungszentrum
für Sicherheit im Luftraum angeschlossen. Dies steuert in Abstimmung mit
anderen Regierungsstellen Einsätze für die Bewältigung von Störungen der
Luftraumsicherheit durch unkontrollierte Flugbewegungen. Das können im
Extremfall Terrorlagen sein, aber den Alltag bestimmen die zahlreichen luftpolizeilichen
Abfangeinsätze der Alarmrotten in Wittmund und Neuburg, wenn Flugzeuge sich
aufgrund technischen oder menschlichen Versagens im Luftraum falsch verhalten
und jeweils zwei Eurofighter aufsteigen müssen, um die Objekte zu identifizieren
und die Lage durch Kommunikation mit den Piloten zu bereinigen.
,
An das Zentrum angeschlossen sind das Air lntelligence Center der Luftwaffe für das Nachrichtenwesen und
das Geoinformationszentrum der Luftwaffe, von dem sich Teile noch in
Münster befinden. Geografische und meteorologische Informationen sind für den
Flugbetrieb unverzichtbar.
2021 wurde das
ressortgemeinsame Zentrum Weltraumoperationen beim operativen Führungszentrum
der Luftwaffe in Betrieb genommen. Es geht auf das vormalige Weltraumlagezentrum
in Uedem zurück und soll von 80 auf 250 Soldaten aufgestockt werden. Das
Kommando kooperiert mit dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt und der
Fraunhofer-Gesellschaft, u.a. durch Mitnutzung des Weltraumradars in Wachtberg
(Bad Godesberg). Weitere Radare und Teleskope wurden beschafft, wie zum
Beispiel das Radar GESTRA in Koblenz-Schmittenhöhe. Allerdings bedient das
Weltraumkommando den neuen Einsatzraum im All nicht mit aktiven
Kampffähigkeiten, sondern beobachtet primär mögliche Gefährdungen der eigenen
Satelliten, um rechtzeitige Ausweichmanöver zu veranlassen. Natürlich impliziert
das die Beobachtung der regen Weltraumaktivitäten vieler Nationen. Militärisch
ist die Bundeswehr dort mit sechs Radarsatelliten SAR Lupe vertreten, die aus
einer Kooperation mit Frankreich hervorgegangen sind. Frankreich verwendet
dafür Bildsatelliten. Deren Aufklärungsergebnisse werden allerdings im Kommando
Cyberinformationsraum ausgewertet, nicht in der
Luftwaffe. Damit erhält die Bundesregierung für strategische Entscheidungen auch
Informationen aus eigener Quelle, was in Krisenlagen von hohem Wert ist.
Das
Zentrum in Uedem stellt für die NATO das „Joint Force Air Component
Headquarters” und für NATO und EU für Sondereinsätze ein „Special Operations Air Task Group Headquarters.”
Dem
Zentrum Luftoperationen sind eine Reihe von deutschen Anteilen an
multinationalen Kommandos unterstellt, die hier kurz vorgestellt werden:
Das Europäische
Lufttransportkommando in Eindhoven koordiniert die Lufttransportkapazitäten
mehrerer europäischer Luftwaffen und hat bei der Luftwaffe das
Lufttransportkommando in Münster ersetzt. Der fliegende Such- und
Rettungsdienst ist heute bei den Heeresfliegern in Niederstetten bzw.
Marinefliegern in Nordholz organisiert und kein Aufgabengebiet der Luftwaffe
mehr.
Die
NATO betreibt mit deutscher Beteiligung auf der Basis Geilenkirchen einen fliegenden
Frühwarndienst mit den fliegenden Radarzentralen auf der Basis der Boeing
„Sentry“, allgemein als AWACS bekannt
Neu
hinzugekommen ist eine unbemannte NATO-Aufklärungsflotte mit Großdrohnen der NATO
AGS-Force in Sigonella auf Sizilien. Sie dient der weiträumigen Radaraufklärung
und Luftbildauswertung.
Über
seinen deutschen Anteil ist das Zentrum Luftoperationen auch an das
übergeordnete NATO-Luftwaffenhauptquartier AIRCOM auf dem US-Stützpunkt
Ramstein angebunden.
Dem
Zentrum Luftoperationen untersteht der für das Luftlagebild unverzichtbare Einsatzführungsdienst
(Radarführungsdienst) in ganz Deutschland, der in zwei Einsatzführungsbereiche
gegliedert ist: Nr. 2 in Erndtebrück im Rothaargebirge und Nr. 3 in Schönewalde-Holzdorf
in Südbrandenburg. Die Zentralen der beiden
Einsatzführungsbereiche in Erndtebrück und Holzdorf können beide wechselseitig
die Daten der 18 Radaranlagen für ein Lagebild in ganz Deutschland aufbereiten.
Dort sind auch Arbeitsplätze für Jägerleitoffiziere. Die beiden Einsatzführungsbereiche
sind
allerdings keine autonomen Kommandozentren, sondern liefern nur Informationen
für die operative Führung in Uedem. Die Zahl der unterstellten Radarstellungen,
im modernen Militärdeutsch als Sensoren bezeichnet, hat sich wenig geändert.
Die Geophysik und Topographie erfordern eine flächendeckende Stationierung. Die
Anlagen sind in der Landschaft an den weithin sichtbaren Radarschutzhauben
(Radome) auszumachen. Es gibt drei verschiedenen Systeme, die zu
unterschiedlichen Zeiten eingeführt worden sind. Die westliche Kette betreibt
das System HADR (Hughes Air Defence Radar) seit 1984 in vier Stellungen.
In den neuen Ländern und in Ostbayern
wurde in den 90er Jahren das System RPR 117 an acht Standorten eingeführt
und nach 2010 wurde die mittlere Kette in sechs Stellungen mit dem ARED
GROUNDMASTER erneuert. Bei uns in Nordrhein-Westfalen gibt es eine HADR -
Stellung in Marienbaum am Niederrhein und GROUNDMASTER-Stellungen im
ostwestfälischen Auenhausen bei Höxter und in Erndtebrück. In Berlin überragt
das dortige RPR 117 den ehemaligen Flughafen Tempelhof auf einem hohen
Radarturm.
Die meisten Berliner wissen wohl nicht,
dass der Radarturm in Tempelhof mit dem RRP 117 der Luftverteidigung
Deutschlands dient. Der Radarturm in Auenhausen bei Höxter birgt mit einem ARED
Groundmaster den neuesten Sensortyp.
Stark reduziert wurde die Zahl der
Einsatzführungszentralen von einst acht verbunkerten
Luftverteidigungsgefechtsständen (CRC) auf nur noch zwei in Erndtebrück und im
südbrandenburgischen Holzdorf. In Holzdorf gibt es auch eine kleine Komponente
mit zwei mobilen Radaranlagen RAT 31 D und einem mobilen
Einsatzführungsgefechtsstand DCRC. Waren die ehemaligen CRC in
Bunkeranlagen untergebracht, so kann nur der Einsatzführungsbereich 3
heute noch eine ehemalige NVA - Bunkeranlage in Holzdorf nutzen. In
Erndtebrück wurde der Einsatzführungsbereich 2 in einem neuen ungeschützten
oberirdischen Gebäude untergebracht. Es wird aber erwogen, die ehemalige
Bunkeranlage MARTIN in Meßstetten auf der Schwäbischen Alb für die dortige HADR
-Anlage und vor allem als alternatives operatives Führungszentrum der Luftwaffe
wieder in Betrieb zu nehmen.
In einem
oberirdischen Neubau können in Erndtebrück die Daten von 18 Radarsensoren und den
NATO-Frühwarnflugzeugen AWACS zu einem Luftlagebild verarbeitet werden.
Die Radaranlagen werden im Fernwirkbetrieb
abgesetzt betrieben und sind nur von einer kleinen technischen
Betreuungsmannschaft in Zugstärke besetzt. Die 18 Sensoranlagen des
Einsatzführungsdienstes verfügen also über keinen eigenen über den zivilen
Wachdienst hinaus gehenden originären militärischen Schutz und dürften in einer
Bedrohungslage viele Kräfte des Heimatschutzes binden!
Der
sicherheitspolitische Umbruch von 2022 rückt auch die Luftverteidigung und den
territorialen Raumschutz in ein neues Licht. Über Nacht bemerkte die
Politik, dass Deutschland eigentlich schon lange „kein Dach“ durch eine
flächendeckende Bodenluftverteidigung mehr hat. Auf deutsche Initiative
wurde der European Skyshield mit 15 europäischen Teilnehmern zur
Wiederentstehung einer flächendeckenden Luftverteidigung angeregt. Sollte
tatsächlich eine Lösung wie das israelische Abwehrsystem Arrow-3 gegen ballistische
Flugkörper im Mittelstreckenbereich eingeführt werden, wäre auch das
Einsatzführungssystem und die Luftraumüberwachung zu ergänzen. Der Bedrohung
durch taktische und strategische Raketen, Marschflugkörper,
Hyperschallflugkörper und Drohnen ist weder bei den Sensoren noch bei den
Wirkmitteln mit einem einzigen Allroundsystem zu begegnen, was in der
aufgeregten Öffentlichkeit erst noch zu klären wäre.
Die
Führungsunterstützung der Luftwaffe mit IT-Kräften ist im Führungsunterstützungszentrum
gebündelt und untersteht mit seinen drei Führungsunterstützungssektoren
(Nr. 1 Fürstenfeldbruck, Nr. 2 Köln-Wahn und Nr. 3 Kalkar) ebenfalls dem
Kommando in Uedem. Nr.2 und 3 sind den Hauptquartieren an ihren Standorten
zugeordnet, Nr. 1 hält mobile Komponenten und Kapazitäten zur Verstärkung
bereit.
Für
die Einsatzunterstützung der in Kalkar und Uedem beheimateten Einheiten steht
als bataillonsstarker Verband eine Luftwaffenunterstützungsgruppe zur
Verfügung. Einen gleichartigen Verband gibt es unter dem Dach des
Luftwaffentruppen-kommandos auch in Köln-Wahn. Diese Einheiten erbringen
vielfältige Leistungen zum Betrieb und zur Versorgung der beiden
Stabsstandorte.
Die Hauptsäule der Luftwaffe bildet
das Luftwaffentruppenkommando in Köln-Wahn. Ihm unterstehen alle
fliegenden, bodengebundenen und die in der Luftwaffe verbliebenen logistischen
Kräfte, außerdem Einrichtungen für Ausbildung im In- und Ausland und ein
Zentrum für Luft- und Raumfahrtmedizin.
Es gibt noch sechs fliegende
Kampfverbände, die einheitlich als Taktische Luftwaffengeschwader (TLG)
bezeichnet werden: Mit Eurofightern ausgerüstet sind TLG 71 (Wittmund), 73
Laage bei Rostock, 74 (Neuburg/Donau) und 31 (Nörvenich). Die TLG 33 (Büchel)
und 51 (Jagel) fliegen noch den Tornado.
Diese TLG üben regelmäßig auch im
Ausland und sind auch schon in Kampfeinsätzen wie im Kosovokrieg, mit Drohnen
in Afghanistan und Mali oder bei der Bekämpfung des Terrors mit
Aufklärungsflügen im Nahen Osten präsent gewesen. Eine Dauereinsatzaufgabe sind
die Beiträge zur Luftraumsicherung der NATO im Baltikum und neuerdings
auch an der Südostflanke, wo Eurofighter regelmäßig Überwachungs- und
Kontrollflüge machen und dort im Luftraum natürlich regelmäßig russischen
Flugzeugen begegnen.
Die Bezeichnung Taktische
Luftwaffengeschwader soll die Absicht unterstreichen, dass sie künftig mehrrollenfähig
sein sollen und sowohl Luftverteidigungs- als auch Luftangriffsoperationen
ausführen können. Diese Befähigung ist allerdings an technische Voraussetzungen
geknüpft, die noch nicht abgeschlossen sind. Der seit 2004 eingeführte Eurofighter
war als agiles Jagdflugzeug konzipiert worden, das primär nicht für schwere
Waffenlasten von Jagdbombern ausgelegt wurde. Hauptbewaffnung sind die
Luft-Luft Flugkörper Sidewinder und IRIS-T. Der Luft-Luft-Flugkörper mittlerer
Reichweite Meteor für die Distanzbekämpfung soll zulaufen (vorerst 150
bestellt). Die britische Royal Air Force hatte allerdings von Anfang ihre
Eurofighter auch für die Bekämpfung von Bodenzielen vorgesehen und ist dabei
deutlich weiter als die deutsche Luftwaffe, die diesen Prozess erst in den
letzten Jahren begonnen hat. Eurofighter können jetzt gelenkte Bomben
des Typs GBU 48 (Bestand ca. 400) und künftig GBU 54 einsetzen. Es laufen auch
Versuche, den Abstandsflugkörper Taurus mit einer Reichweite von 500 km zu
integrieren. Es gibt aber auch Überlegungen, Abstandswaffen der britischen
Eurofighter einzuführen. Die schleppende Anpassung an eine Bodenrolle hat
im TLG 31 Nörvenich begonnen und ist in den immer noch primär für die
Luftverteidigung eingesetzten TLG 71 Wittmund und 74 Neuburg noch nicht richtig
angekommen. Das TLG 73 in Laage ist ein Einsatz-/Ausbildungsverband.
Hauptträger der Luftangriffsrolle ist immer noch das in den 80er Jahren
eingeführte Mehrzweckkampfflugzeug Tornado, das neben den oben genannten
Lenkbomben auch den schweren Typ GBU 24, vor allem aber den in 600 Exemplaren
eingeführten Abstandsflugkörper Taurus einsetzen kann. Mit Taurus lassen sich
stationäre oder mobile, verbunkerte oder ungeschützte Hochwertziele bekämpfen,
ohne dass sich das Trägerflugzeug der unmittelbaren Bedrohung der
Luftverteidigung in den Zielgebieten aussetzen muss. Auf ein an den Tornado in
den 80er Jahren besonders angepasstes System hat man wegen des Oslo-Abkommens
verzichtet. Mit dem Behälter MW 1 konnte der Tornado verschiedene Sprengkörper
und Minen in der Fläche verteilen, um Kampffahrzeuge zu bekämpfen und
Startbahnen lahmzulegen. Solche Streuwaffen sollte das o.g. Abkommen
abschaffen. MW-1 hatte damals die Abhängigkeit von taktischen Nuklearwaffen
verringern sollen.
Die Tornados des TLG 33 am
Standort Büchel sind auch die einzigen Waffenträger der nuklearen
Teilhabe Deutschlands. In Büchel lagern mutmaßlich 20 nukleare Abwurfbomben
unter US-Kontrolle. Bei der Bewertung der in Deutschland umstrittenen nuklearen
Teilhabe sollte man nicht vergessen, dass Deutschland im Reichweitenspektrum
der im Raum Kaliningrad stationierten Iskander-Raketen und der neuen russischen
Marschflugkörper SSC-8 liegt. Die sind mutmaßlich auch nuklear bestückbar. Angesichts
der begrenzten Abwehrmöglichkeiten gegen neue Lenkwaffen großer Reichweite ist
die Androhung von offensiven Gegenmaßnahmen im Sinne der Abschreckung oft die
einzige glaubhafte Defensivoption. Nukleare Teilhabe signalisiert die
Entschlossenheit der Partnerstaaten, der nuklearen Bedrohung durch einen
eigenen verhältnismäßigen Beitrag auf dem gleichen Niveau in Anlehnung an die
US-Atommacht entgegentreten zu wollen. Es geht hier mehr um politische
Psychologie und Diplomatie als um Kriegsplanung für den Weltuntergang. Es ist
kein Zufall, dass es wenig konkrete Informationen über den tatsächlichen
nuklearen Einsatzstand gibt, da das Risikokalkül mit Ungewissheiten zum Wesen
der Abschreckung gehört.
Auf das vielseitige Kampfflugzeug Tornado kann die Luftwaffe immer noch
nicht verzichten. Über die ab 2025 notwendige Nachfolge wurde erst 2022 entschieden, weil
sich maßgebliche politische Kräfte in militärischen Fragen sehr schwer tun
(Foto Wittmund 2013).
Das TLG 51 in Jagel bei
Schleswig setzt den Tornado in der Rolle als Aufklärungsflugzeug und 20
Maschinen in einer Spezialversion (ECR) für die Bekämpfung der
gegnerischen Flugabwehr mit elektronischen Mitteln und Flugkörpern ein, die
sogenannte SEAD (Suppression Enemy Defence). Das Geschwader geht übrigens auf
einen Marinefliegerverband zurück und die Luftwaffe hatte ursprünglich auch die
Aufrechterhaltung der Fähigkeit zur Seezielbekämpfung aus der Luft
zugesagt. Dazu ist sie aber nach dem Ende der Lebensdauer des Flugkörpers
Kormorans nicht mehr in der Lage, obwohl das eine für die Verteidigung in der
Ostsee wichtige Fähigkeit wäre und im Kalten Krieg durch zwei
Marinejagdbombergeschwader vom „Flugzeugträger Schleswig-Holstein“ aus hätte
wahrgenommen werden können. Jagel ist auch als Standort für Drohnen und der Aufklärungsflugzeuge PEGASUS für
SIGINT vorgesehen.Von einem Abzug der Kampfets war auch schon die Rede. Die
Luftwaffe betreibt in den Einsatzgebieten von Israel geleaste
Aufklärungsdrohnen Heron. Die in Deutschland heftige Debatte um die
Bewaffnung von Drohnen ist international recht singulär, kann in dieser
Darstellung aber nicht thematisiert werden. Die Eurodrohnen wird nach 2030
erwartet. Die Dynamik der Drohnenentwicklung führt die in Deutschland gängige
Beschaffung zahlenmäßig geringer, aber
teurer und aufwändiger Hochwertdrohnen in langjährigen Einführungszyklen ad
absurdum.
International unverständlich schien auch die
Auseinandersetzung über die längst überfällige Entscheidung zur Ablösung des
Tornado bis 2030. Hier überlagerten sich die Debatten um die nukleare
Teilhabe, über die sensible deutsch-französischen Zusammenarbeit beim Projekt
FCAS, um die Entwicklungspotentiale des Eurofighters und die Tauglichkeit der
in vielen westlichen Staaten in Einführung befindlichen amerikanischen F 35, welche
den technologischen Stand der 5. Generation verkörpert. Eine von der letzten
Ministerin bevorzugte Übergangslösung mit dem US-Modell F 18 in
einer modernen Version blieb offen. Weniger problematisch wäre ein Teilersatz
der Tornado für konventionelle Luftangriffsaufgaben durch weitere Eurofighter, auch
als Tribut an die deutsche Luftfahrtindustrie, aber für die nukleare Teilhabe kam
das Muster nicht in Frage. Ende
2022 billigte der Haushaltsausschuss, dass in den USA 35 Tarnkappenflugzeuge
des Typs F 35 beschafft werden, um die nukleare Teilhabe zu sichern. Das
Finanzvolumen dieser Beschaffung in USA beläuft
sich auf ca. 10 Mrd inklusive Ersatzteile und Wartung für fünf Jahre. Die
Flugzeuge sollen 2025-29 zulaufen, ab 2027 auf der Einsatzbasis Büchel. Dort
sind umfassende Umbaumaßnahmen erforderlich. Da die F 18 nicht mehr in Frage
kommt, kann für die elektronische Kampfführung auch das verfügbare System F 18
Growler nicht beschafft werden und so sind 15 Eurofighter in einer Version für
die Bekämpfung der gegnerischen Flugabwehr (SEAD) vorgesehen, die ab 2029
einsatzbereit sein sollen.
Die vorgesehen Eurofighter EK (elektronischer Kampf)
sollen durch Adaption von marktverfügbaren Systemen an schon vorhandene
Maschinen aus dem Bestand entstehen. Diese Adaption bedeutet immer noch ein
nicht geringes finanzielles und zeitliches Risiko. F 35 und Eurofighter ECR
können gemeinsam in dieser Rolle operieren. Will man den Tornado 1:1 ersetzen,
werden auch noch ca. 40 weitere Eurofighter für die konventionelle
Jagdbomberrolle benötigt. Davon war noch nicht die Rede! 2024 kündigte der
Bundeskanzler die Beschaffung eines weiteren Loses von 20 Eurofightern an. Der
Luftwaffeninspekteur forderte allerdings auch schon eine Tranche 5 im nächsten
Jahrzehnt, die mutmaßlich 35 Maschinen umfassen müsste, finanziell aber nicht
unterlegt ist. Es gibt auch Berichte, dass die Luftwaffe gerne die
Tornadoflotte komplett durch F 35 ersetzen würde und gern weitere 35 F 35
hätte.
Die F 35 könnte im konventionellen Waffeneinsatz nicht das
ganze eingeführte Spektrum der Tornado übernehmen, da die beschriebene
Luft-Boden-Lenkwaffe Taurus nicht in den Waffenschacht passen soll. So müssen eigene Waffen für die F 35
beschafft werden.
Die beschlossene Beschaffung von
38 Eurofightern der Tranche 4 (Projekt „Quadriga“) zum Ersatz älterer
Eurofighter Tranche 1 ist nicht Teil der Tornadonachfolge! Der Eurofighter hat
mittlerweile wieder eine Einsatzbereitschaft von 70 % erreicht und wenig
Schlagzeilen durch Flugunfälle gemacht. Als Modernisierung steht die
Ausstattung mit einem Mehrzweckradar an.
Der Eurofighter ist noch lange das Arbeitspferd der Luftwaffe. (Foto
Wittmund 2013)
Der große Entwurf für die
Zukunft soll das deutsch-französisch-spanische Future Combat Air System FCAS
zur langfristigen Ablösung der Eurofighter und französischen Rafale nach 2040 werden.
FCAS ist mehr als ein Flugzeugmuster, vielmehr ein komplexer operativer
Gefechtsverbund in den Flugzeuge, Drohnen, Satelliten und Bodenaufklärung
eingebunden sein sollen. Man sollte allerdings kritisch hinterfragen, ob eine
Zahl von am Ende dann vielleicht 100-150 Hochtechnologiesystemen mit einem
Kostenrahmen von 100 Milliarden € oder mehr wirklich einen angemessenen
Mehrwert an Feuerkraft und Agilität bringen, während man nicht in der Lage ist,
die Hausaufgaben bei der Luftverteidigung und kampfkräftigen Heeresdivisionen
zu erledigen!
Würden nach Ersatz der Tranche
1 durch 38 Eurofighter Tranche 4, weitere 20 Eurofighter gemäß der Aussage von
Kanzler Scholz beschafft und im nächsten Jahrzehnt weitere 35 Eurofighter
Tranche 5 realisiert, würde sich die Eurofighterflotte auf ca. 190-200
Maschinen zubewegen und zusammen mit 35 F 35 einen Kampfflugzeugflotte von etwa
230 Maschinen ergeben. Das ist allerdings eine optimistische Annahme. Der
Luftwaffeninspekteur mahnte, dass der Flottenbestand nicht unter 200 sinken
dürfe. Die Beschaffung zusätzlicher Eurofighter soll u.a. auch den Anschluss
der Luftfahrtindustrie an das FCAS-Projekt sichern und die Produktionslinien im
kommenden Jahrzehnt erhalten. Das wäre bei einer Entscheidung für weitere F 35
weniger gegeben, ob diese Maschine aufgrund ihrer zunehmenden Verbreitung in
der Allianz natürlich viele Möglichkeiten der Kooperation bietet. In jüngster
Zeit fanden die Eurofighter der Luftwaffe größere Beachtung bei internationalen
Übungsvorhaben im Indopazifik und Alaska mit weiträumigen Verlegungen. Bei der
Einsatzbereitschaft scheint die Krise der vergangenen Jahre überwunden zu sein
und der Klarstand bei 70-80 % zu liegen.
Eine weitere fliegende
Komponente stellt die Transportfliegerflotte im Lufttransportgeschwader
62 Wunstorf bei Hannover und Hubschraubergeschwader 64 in
Schönewalde-Holzdorf (Brandenburg) und Laupheim bei Ulm dar. Das LTG 63
in Hohn bei Rendsburg betrieb die letzten C 160 Transall. Nach Auflösung
des Geschwaders bis Ende 2022 soll aber der Fliegerhorst weiter genutzt werden.
Das LTG 62 betreibt den Transporter Airbus A 400 M und sollte
ursprünglich auf dem ebenfalls weitergenutzten Fliegerhorst Lechfeld eine
zweite Basis erhalten. Dies hat sich zerschlagen. Lechfeld wird auch von dem
TLG 74 aus Neuburg als Ausweichbasis genutzt.
Der A 400 M war ebenfalls
lange ein Sorgenkind der Beschaffung und Einsatzreife, hat aber bei der
Evakuierungsoperation in Kabul seine Feuertaufe bestanden, ist deutlich
zuverlässiger geworden und hat auch die Zulassung für das Absetzen von
Fallschirmjägern erhalten. Allerdings kann der A 400 M die Erwartungen bei der
Nutzung behelfsmäßiger Pisten, wie man sie von der Transall bei Hilfsflügen
kannte, nicht erfüllen und so muss die Luftwaffe in einem Kooperationsvorhaben
mit Frankreich für diese Zwecke eine gemeinsame Flotte mit in den USA
beschafften C 160 J Herkules in Evreux aufstellen. Die Luftwaffe
beteiligt sich mit sechs Maschinen.
Beim Tag der Bundeswehr 2018 machte eine
A 400 M ihre Runde über den verschiedenen Veranstaltungsorten.
Nachdem sich ein neues eigenes
Hubschraubertransportgeschwader der Luftwaffe mit dem auch in Heer und Marine
genutzten NATO-Hubschrauber 90 in Holzdorf nicht realisieren ließ, wurden bei
der letzten Strukturreform die in Rheine und Laupheim stationierten mittleren
Transporthubschrauber CH-53 G des Heeres kurzerhand in die Luftwaffe als
neues HTG 64 an den Standorten Holzdorf und Laupheim überführt. Natürlich
stand dabei Ärger ins Haus, denn in Rheine war die Infrastruktur für die CH 53
noch modernisiert worden und die in Holzdorf erstellten Neuobjekte waren auf NH
90 abgestellt. Die Bundeswehrführung zog die Entscheidung aber gegen alle Proteste
und Bedenken durch. Die bewährten und mehrfach modernisierten CH 53 aus den
70er Jahren kommen aber nun in die Jahre und die Beschaffung eines schweren
Transporthubschraubers bei den US-Herstellern Sikorsky und Boeing wurde
ausgeschrieben. Die Ausschreibung wurde zurückgezogen als die von der
Bundeswehr vorgegeben Anforderungen zu teuer wurden. 2022 ist die Entscheidung für 60 Chinook von Boeing als
„fliegende Ladefläche“ gefallen.2027 bis 2032 werden 60 CH 47 F zulaufen. Davon
werden 47 in Holzdorf und 10 in Laupheim stationiert.
Laupheim wird zum Standort der Hubschrauberkräfte für Spezialoperationen
und beherbergt dann auch 15 leichte Hubschrauber H 145 M LUH SOF und
möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt auch 10 leichte Kampfhubschrauber
H145 M LKH SOF. Für Holzdorf wird auch der Ausbau zu einem Umschlagplatz für
Großraumtransporter gefordert. Derartige Ambitionen waren wohl auch ein Faktor
bei der militärisch umstrittenen Aufgabe des Standortes Bentlage.
Schon lange im
Dienst: 1992 landet eine CH 53 G der Heeresflieger aus Rheine vor einer heute
längst aufgegebenen Kaserne in Münster. 2018 wird sie bei der Erprobungsstelle
91 in Meppen vom Hubschraubertransportgeschwader der Luftwaffe ausgestellt.
Zu den ca. 60 CH 53 G kommen
noch 15 neu beschaffte leichte Hubschrauber H145M LUH SOF Light Utility Helicopter, die unter anderem auch für das
Kommando Spezialkräfte im Einsatz sind. Die vielfältigen Aufgaben der
Transporthubschrauber im Truppentransport und Logistik werden durch humanitäre
Einsätze, Aufklärungsaufgaben in Auslandsmissionen, aber auch im Heimatschutz
immer mehr erweitert, so dass sich auch die ergänzende Beschaffung eines
leichten Musters empfahl. Logistik und Ausbildung der Hubschrauberkräfte der
Luftwaffe sind natürlich mit Heeresfliegern und Marinefliegern abgestimmt.
Als
weitere sehr öffentlichkeitswirksame Komponente tritt die Flugbereitschaft
des BMVg an ihrem Hauptstandort in Köln-Wahn und Nebenstandorten in
Berlin-Tegel und Berlin-Schönefeld in Erscheinung. Sie betreibt den
parlamentarischen und Regierungsflugbetrieb, hat aber auch vielfältige militärische
Transporteinsätze wie Luftbetankung und medizinische Transporte (MEDEVAC) zu
leisten. Der Transport von Personal in ferne Einsatz- und Übungsgebiete und die
Beförderung von Wechselbesatzungen der Marine gehört zum Beispiel auch dazu.
Die Flugbereitschaft war an der Evakuierung aus Afghanistan mit dem Transfer
von Usbekistan nach Deutschland beteiligt und führte zuletzt Verlegungsflüge
für Intensivpatienten in der Pandemie durch. Der Flugzeugpark ist dementsprechend
vielfältig: ein
Airbus A 310 MRTT Multi Role Tanker Transport, ein Airbus A 350, jeweils zwei Airbus A 340 und A 319CJ,
ein Airbus A319 OH Offener Himmel, ein Airbus A321, vier Bombardier Global 5000, drei Global 6000 und drei
Cougar AS-532 Hubschrauber. Die Maschine für den Einsatz „Offener Himmel“
ist für die Durch-führung von Beobachtungsüberflügen im Rahmen von
Rüstungskontrollabkommen und vertrauensbildenden Maßnahmen der OSZE
(Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) beschafft worden. Da
die USA und Russland aus dem „Open Skies-Vertrag“ ausgestiegen sind, fehlen
jetzt wichtige Vertragspartner und Überwachungszonen. Die Bundeswehr hatte nach
dem Absturz eines noch von der NVA übernommenen Musters in Südafrika, das sie
auch für diese Zwecke verwendete, lange durch Mitnutzung von Maschinen
befreundeter Luftwaffen improvisieren müssen.
Die Airbus-Jets der Flugbereitschaft werden nicht nur für Regierungsflüge
eingesetzt.
Bei
den kleineren Flugmustern dürften die jüngst beschafften drei Global 6000
noch von weitergehendem Interesse sein, da sie für das Projekt Pegasus
als Träger für die weiträumige elektronische Aufklärung vorgesehen sind.
Die durch die Ausmusterung der Marinepatrouillenflugzeuge Atlantic vor 13
Jahren entstandene Lücke bei der Erfassung von elektronischen Aufklärungssignalen
in weiträumigen Gebieten konnte wegen des Scheiterns von zwei Lösungen mit
Großdrohnen (Eurohawk, Triton) lange nicht gefüllt werden und nun soll die
fertig entwickelte Aufklärungsausstattung ISIS in Global 6000 eingerüstet
werden.
Deutschland
beteiligt sich künftig mit drei Airbus A 33O MRTT, die in Wahn stationiert
werden, an einer multinationalen Tankerflotte, deren Einsatz vom
Europäischen Lufttransportkommando koordiniert wird.
Im Zusammenhang mit den
fliegenden Systemen muss man noch die dem Luftwaffentruppenkommando
unterstellten fliegerischen Ausbildungsteile in den USA erwähnen. Das Ausbildungskommando
USA wurde von Holloman zur Sheppard Airforce Base verlegt, da eine
Umstellung auf eine fliegerische Ausbildung in Europa noch nicht abgeschlossen
ist.
Das Zentrum für den
elektronischen Kampf fliegender Systeme befindet sich am Standort
Kleinaitingen, bekannter als Lechfeld, und an zwei weiteren Dienststellen im
Bundesgebiet und betreibt die Weiterentwicklung und das Training zur Abwehr
gegnerischer und Anwendung eigener elektronischer Störmaßnahmen, die für das
Überleben eigener und die Abwehr gegnerischer Systeme unverzichtbar sind. Das
Zentrum unterstützt auch andere Teilstreitkräfte und Partner.
Neben den fliegenden Kräften
hat in der deutschen Luftwaffe immer auch die bodengebundene Flugabwehr mit
Raketen eine große Rolle gespielt. Im Zeitraum 1986 – 93 war der Bestand
auf 87 Feuereinheiten mit den Systemen Patriot, Hawk und Roland angewachsen, um
dann wieder schrittweise zu verschwinden, da man sich von einer
flächendeckenden Raumverteidigung in multinationalem Verbund innerhalb fester
Riegel und später mobiler Clustern verabschiedete. Nacheinander wurden die
festen Flugabwehrraketenstellungen (über 100) durch die Luftwaffe und ihre
NATO-Partner aufgegeben und die verbliebenen Batterien auf wenige Standorte konzentriert.
Bis 2005 waren das
Tieffliegerabwehrsystem Hawk und das Nahbereichsystem Roland verschwunden und
die Zahl der Patriot-Batterien in sechs Flugabwehrraketengeschwadern von 36 auf
24 reduziert. Mit der nächsten „Bundeswehrreform“ blieben 2012 nur noch drei
Gruppen in einem Geschwader übrig, die in Schleswig-Holstein und
Mecklenburg-Vorpommern konzentriert wurden. Die „FlaRak“ musste ihre Standorte in Bayern, NRW und
Niedersachsen räumen. Eine flächendeckende territoriale Bodenluftverteidigung
existiert nicht mehr. Das Dach der „FlaRak“ über Deutschland ist Geschichte.
Das soll nun die Initiative
European Skyshield im europäischen Rahmen (ohne Frankreich!) ändern, in welches
die verschiedenen Staaten ihre (verschiedene) Waffensysteme und Sensoren
einbringen und auch an weltraumgestützte Überwachungssysteme gedacht ist.
Deutschland könnte die verschiedenen Versionen des bodengestützten
Flugabwehrraketenystems IRIS-T-SLM einbringen, das sich gerade als Waffenhilfe
für die Ukraine bewährt.
Die verbleibenden Kräfte üben
den Schutz weniger Räume in den Einsatzgebieten der NATO, um vorwiegend
eigene Truppen oder ausgewählte Objekte gegen Bedrohungen aus der Luft zu verteidigen.
Dazu zählen nicht nur Flugzeuge, Hubschrauber und ballistische Raketen,
sondern zunehmend auch Drohnen. Der waffentechnische Anpassungsbedarf ist
dementsprechend hoch. Jede Gruppe betreibt zur Ausbildung noch eine feste
Friedensausbildungsstellung (FAST).
Die Flugabwehrraketentruppe
der Luftwaffe umfasst heute das Flugabwehrraketengeschwader 1 in Husum
mit der Flugabwehrraketengruppe 26 in Husum, der Flugabwehrraketengruppe
21 in Sanitz (Mecklenburg) und die Flugabwehrraketengruppe 24 in Bad
Sülze / Boehlendorf in Vorpommern, dazu kam das Taktische Ausbildungs-
und Weiterbildungszentrum Flugabwehrraketen in Fort Bliss/USA, welches ab
2022 durch das Ausbildungszentrum Flugabwehrraketen in Husum-Schwesing und
Panker (Todendorf) ersetzt wird. Das Geschwader betreibt noch 12
Feuereinheiten mit dem Raketensystem Patriot für den Einsatz und verfügt
Gerät von zwei weiteren für Ausbildung und Umlaufreserve. Die Ukrainehilfe
bedeutete aber die Abgabe von zwei Feuereinheiten. Das in den USA hergestellte
System nutzt deutsche LKW und Fernmeldegerät. Im Zentrum einer Feuereinheit (FlaRakStaffel)
steht eine mobile Kampfführungsanlage mit einem Multifunktionsradar und einem
Feuerleitstand für sechs auf LKW verlastete Patriot-Starter mit
Flugkörpercontainern. Das Radar erfüllt verschiedene Funktionen wie
Luftraumüberwachung, Zielerfassung, Zielerkennung, Zielverfolgung und
Flugkörperlenkung. Das Radar ist allerdings kein Rundsuchradar, sondern auf
einen festen Sektor von 120° ausgerichtet. Hier könnten künftige
Nutzungsdauerverlängerungen und Kampfwertverbesserungen Abhilfe schaffen. Die
Starter können verschiedene Flugkörper abfeuern, die regelmäßig modernisiert
wurden. Den letzten Rüstzustand weist der Flugkörper PAC-3 MSE auf mit einer
verbesserten Befähigung zur Abwehr ballistischer Raketen, von dem die Luftwaffe
eine kleinere Stückzahl (50) beschaffen konnte. Die Patriot-Systeme wurden und
werden kontinuierlich modernisiert und ihre Ablösung ist noch offen (2038 oder
länger?) Das Taktische Luftverteidigungssystem TLVS, das von deutscher
Seite nach dem Ausstieg der USA und Italiens allein weiterentwickelt wurde, ist
im Haushalt nicht mehr unterlegt. Sein Vorteil wäre die Auslegung auf viele
Bedrohungen mit Einbindung verschiedener Raketensysteme und Sensoren in einer
sogenannten offenen Systemarchitektur und das mit einem 360° Radius wirkenden rotierenden Radar
gewesen.
Eine
Patriot-Feuereinheit verfügt u.a. über ein Mehrzweckradar und sechs
Startfahrzeuge.
Das Flugabwehrraketengeschwader
1 betreibt einen Gefechtsstand (SAMOC) für eine umfassende Führung der
gesamten Flugabwehrraketenkräfte. Friedensausbildungstellungen befinden
sich auf dem ehemaligen Fliegerhorst Schwesing bei Husum, in Prangendorf bei
Sanitz und in Warbelow bei Bad Sülze. Für die Ausbildung wird auch noch der Raketenschießplatz
auf Kreta genutzt. Die in den 80er Jahren beschafften, immer wieder modernisierten
Luftabwehrraketen Patriot werden weit über 2030 hinaus die bodengestützte
Luftverteidigung gegen Flugzeuge und ballistische Kurzstreckenraketen wahrnehmen
müssen. Die Ausbildung wurde mittlerweile aus den USA nach Schleswig-Holstein
verlagert.
Die Aufmerksamkeit hat sich in letzter Zeit allerdings von
der großräumigen Luftverteidigung wieder zur Nahbereichsflugabwehr
verschoben. Als großes Defizit hat man angesichts der sich abzeichnenden Bedrohung
durch Kampfdrohnen wieder die Nahbereichsluftverteidigung erkannt,
nachdem man zehn Jahre zuvor noch die Heeresflugabwehrtruppe komplett aufgelöst
hatte. Die Luftwaffe hat die Reste der Heeresflugabwehr in der kleinen Flugabwehrraketengruppe
61 im ostholsteinischen Panker nahe dem Flugabwehrschießplatz Todendorf an der Ostsee zusammengezogen, mit 19 leichten
Flugabwehrraketenpanzern Ozelot und wenigen stationären 35 mm-Geschützen
zum Schutz von Feldlagern (MANTIS) und einigen mobilen Luftraumüberwachungsradaren.
Die Ozelot sind mit leichten Flugabwehrraketen Stinger
ausgerüstet. Fotos scheinen auch noch deren Nutzung als tragbare
Fliegerfaust zu belegen, mit denen früher der Objektschutz der Luftwaffe
und die Heeresflugabwehr ausgestattet war. Die Flugabwehrraketengruppe 61 wurde
der niederländischen Luftverteidigungsgruppe in de Peel unterstellt.
Über den Wiederaufbau einer begrenzten Flugabwehr unter dem Arbeitsbegriff
„qualifizierte Flugabwehr“ wurde im Kapitel Heer berichtet. Nach den Erfolgen des an die Ukraine gelieferten Flugabwehrraketensystems IRIS-T ist dies
System zum neuen Hoffnungsträger geworden und wird in verschiedenen Versionen
in den 14 Feuereinheiten der künftigen Luftverteidigung, davon vier für das
Heer, Verwendung finden.
Aktuell ist die
Beschaffung von sechs IRIS-T-SLM Staffeln beginnend 2025 vorgesehen. Dazu
kommen sollen IRIS-T-SLS für den Nächstbereich auf einem geschützten
Radfahrzeug und ein Flugabwehr-Radpanzer mit Sensor, Kanonen- und Raketenbewaffnung.
Darüber hinaus sollen die Patriot-Systeme auf dem neuesten Stand gehalten
werden und ggf. auch die Flugkörperherstellung in Deutschland wiederaufgenommen
werden.
In der Presse war von vier gemischten
Feuereinheiten mit einer Version von IRIS-T für den Nahbereich (Version SLS)
plus eine Kanonenlösung für das Heer die Rede, so dass sich künftig die
bodengestützte Luftverteidigung wieder auf vier Batterien des Heeres und zehn
der Luftwaffe verteilen könnte. Nach einer Einigung zwischen Heer und Luftwaffe
wird es für den Eigenschutz des Heeres zur Wiederaufstellung einer
Heeresflugabwehr am Standort Lüneburg kommen. Eine Integration in die
Artillerie aufgrund der dort verorteten Aufklärungskapazitäten und -verbünde
wurde wieder verworfen
Die
Flugabwehrgruppe 61 unterhält wenige Flugabwehrsysteme MANTIS zum Feldlagerschutz. Das
System wurde an die Slowakei abgegeben.
Die Frage der Boden-Luft-Verteidigung hat 2022 angesichts der Drohungen
des russischen Präsidenten mit Nuklearwaffen und dem Einsatz von
Hyperschallwaffen in der Ukraine plötzlich eine neue Gewichtung bekommen. Dabei geht die
Bedrohung nicht nur von der Enklave Kaliningrad aus, von wo Iskander-Raketen
das Baltikum, Polens und den Großraum Berlin bedrohen können. Mittelstreckensysteme
wie der Marschflugkörper SSC-8 könnten auch von Russland aus wirken, von dem
gesamten land-, luft- und seegestützten russischen Nukearpotential ganz zu
schweigen. Dabei ist ein dringende Klärung in der Öffentlichkeit und Fachwelt
geboten, da ein unsachgemäße Übertragung der Erfolge des israelischen „Iron Dome“
auf Deutschland erfolgte und übersehen wurde, dass die weiträumige Luftverteidigung
bislang der NATO-Integration vorbehalten war und sich nationale Alleingänge
verbieten. Immerhin gibt es im Rahmen von PESCO auch das europäische Projekt
TWISTER in diesem Sektor, dass bisher unbeachtet blieb. Ebenso muss bei den
Bedrohungen hinsichtlich der Trägersysteme, ihre Reichweite, Flugbahn, Flughöhe
und Manövrierfähigkeit unterschieden werden und ein einziges System bei der
Sensorik und Abwehrwirkmitteln keine Patentlösung bietet. So bleibt das
Wirkspektrum des Patriot-System oder eines Nachfolgers gegen Flugzeuge,
Hubschrauber und taktischer Raketen geringerer Reichweite wie Iskander
weiterhin unverzichtbar, während das in den Schlagzeilen nun auftauchende
israelische System Arrow-3 das Höhen- und Reichweitenband der
Mittelstreckenraketen abdeckt und das ab 2025 zulaufen soll. Das löst aber die
bekannten Defizite im Nah- und Nächstbereich nicht, die ebenfalls mit eigenen
Einheiten und Systemen gefüllt werden müssten. Nach dem aktuellen Stand der
Dinge wird die Bundeswehr sechs Staffeln IRIS- T-SLM für die Luftwaffe und vier
IRIS-T-SLS auf Boxer für die wiederaufzustellende Heeresflugabwehr zu schaffen.
In Deutschland müssten Standorte für Arrow-3 Raketen, Führungs- und
Radaranlagen neu eingerichtet werden. So wird es zur Stationierung in
vorhandenen Luftwaffenliegenschaften kommen, sofern dies die Einsatzkonzeption
und topografischen Anforderungen zulassen. Die erste Auswahl wurde für den
Standort Holzdorf getroffen. Als weitere Standorte sind Lechfeld und Hohn im
Gespräch. In der politischen Landschaft hätte die Thematisierung einer
Raketenabwehr vor noch nicht allzu langer Zeit auch in den Reihen der sie jetzt
fordernden Regierungspolitiker wenig Gegenliebe gefunden, berührt eine
derartige Forderung doch auch das alte Dogma der Friedenserhaltung durch
gegenseitig gesicherte nukleare Vernichtungsfähigkeit.
Im
Zusammenhang mit den Einsatzkräften muss auch ein ganz besonderer
bodengebundener Verband des Luftwaffentruppenkommandos erwähnt werden: das Objektschutzregiment
der Luftwaffe an den Standorten Jever und Diepholz. Der Verband soll in der
Lage sein, eine Luftwaffenbasis im Einsatzgebiet zu übernehmen, zu betreiben
und zu schützen. Zum Schutz gehören nicht nur die Sicherung, sondern auch
Brandschutz, ABC-Abwehr und Pionierdienst zur Schadensbeseitigung. Das Regiment
kann auch zusätzliche Sicherungskräfte aus dem jüngst gestarteten Projekt eines
einjährigen militärischen Freiwilligendienstes (s.o.) übernehmen.
Das
Objektschutzregiment kann die entsprechenden Schutzaufgaben natürlich auch bei
Luftwaffeneinheiten im Inland wahrnehmen. Es verfügt auch über geschützte
Fahrzeuge wie den Dingo. Das Regiment kann in seinem III. Bataillon auch viele
Reservisten einplanen. Die Flugabwehrkomponente für die Nahbereichsverteidigung
mit leichten „Fliegerfäusten Stinger“ wurde wieder ausgegliedert und ist nur
noch im Flugabwehrraketengeschwader 1 vorhanden.
Die
vielseitigen geschützten Fahrzeuge aus den verschiedenen Baureihen des DINGO
sind bei vielen Truppengattungen im Einsatz, auch beim Objektschutzregiment.
Dieses
Regiment kann als exemplarischer Fall für den Paradigmenwechsel von der
Landesverteidigung zu Kriseneinsätzen im Ausland gelten. Ursprünglich
hatten alle Fliegerhorste in Deutschland Maßnahmen zum Schutz (z.B. Flugzeugschutzbunker)
getroffen und aktive und nicht aktive Einheiten zur Sicherung, Flugabwehr und
den Luftwaffenpionierdienst aufgestellt, um den Betrieb auch unter
Feindeinwirkung möglichst lange sicherzustellen bzw. wiederherzustellen. Neben
der fliegenden Gruppe und der technischen Gruppe existierte auf den
Fliegerhorsten ein dritter bataillonsstarker Verband für diese Aufgaben: die
Fliegerhorstgruppe. Die Bewertung, dass das deutsche Staatsgebiet nicht mehr bedroht
sei, führte zum Abbau dieser Kapazitäten, um Kosten einzusparen. Teilweise
wurden sogar die Flugzeugbunker nicht mehr genutzt und Fertigbauhallen zur
Abstellung der Eurofighter errichtet. Etwas zurückhaltender mit diesem
Fähigkeitsabbau war man beim TLG 33 in Büchel wegen des Nuklearauftrages. Bei Auslandseinsätzen sind auch Zelte für die
Abstellung der Flugzeuge verfügbar. Um den mobilen Einsatz der Luftwaffe auf
außerdeutschen Basen sicherzustellen, wie z.B. beim „Airpolicing“ im Baltikum
oder bei früheren Aufklärungsflügen auf jordanischen Basen zur der Bekämpfung
von ISIS, benötigt man eine mobile Unterstützungskomponente wie das
Objektschutzregiment. Ob man einige deutsche Flugbasen wieder „härten“ und
durch Wiederaufstellung von Fliegerhorstgruppen widerstandsfähiger machen kann,
ist sicher noch nicht entschieden. Allerdings stellt die Luftwaffe mittlerweile wieder eigene nicht aktive
Sicherungsstaffeln im III.nicht aktiven Bataillon des Objektschutzregiments auf.
Außerdem plant die Luftwaffe im Rahmen des Projekts Reserve 2025- Schutz und
Sicherung Inland vier nicht aktive Sicherungszüge in Jagel, Schönewalde,
Nörvenich und Manching.
Im Rahmen
der Strategie der Reserve war auch für die Luftwaffe von einem Aufwuchs um
15.000 Reservisten die Rede. Die Zahl scheint recht hoch, denn die Luftwaffe
kann nicht wie das Heer größere Reserveformationen einbinden, braucht aber viel
Personal, um seine Geschwader auf volle Einsatzstärke zu bringen. Die Zahlen in
Planungsdokumenten eilen sicher der realen Umsetzung oft weit voraus und die
theoretische Verfügbarkeit von Grundbeorderten kann nur mit viel
Personalbearbeitung, Kommunikation und Qualifizierung erst einmal Gestalt
annehmen. Möglicherweise ist aber an zusätzliche Sicherungsstaffeln und
Startbahninstandsetzungskräfte gedacht, die man beim Vorliegen der rechtlichen
Voraussetzungen eines Verteidigungsfalles mit „einberufenem“ Gerät aus der
Bauwirtschaft ausstatten könnte. Am Projekt des Freiwilligen Jahres für
Deutschland ist auch das Objektschutzregiment beteiligt. Die Sicherungsaufgaben
zum Schutz einer Luftwaffenbasis mit Flugbetrieb stellen zum Teil andere
Anforderungen als der Heimatschutz zur territorialen Sicherung.
Zahlreiche
der genannten Verbände führen als Traditionsbezeichnungen Beinamen, die
gelegentlich auch kritisch hinterfragt werden. Die TLG 71, 33 und 51 mit den
Beinamen Richthofen, Boelcke und Immelmann beziehen sich auf die
Fliegertradition des Ersten Weltkrieges. Das JG 74 musste den Namen des
Fliegerasses Mölders aus dem Zweiten Weltkrieg 2004 ablegen. Dagegen ist
die Benennung des TLG 73 Steinhoff mit einem auch in der Bundeswehr renommierten
Luftwaffengeneral oder die regionale Zusatzbezeichnung Ostfriesland für
das Objektschutzregiment unproblematisch. Mit der Auflösung des Lufttransportgeschwaders
63 in Hohn verschwindet leider der bei den Transportfliegern legendäre und
unkriegerische Beiname Hans Huckebein. Die Kaserne der
Unteroffizierschule in Appen bei Pinneberg hat den Namen des Fliegerhelden Marseille
aus dem II. Weltkrieg gegen den des ehemaligen F 104-Piloten Jürgen
Schumann eingetauscht, der sich 1977 als Flugkapitän der entführten „Landshut“
auszeichnete und ermordet wurde. Das Thema der Traditionspflege in der
Bundeswehr sei damit kurz angerissen, aber nicht ausgeführt.
Das
Luftwaffentruppenkommando führt auch Einheiten und Einrichtungen für die
Ausbildung. Der Offizierschule der Luftwaffe befindet sich noch im
traditionsreichen Luftwaffenstandort Fürstenfeldbruck, soll aber 2023 eine neu
errichtete Infrastruktur in Roth bei Nürnberg beziehen. Die Unteroffizierschule
befindet sich in Appen (Pinneberg) und die Grundausbildung der Rekruten
der Luftwaffe erfolgt in einem Ausbildungsbataillon in Germersheim und Roth.
Eine erstaunliche Reduktion, wenn man bedenkt, dass es zu Zeiten der
Wehrpflicht fünf Ausbildungsregimenter gab.
Für die
Ausbildung von Waffenlehren für Eurofighter und Tornado gibt es die Waffenschule
in Laage. Besonderes Gewicht hat in der Luftwaffe natürlich die technische
Ausbildung im Technischen Ausbildungszentrum der Luftwaffe mit
Standorten auf dem Fliegerhorst Faßberg in der Lüneburger Heide und in
Kaufbeuren. Angeschlossen ist eine Fachschule in Faßberg für die
berufliche Qualifikation von Offizieren. Ein Ausbildungszweig befindet sich
beim Einsatzführungsbereich 2 in Erndtebrück (s.o.), wo das Radarpersonal
ausgebildet wird.
Für die
besonderen medizinischen Belange der Teilstreitkraft befindet sich das Zentrum
für Luft- und Raumfahrtmedizin am Standort Köln-Wahn unter dem Dach des
Luftwaffentruppenkommandos. Die Existenz einer eigenen Luftwaffenunter-stützungsgruppe
für den Betrieb des Standortes Wahn wurde schon erwähnt.
Die
Vorstellung des Luftwaffentruppenkommandos und der Luftwaffe schließt mit den
in der Teilstreitkraft verbliebenen logistischen Teilen für die
Materialerhaltung des luftwaffeneigentümlichen Geräts. Natürlich sind in
allen Truppenteilen auch logistische Elemente vor Ort vorhanden und die
fliegenden Geschwader verfügen über eine eigene Technische Gruppe, um die
Einsatzbereitschaft der Maschinen inklusive der Bestückung und Betankung zu
erhalten. Für die höheren Stufen der Materialerhaltung, die in enger Kooperation
mit Personal der Hersteller erfolgt, gibt es die Waffensystemunterstützungszentren
1 und 2 in Manching und Diepholz. Das WUZ 1 betreut Luftfahrzeuge, das WUZ
2 Flugabwehrraketensysteme,
Radar-, Flugsicherungs-, Kommunikations- und Bodennavigationsanlagen. Den
Zentren unterstehen die Instandsetzungszentren 1 in Manching, 12 Ummendorf und
13 Landsberg/Lech sowie das Systemzentrum 14 Manching bzw. die Systemzentren 23
Wunstorf, 24 Trollenhagen, später Laage, 25 Erndtebrück und 26 Wunstorf. Das
für Hubschrauber zuständige Systemzentrum 21 wurde aus dem WUZ 2 ausgegliedert
und als abgesetzte Instandsetzungsstaffel HTG 64 dem
Hubschrauberregiment in Holzdorf unterstellt, bleibt aber am Standort Diepholz.
Die Staffel betreibt nun auch den Flugbetrieb in Diepholz. Die Verlegung des
Stabes WUZ 2 nach Holzdorf war geplant, wird aber möglicherweise nicht
umgesetzt. Das BMVg hat auch entgegen ursprünglicher Absichten eine
Weiternutzung des Standortes Diepholz vorgesehen.
Die Zukunft dieser Teilstreitkraft, die sich gern
als „Team Luftwaffe“ darstellt, ist auf die Werbung qualifizierten Nachwuchses
angewiesen und muss sich darauf verlassen, dass ihre sehr kostspieligen Systeme
durch Entscheidungen der „Haushälter“ im Bundestag auf einem zeitgemäßen
technischen Stand gehalten werden. Die Luftwaffe kann schon aus Gründen der
Flugsicherheit ihre Systeme und wegen der enormen Kostensteigerungen bei der
Materialerhaltung mit zunehmender Einsatzdauer nicht ewig weiterbetreiben, wie
das beim Heer mit Systemen wie Leopard oder Marder vielleicht noch etwas länger
geht. Über die Fokussierung auf die Entwicklungen, Beschaffungsentscheidungen
und Einsatzbereitschaft bei fliegenden Systemen hinaus, gibt es auch noch andere
Baustellen, wie die doch sehr lückenhafte Bodenluftverteidigung und die
Überlebensfähigkeit der Einsatzbasen.
Kommando Marine
Die Marine mit ihren rund 15.000
Militärangehörigen ist naturgemäß im Unterschied zu den anderen Teilstreitkräften
/Organisationsbereichen nicht flächendeckend in Deutschland präsent, ist
aber durch die Herkunft des Personals und auch durch die wehrtechnische
Zulieferindustrie eng mit dem Binnenland verbunden.
Die Benennung ihrer Schiffe
unterstreicht ihre Verbundenheit mit Ländern und Kommunen, während die noch in
den Anfangsjahren gebräuchlichen Traditions-namen aus der deutschen Militärgeschichte
mit der Außerdienststellung dieser Schiffe verschwunden sind (z.B. Lütjens,
Rommel, Scheer, Hipper, Scharnhorst u.a., Ausnahme: Gorch Fock!). Die Fregatten
der Marine sind heute meist nach Bundesländern benannt. Dabei kam bei den neuen
Fregatten Klasse 125 zum ersten Mal auch „Nordrhein-Westfalen“ zum Zuge und ein
Modell dieses Schiffes findet sich im Foyer des Düsseldorfer Landtages. Korvetten, Minenkampfeinheiten und die großen
Einsatzgruppenversorger tragen Städtenamen, die oft mit Patenschaften unterlegt
sind. Einige Fregatten trugen oder tragen demnächst wieder Städtenamen, die in
der Marinegeschichte auch eine längere Tradition haben (u.a. Emden, Karlsruhe, Köln.
Lübeck). Flüsse oder Gebirgszüge sind bei Unterstützungsschiffen beliebt (u.a.
Rhein, Lahn, Mosel, Oker, Rhön, Spessart) Bei den U-Booten hat man die
Marinetradition der Durchnummerierung beibehalten (U 31, U 32 etc.).
Schnellboote, die Namen und S-Nummerierung kombinierten, gibt es nicht mehr.
Unter Einbeziehung von im Bau
befindlichen Einheiten besteht der Einsatzbestand an Schiffen, Booten und
Versorgungsschiffen aus unter 50 Einheiten, Hilfsschiffe nicht
mitgerechnet. Mit Zulauf von neuen Korvetten wird diese Zahl wieder auf über 50
anwachsen. Dazu kommt eine Zahl von künftig ca. 55 Hubschraubern und
Flugzeugen des Marinefliegerkommandos. Folgt man dem Zielbild Marine 2035
müsste ein Aufwachsen auf 75 Schiffseinheiten und 34 unbemannte fliegende und
schwimmende Systeme erfolgen.
Die Marine hat schon in den
90er Jahren zukunftsweisende Strukturen eingenommen, da die brisante
Standortfrage mit all ihren politischen Interventionen für sie weniger ins
Gewicht fiel. Sie musste ihr Strukturen weniger danach ausrichten, dass
möglichst viele Standorte erhalten blieben. Diese Zwänge hatten die anderen
Teilstreitkräfte belastet und dort dauerhaft zukunftsfähige Entwürfe behindert,
so dass es zu der berüchtigten Dauerbaustelle Bundeswehr mit immer wieder
nachgelegten „Reformen“ kam, weil die Mittel nicht reichten, um die immer
wieder neu geflickten Fassaden zu erhalten.
Die Marine hat auch eine starke
industriepolitische Lobby wegen der Förderung der unter starkem
Konkurrenzdruck stehenden Schiffbauindustrie in den Küstenländern und
Zulieferern im Binnenland. Sie wurde als Schlüsselindustrie deklariert,
die ungeachtet aller EU-Richtlinien, der Unterstützung der Politik sicher sein
kann. Kriegsschiffe machen einen hohen Anteil des Rüstungsexports aus
und sorgen durch deren Preise, weniger durch die Stückzahlen, für einen
Spitzenplatz Deutschlands und damit für viel Kritik. Vor allem konventionelle
U-Boote sind gefragt. Eine vergleichbare beliebte Angriffsfläche bietet die vor
allem im Süden ansässige Luftfahrtindustrie, die sich der Fürsorge der
Unionsparteien sicher sein kann, während in den Küstenländern auch
sozialdemokratische Interessen involviert sind. So gilt wohl weiterhin beim
Rüstungsexport der Grundsatz „Was schwimmt, läuft“, da man Skrupel mit dem
Hinweis auf den geringen Nutzen von Schiffen bei der Unterdrückung von
Oppositionsbewegungen verdrängt und heimlich an seine Wählerschaft in den
Küstenstandorten der Werften denkt.
Der gelegentliche Vorwurf,
dass kostenintensive Marine- und Luftwaffenprojekte oft zulasten des
Heeres begünstigt waren, ist sicher nicht ganz unbegründet.
Übrigens hat das Vertrauen
der Marine in die nationale maritime Industrie nach den Erfahrungen der
letzten Jahrzehnte etwas gelitten. Die Fregatten 125 erfüllen immer noch
nicht die Erfordernisse einer vollen Einsatzbereitschaft bei der
Waffeneinsatzführung und die Korvetten 130 bereiteten anfangs großer Probleme
bei der Antriebsanlage. Die Bundeswehrhistoriker werden wissen, dass es auch in
den 60er Jahren bei den Eigenbauten von Zerstörern und U-Booten haperte.
Dieser Einstieg soll
unterstreichen, dass die Marine trotz ihres zahlenmäßig begrenzten Umfangs
immer einen hohen Stellenwert besaß. Als Exportnation besteht ein großes
Interesse an der Sicherung der internationalen Seewege und freien Schifffahrt
und dementsprechend kann man im Rückblick feststellen, dass es in der Deutschen
Marine einen kontinuierlichen Aufwuchs der Hochseekräfte gab. Das NATO-Planziel
von 15 deutschen hochseefähigen Kampfschiffen ab Fregatten aufwärts galt damals
und heute, auch wenn es mit vorläufig nur 11 Einheiten nicht erfüllt
werden kann. Die deutschen Fregattenbauten wurden seit den 80er Jahren nach
Wegfall der WEU-Beschränkungen immer größer und entsprechen in der Tonnage,
eigentlich dem, was man früher Zerstörer oder Kreuzer nannte. Diese Begriffe
sind allerdings nicht im Trend einer verschleiernden Terminologie, die nicht zu
kriegerisch klingen möchte.
Waren die deutschen
„Dickschiffe“ ursprünglich noch auf die Nordsee beschränkt, sind sie nun in den
letzten Jahrzehnten weltweit unterwegs und erfüllen international
mandatierte Einsätze, beteiligen sich an NATO-Einsatzgruppen oder befinden sich
nach Vorgaben des Auswärtigen Amtes auf Seereisen mit diplomatischem
Hintergrund, wie 2021/22 die Fregatte „Bayern“ als Symbol deutscher Präsenz
im Indo-Pazifik. Hier hat natürlich das kostenträchtige Segelschulschiff „Gorch
Fock“ auch seine Rolle als „Botschafter in Blau“.
Der ursprüngliche
Kernauftrag der Marine, der seit dem NATO-Gipfel von Wales 2014 wieder
einen neuen Stellenwert bekommen hat, war die Verteidigung in der westlichen
Ostsee, damals gegen die Baltische Flotte, die polnische Marine und
DDR-Volksmarine. Die Bundesmarine trug mit 24 kompakten für die Küstengewässer
optimierten U-Booten, 40 Schnellbooten, über 70 Minenkampfeinheiten und 110
Marinejagdbombern (F 104 G, dann Tornado) zusammen mit der dänischen Marine zum
Schutz der Ostseezugänge und „nassen Flanke“ der bundesdeutschen Ostseeküste
bei. Dieses Potential vieler kleiner kampfkräftiger Einheiten bzw. einer
relativ starken landgestützten Marineluftwaffe wurde mit der veränderten
politischen Lage radikal
zusammengestrichen, während das Hochseepotential aufgrund der
globalen Krisenausrichtung in der Substanz erhalten blieb.
Die strategische Lage in
der Ostsee hat sich natürlich für die NATO durch den Beitritt Polens und
der baltischen Staaten und die Kooperation mit Schweden und Finnland geändert,
aber dies ist auch mit territorial erweiterten Beistandspflichten verbunden,
für die nur noch geringe Kräfte verblieben sind. Im Grunde sind das nur
die von fünf, demnächst auf 10 aufgestockten Korvetten Klasse 130 im
Marinestützpunkt Warnemünde und 12 Minenabwehreinheiten in Kiel. Die
sechs, demnächst vielleicht acht U-Boote Klasse 212 in Eckernförde sind
eher für weiträumige Hochseeeinsätze konzipiert und nicht mehr wie ihre
Vorgänger als kompakte durch geringe Größe überlebensfähige Boote für die
Ostsee optimiert. Eine Fähigkeit zur luftgestützten Seezielbekämpfung fehlt,
seit die Luftwaffe mit ihrem Geschwader in Jagel (s.o.) den Seezielflugkörper
Kormoran nicht mehr einsetzen kann.
Allerdings setzte die Marine nach dem russischen Angriff auf die Ukraine
kurzfristig 28 seegehende Einheiten ihres gesamten Spektrums in der Ostsee als
Signal westlicher Verteidigungsbereitschaft ein.
Die Deutsche Marine hat mit dem
„Baltic Maritime Component Command“, das beim „German Maritime
Operation Center“ in Rostock (Operationszentrale der Marine) eingerichtet
wurde, die NATO-Führungsverantwortung für die westlichen Kräfte in der Ostsee
übernommen. In Kiel betreibt die Marine für die NATO ein Kompetenzzentrum
für die Seekriegführung in Küstengewässern, für die sie in den Jahrzehnten
der Einsatzschwerpunkte in Ostsee und Nordsee große Erfahrungen angesammelt
hat.
Besondere Anstrengungen
erfordern nach wie vor die Verpflichtungen der Marine bei internationalen
Einsätzen außerhalb der deutschen Gewässer. Hier seien einige Einsätze von
der Vergangenheit bis in die Gegenwart aufgelistet: Minenräumaktion im
Persischen Golf 1990/1, Embargokontrolle in der Adria 1992, Evakuierung des
deutschen Kontingents nach dem gescheiterten Somaliaeinsatz 1994, Seeraumüber-wachung
zur Terrorismusbekämpfung seit 2001 durch SNMG 2 (s.u.), Unterstützung der
UN-Überwachung des Waffenschmuggels an
der libanesischen Küste ab 2006 (UNIFIL), Pirateriebekämpfung am Horn von
Afrika für UN, NATO und EU, Evakuierungen an der libyschen Küste 2011 Unterstützung
bei der Vernichtung syrischer Chemiewaffen 2014/15, Flüchtlingsrettung und
Schleuserbekämpfung im Mittelmeer 2015-2020, Schutz eines französischen Trägers
im Mittelmeer in der internationalen Mission gegen die Terrororganisation des
Islamischen Staates 2016, Embargokontrolle vor der libyschen Küste seit 2020 (IRINI).
Hinzu kommen die Beteiligungen
an der Präsenz der ständigen maritimen Einsatzgruppen der NATO (Standing
NATO Maritime Groups) im Rahmen der Bündnisverteidigung. Dazu gehören SNMG 1 im
Atlantik, SNMG 2 im Mittelmeer oder Krisengebieten. Für die Minenabwehr und
zusätzlichen mandatierten Missionen bestehen die beiden Einsatzgruppen
(Standing NATO Mine Counter Measure Group) SNMCMG 1 und 2. Das Lastenheft der
Marine bei schwindenden Schiffseinheiten führt gelegentlich dazu, dass neben
Fregatten oder Korvetten auch Versorgungsschiffe bei Überwachungsaufgaben zum
Einsatz kommen, so dass diese auch mit digitalisierten Lagedarstellungsgeräten
nachgerüstet werden müssen. Die Bestandszahlen der Flotte dürfen aufgrund von
Werftliegezeiten und der langen An- und Abmarschwege nicht mit Verfügbarkeit
im Einsatzgebiet gleichgesetzt werden. Mit dem Verfahren von Wechselbesatzungen
bei neuen Fregatten will man die Stehzeiten der Schiffseinheiten im
Einsatzgebiet verlängern, aber Personal bleibt eine knappe Ressource. Wenn sich der Schwerpunkt wieder mehr zu den näheren Seegebieten
in den nördlichen Regionen verlagert, könnte dies Konzept allerdings angesichts
der Personalknappheit wieder reduziert werden.
Bis zu ihrer
Außerdienststellung wurden auch Schnellboote außerhalb ihres natürlichen
Einsatzraumes in der Ostsee an der Straße von Gibraltar oder am Horn von Afrika
eingesetzt. Fehlende Klimatisierung, die begrenzte Einsatzdauer von Einheiten
mit geringer Besatzungszahl und der aufwändige Transport an das Horn von Afrika
mit Dockschiffen zur Schonung der Antriebe setzten diesen Einsätzen allerdings
Grenzen. Keine offiziellen Informationen gibt es über die Aufklärungseinsätze
von U-Booten und Flottendienstbooten (s.u.) außerhalb der deutschen
Gewässer, die zum Lagebild beitragen sollen.
Ein organisatorischer
Überblick über den Ist-Zustand der Marine folgt: Das Kommando der Marine in Rostock
entspricht den Funktionen eines Teilstreitkraft-kommandos mit dem Befehlshaber
in einer Doppelrolle als Kommandeur und Inspekteur. Sein Stellvertreter ist
zugleich Befehlshaber der Flotte. Das Marine-kommando kommt mit wenigen
Zwischenebenen der Führung aus und kann einige Organisationseinheiten wie
Schulen direkt führen, so gibt es zum Beispiel kein Ausbildungskommando. Auch
bei der Marine ist eine genaue Unterscheidung zwischen administrativer,
planerischer und truppendienstlicher Führung auf der einen und taktischer
Operationsführung auf der anderen Seite zu treffen. In der Hansekaserne in
Rostock wurde die Infrastruktur für den Stab „German Maritime Forces“
eingerichtet, dem das o.g. NATO-Kommando für den Ostseeraum angeschlossen ist.
Eine unterstellte Dienststelle ist auch die SAR-Zentrale für den Such- und
Rettungsdienst über See, für den die Marine mit ihren Hubschraubern
zuständig ist.
Die Unterbringung der operativen
Führung (Maritime Operation Center) erfordert eine genaue Betrachtung. Als
Zielstandort für den Stab „German Maritime Forces“ als operatives
Führungszentrum der Deutschen Marine ist die Hansekaserne Rostock vorgesehen. Das
dazu gehörende Maritime Operation Center befand sich bisher im verbunkerten
ehemaligen Marinehauptquartier in Glücksburg bei Flensburg und ist 2022 nach
Rostock umgezogen, das
Objekt in Glücksburg wird aber möglicherweise nicht ganz aufgegeben, denn für
den Standort ist sogar eine eigene nicht aktive Marinesicherungskompanie
vorgesehen.
Der Marineführung unterstehen
drei Einsatzkomponenten: die Einsatzflottille 1 in Kiel, die Einsatzflottille 2
in Wilhelmshaven und das Marinefliegerkommando in Nordholz bei Cuxhaven.
Die Einsatzflottille 1
führt das 1.Korvettengeschwader in Warnemünde, das 3.
Minensuchgeschwader in Kiel, das 1. U-Bootgeschwader in Eckernförde,
das Unterstützungsgeschwader in Kiel, das Kommando Spezialkräfte
Marine in Eckernförde, das Seebataillon in Eckernförde, das U-Bootausbildungszentrum
in Eckernförde und die Stützpunktkommandos Kiel, Eckernförde und Warnemünde.
Außerdem gehört das NATO-Kompetenzzentrum für Küstenkriegführung in Kiel
zur Einsatzflottille 1. In der Marine gilt die Tradition, dass in der Ostsee
ungerade und in der Nordsee gerade Nummern verwendet werden.
Das 1. Korvettengeschwader
in Warnemünde, das künftig von fünf auf zehn Korvetten Klasse 130
aufwachsen wird, stellt eine spezifische Befähigung zur küstennahen
Kriegführung bereit und führt einen Schiffstyp, der von seiner Größe und seinem
Profil in der Marine neu ist. Korvetten sind an die Stelle der Flugkörperschnellboote
getreten, die mit 40 Einheiten eine hohe und überlebensfähige Kampfkraft in
der Ostsee darstellten, in der Einsatzdauer und Seegängigkeit aber beschränkt
waren. Korvetten sind mit einer Größenordnung zwischen 1000 und 2000 Tonnen unbeschränkt
hochseefähig und können auch in fernere Einsatzgebiete verlegen. Als
Schiffstyp sind sie nach Größe, Besatzungszahl, Ausstattung und Bewaffnung zwischen
Schnellbooten und Fregatten angesiedelt. Sie sind vor allem auf küstennahe
Einsätze ausgerichtet, wo man hochwertigere Schiffseinheiten nicht
einsetzen möchte. Die Korvetten der Klasse 130 können 21 Tage im Einsatz sein
und müssen dann Versorgungsschiffe in Anspruch nehmen. Sie können ununterbrochen
im Wachwechsel betrieben werden. Die Klasse 130 zeichnet eine hohe personalsparende
Automation aus. Sie hat eine hochwertige Waffeneinsatzführungsanlage.
Die Bewaffnung ist auf See-, Luft- und Landziele abgestellt, während die U-Bootbekämpfung
nicht zu ihrem Profil gehört: ein Schiffsgeschütz 76 mm, zwei Schnellfeuerkanonen
27 mm, Unterschallflugkörper RBS 15 gegen Land- und Seeziele, 2
Flugabwehrraketenstarter RAM sowie elektronische Abwehrmittel und
Täuschkörper zur Eigenverteidigung. Hubschrauber können auf dem Heck
landen, aber nicht dauerhaft eingeschifft werden. Sie können damit zeitweise
auch U-Bootabwehrfähigkeit einbinden oder Material und Personal befördern (z.B.
für Bordkontrollen bei der Embargoüberwachung). Neuerdings gehören auch kleine
Drohnen (Sea Falcon) für Aufklärungsaufgaben zur Ausstattung. Korvetten
eignen sich gut für Überwachungsmissionen in Küstennähe, die Feuerkraft in
einem Großkonflikt zur See ist aber begrenzt. In der Ostsee üben Korvetten
jetzt auch häufiger das Minenverlegen, um die Nutzung des Seeraums für
einen Gegner zu erschweren. Dabei bindet man auch mit einer geringen Zahl von
Minen die Kräfte des Angreifers, wenn er das Risiko von Verlusten nicht
eingehen will.Das Zielbild Marine 2035 will Korvetten im Verbund mit einer
größerer Zahl kleinerer Kampfschiffe (Future Combat Surface Systems) einsetzen.
Ein ursprünglich geplantes drittes Los wurde von fünf auf eine Einheit
reduziert.
Korvette
„Magdeburg“ Klasse 130 liegt vor dem Marinearsenal in Kiel.
Möglicherweise wird man in der Ostsee eine stärkere Einbindung von land-
und seegestützten Drohnen und Flugkörpern in die Planung für die Kontrolle
dieses Seegebietes in Kombination mit kleineren (stealthfähigen) Kampfschiffen
erwägen.
Das im März 2023 publizierte Zielbild Marine 2031 sieht 40 - 50 schwimmende und fliegende unbemannte
Plattformen zur Ergänzung von Mineneinheiten, Korvetten, U-Booten und
Seeaufklären vor, mit denen diese im Verbund operieren sollen. Das dürfte
allerdings zu Abstrichen beim Bau bemannter Einheiten führen, wie zum Beispiel
bei der Neubeschaffung von Korvetten.
Das Konzept sieht auch bis zu 18 kleinere Kampfeinheiten (Future Combat
Surface Systems) als Ergänzung der Korvetten vor, so dass man hier wohl wieder
an die Erfahrungen der Ostseeverteidigung im Kalten Krieg anknüpft, wo stark
bewaffnete Schnellboote eine wichtige Rolle spielten.
Das 3. Minensuchgeschwader
in Kiel mit 12 Einheiten ist von einer mit bis zu 70 Booten ausgestatten
Minenwaffe zur Zeit des Kalten Krieges übriggeblieben. Damals lag ihr Schwerpunkt nicht in der
Minenabwehr in der Nordsee, sondern in der schnellen Verminung der
Ostseezugänge und Ostseeküste. Daneben gehörten verschiedene Verfahren der
Minenräumung zu ihrem Fähigkeitsspektrum, das auch für die Beseitigung von
Minen aus den Weltkriegen wichtig war. Die heutigen Mineneinheiten sind vor
allem Minenjagdboote der Klasse MJ 332 (Frankenthal-Klasse), die Minen
mit verschiedenen Verfahren aufspüren und vernichten, vor allem mit
ferngelenkten Mitteln (Unterwasserdrohnen). Daneben gibt es Verfahren
zur Räumung durch Simulation von Schiffsbewegungen mit ferngelenkten Booten
(TROIKA), welche Minen auslösen, oder den Einsatz von Minentauchern. Die
Marine hat hier im internationalen Vergleich eine hohe Expertise, die zu ihrem
Kompetenzprofil in der küstennahen Seekriegführung beiträgt. Die künftigen Mineneinheiten sollen
auch Fähigkeiten zur Unterwasseraufklärung und Überwachung des Meeresgrundes
besitzen.
Minenjagdboote
des 3.Minensuchgeschwaders in Kiel
Neben den zurzeit sechs
U-Booten der Klasse 212 gehören zum 1. U-Bootgeschwader auch die drei
Aufklärungsschiffe der „Alster-Klasse“, die unter der wenig
aussagekräftigen Bezeichnung Flottendienstboote in internationalen Gewässern
mit ihrer elektronischen Ausstattung Informationen über militärische
Aktivitäten in ausgewählten Land- und Seeregionen sammeln können. Dabei ist
Personal des Kommandos CIR eingebunden. Diese Boote sollen in den kommenden Jahren
durch drei Neubauten ersetzt werden.
Aufklärungsboote
im Marinestützpunkt Kiel und U-Boot Klasse 212 in der HDW-Werft
Aufklärung ist heute auch ein
wichtiger Auftrag von U-Booten geworden, neben der Fähigkeit
zur Bekämpfung von Seezielen mit Torpedos. U-Boote können in fernen Seegebieten
eine unauffällige Präsenz aufrechterhalten, welche die andere Seite
einkalkulieren muss, die aber wegen der geringen Sichtbarkeit weniger
provozierend und eskalierend wirkt. U-Boote können auch Kampfschwimmer für
Kommando-einsätze absetzen oder Minen verlegen. Für die Kommunikation mit
den U-Booten unterhält die Marine im ostfriesischen Saterland eine Funkstelle
mit einem Langwellensender.
Die Boote der Klasse 212
zeichnet der Brennstoffzellenantrieb aus, der ihnen größere Reichweite
und Unterwasserverweildauer ermöglicht und sie nicht mehr auf die Randmeere
beschränkt. Eine Bewaffnung mit einem lichtwellenleitergelenkten Flugkörper
gegen Luft- und Landziele ist aber bisher über das Planungsstadium nicht
hinausgekommen. In Zusammenarbeit
mit Norwegen werden zwei weiterentwickelte Boote der Version U
212 CD (Common Design=gemeinsamer Entwurf D/NO) beschafft. Die
konventionellen U-Boote aus deutschen Werften sind gefragte
Exportprodukte. U-Boote verleihen gerade kleineren Marinen, die keine großen
Einsatzverbände formieren können, eine gewisse Kampfkraft. Auch Israel gehört
zu den Kunden. Die gegenüber der Klasse 212 viel kleineren Vorgängerboote der
Klasse 206/209 waren bei NATO-Manövern durch spektakuläre unentdeckte
Annäherungen an US-Flugzeugträger aufgefallen und stellten für die
Ostseeverteidigung im Kalten Krieg ein Risikopotential für einen Angreifer dar.
Im Unterstützungsgeschwader
sind die sechs als Tender bezeichneten Versorgungsschiffe für die
kleineren Schiffseinheiten zusammengefasst. Sie unterstützen vor allem die
Minenjagdboote und Korvetten. Der Tender Main ist an das U-Bootgeschwader
abgestellt. Tender verlängern mit ihren Vorräten die Einsatzdauer der
Bootseinheiten, haben aber auch Kapazitäten zur Instandsetzung und
Sanitätsversorgung an Bord. So können Tender besondere Instandsetzungscontainer
mit dem Bordkran auf dem Deck platzieren. Von der regelmäßigen Nutzung der
Tender als Führungs- oder Einsatzschiffe bei den Einsatzgruppen der NATO und
mandatierten Missionen war schon die Rede. Das Nachfolgemodel soll neben dem Versorgungsauftrag, auch für den
Drohneneinsatz, Patiententransport und das Absetzen von infanteristischen
Kräften geeignet sein.
Unabhängig vom Kommando
Spezialkräfte des Heeres betreibt die Marine eine eigene Einheit für
Kommandoeinsätze, die in der Vergangenheit als Kampfschwimmer bekannt
wurden und nun als Kommando Spezialkräfte Marine für die besonderen
Anforderungen möglicher Sondereinsätze auf See, an der Küste oder in Flüssen
ausgebildet werden. Das Spektrum ist sehr vielseitig. Die Einsätze müssen nicht
nur offensive Kommandoaktionen gegen Schiffe und Infrastruktur sein, sondern
können auch humanitäre Aktionen wie Evakuierungen am Strand unterstützen.
Das Seebataillon mit
seinen acht Kompanien ist ein vielseitiger Verband und repräsentiert die amphibische
Komponente. Dazu gehören Kräfte für Einschiffung an Bord, um eigene Schiffe
zu schützen und Kontrollen an Bord anderer Schiffe durchzuführen. Eine Kompanie
hat Sicherungsaufgaben zum Schutz von Marineanlagen an Land. Eine
Kompanie kann Küsten aufklären (u.a. mit Drohnen) und überwachen. Die Minentaucherkompanie
beseitigt Minen und andere Kampfmittel. Das Bataillon kann amphibische
Operationen, d.h. die Anlandung von Kräften oder seeseitige Evakuierungen unterstützen
und kooperiert mit der niederländischen Marineinfanterie (Korps
Mariniers), um eine binationale amphibische Kampfgruppe zu bilden. Im Gespräch
ist die Beschaffung von Kampfbooten, die auch zum Schutz von Schiffen in
Hafenanlagen gegen Anschläge (asymmetrische Bedrohung) nützlich sind.
Gegenwärtig betreibt das Seebataillon auch die Aufstellung von Marinesicherungskompanien
aus Reservisten im Rahmen der Reaktivierung des Heimatschutzes. Bei der
Marinesicherung müssen von der Seeseite auch Boote eingesetzt werden. Das Seebataillon
hat auch zwei Ausbildungskompanien. Der Begriff Seebataillon hat in der Marinegeschichte
Tradition, deshalb wird die nach Umfang und Vielfalt angemessene
Größenordnungsbezeichnung Regiment nicht verwendet.
Boote spielen heute für Überwachung,
Sicherung und Boarding eine große Rolle, bei Bedarf auch auf hoher See als Teil
der Schiffsausrüstung.
Die Stützpunktkommandos
organisieren den Betrieb in den Marinestützpunkten an Land und im Hafen. Sie
verfügen dazu auch über Hilfsschiffe wie Schlepper. Einige Schlepper haben auch
Zusatzaufgaben bei der Ausbildung von Tauchern, für das Überlebenstraining auf
See oder bei Unterstützung von Arsenalen und Errpobungsstellen.
Die Einsatzflottille 2 in
Wilhelmshaven führt die Hochseekomponente der Marine mit Fregatten
und Versorgungsschiffen. Diese sind im 2. und 4. Fregattengeschwader und
dem Trossgeschwader zusammengefasst. Fregatten sind der Kern der maritimen
Bündnisverteidigung und weltweit einsetzbar. Sie können Seeräume in den
Dimensionen Luft, Über- und Unterwasser überwachen und Überwasserschiffe,
U-Boote und Flugziele bekämpfen. Einsatzgruppenversorger und
Flottentanker stellen die logistische Unterstützung auf See sicher. Durch
ein Mehrbesatzungskonzept sollen die Einheiten länger in See bleiben
können, d.h. in den Einsatzgebieten wird das Personal an Bord abgelöst, wenn
dessen Stehzeiten abgelaufen sind. Durch Ausbildungssimulatoren an Land
sollen die Besatzungen auch ohne Dienst an Bord qualifiziert und fachlich fit
gehalten werden.
Das 2. Fregattengeschwader
führt die drei Fregatten der Sachsen-Klasse (Klasse 124) und die vier
Fregatten der Brandenburg-Klasse (Klasse 123) Alle Fregatten sind zur
Bekämpfung von Überwasser-, Unterwasser- und Luftzielen befähigt. Bei der Klasse
124 liegt ein Schwerpunkt zur Luftverteidigung großer Seeräume, die
größere Schiffsverbände schützen können. Es besteht auch ein Entwicklungspotential
für die weiträumige Raketenabwehr, was in nächster Zeit sicher noch thematisiert
wird, Die etwas ältere Klasse 123 ist vor allem auf U-Bootabwehr ausgerichtet. Sie wird gegenwärtig
einer Nutzungsdauerverlängerung bis 2035 unterzogen und u.a werden die am Ende
ihrer Nutzung stehenden Harpoon-Flugkörper mit den Flugkörpern RBS 15 ersetzt,
die auch bei den Korvetten verwendet werden.
Erwähnung verdient auch der
jetzt mit der „Lübeck“ auslaufende Typ F 122, der Bremen-Klasse, die in den
80er Jahren mit acht Einheiten in deutsch-niederländischer Kooperation
beschafft worden war.
Fregatte „Sachsen“ der Klasse 124 beim
Hafengeburtstag in Hamburg 2013
Zum 4. Fregattengeschwader
gehören die vier gerade eingeführten Fregatten der Baden-Württemberg-Klasse
(Klasse 125). Bei deren Entwurf galt das Paradigma der Kriseneinsätze.
Dementsprechend wurden sie auf eine Verweildauer von zwei Jahren mit
einem Mehrbesatzungskonzept ausgelegt. Sie können auch über die Besatzung
hinaus zusätzliches Personal für verschieden Einsätze See-Land an Bord
nehmen und verfügen wieder über ein großkalibriges Schiffsgeschütze Kaliber
127 mm, das auch gegen Landziele wirken kann. Besonderes Gewicht wurde auf
die Abwehr asymmetrischer Bedrohungen gelegt und so gehören auch
Speedboote zur Ausstattung. F 125-Fregatten haben das übliche Spektrum an
Schiff-Schiff, Schiff-Luft- und U-Bootabwehrbewaffnung, verfügen über ein hohes
Maß an Automation mit einer Besatzung von nur 120 Mann/Frau und ein
anspruchsvolles Waffeneinsatzführungssystem, das aber zurzeit noch
Probleme bereitet. Es gibt aber die Kritik, dass die Fregatten der
Klasse 125 für ihre Größe und Kosten nur eine begrenzte Kampfkraft in einem
Szenario der Bündnisverteidigung zur See hätten.
Ein weiterer Fregattentyp als späterer
Nachfolger der Klasse 123 und zur Aufstockung des Bestandes entsprechend
der NATO-Zusagen wurde auf den Weg gebracht: Die Klasse F 126 wird mit
10.000 t fast dreimal so groß, wie die in den 80er Jahren beschafften Fregatten
der Bremen-Klasse Klasse 122, deren letzte Einheit jetzt außer Dienst
gestellt wird. Diese Größe entspricht eigentlich nicht mehr der Norm dieses
Schiffstyps, aber es hat wohl auch politische Gründe, dass man die deutlich
kriegerischen Begriffe Zerstörer und Kreuzer meidet (s.o.). Die Klasse F126
wird unter Federführung eines niederländischen Konsortiums unter
Beteiligung der deutschen Werftindustrie realisiert. Vier Einheiten dieser „Niedersachsen-Klasse“
sind vorgesehen und die Option auf zwei weitere soll auch genehmigt
werden. Eine durch den
Rechnungshof veranlasste Modifikation des Wirtschaftsplans hatte die 5. und 6.
Einheit zeitweilig aus dem Sondervermögen genommen. Neu ist die modulare Auslegung,
d.h. mit Bordmitteln können schnell Waffensysteme und Einsatzaustattungen
ausgetauscht und an wechselnde Rollen angepasst werden, so dass man
konzeptionelle Einseitigkeiten wie bei der Klasse 125 vermeidet. Die F 126 wird
in der Grundausstattung wieder für die Bündnisverteidigung auf See und
Behauptung der Kontrolle über die Seewege ausgelegt. Die mit der F 125
beschrittenen Wege hoher Automation und Austausch von Wechselbesatzungen werden
weiterverfolgt.
Die Vergabe an ein
niederländisches Konsortium führte zur Verstimmung in Politik und
Werftindustrie, weniger bei der Marine.
Im Rahmen der
deutsch-norwegischen Marinekooperation sollen für die Fregatten 124,125 und 126
norwegische Schiff - Schiff/Land Flugkörper NMS Block A zum Ersatz der
auslaufenden Harpoon-Seezielflugkörper beschafft werden.
Die von den Marine gewünschte Zielstruktur ab 2035
sieht langfristig sechs Fregatten 126 (Schwerpunkt Unterwasserkrieg), sechs
Fregatten 127 (Schwerpunkt Überwasserkrieg und Luftverteidigung über See) und
noch drei Fregatten 125 (Schwerpunkt Krisenmanagement) vor. Insgesamt zeigen
die Zielbilder eine Größenordnung von 61 schwimmenden bemannten Einheiten der
verschiedenen Kategorien für Seekrieg und Unterstützung.
Im Trossgeschwader
finden sich die Einsatzgruppenversorger Berlin, Frankfurt und Bonn und
die Flottentanker Rhön und Spessart, die jetzt durch Neubauten ersetzt
werden, sowie die Seeschlepper Wangerooge und Fehmarn.
Einsatzgruppenversorger
„Frankfurt“ Klasse 702 als Werftlieger in Hamburg
Zur
Einsatzflottille 2 gehört auch das Stützpunktkommando Wilhelmshaven.
Zum Marinefliegerkommando
auf der Flugbasis Nordholz bei Cuxhaven gehören die Marinefliegergeschwader
(MFG) 3 und 5. Das MFG 3 erbringt die großräumige Seeüberwachung
und Befähigung zur U-Bootbekämpfung mit acht viermotorigen P3 C Orion,
außerdem zwei Überwachungsflugzeugen DO 228 zur Umweltüberwachung der deutschen
Küstengewässer in Abstimmung mit deutschen Behörden. Die „Orion“ waren nach der
Außerdienststellung der Breguet Atlantic als gebrauchte Maschinen von den
Niederlanden erworben worden. Eine Nutzungsdauerverlängerung dieser
Maschinen musste aber wegen technischer Schwierigkeiten und der Kosten-entwicklung
abgebrochen werden. Ab
2025 sollen acht in den USA beschaffte zweistrahlige Boeing Poseidon
P 8A die Lücke bei den Seeaufklärern füllen, bis eine deutsch-französische
Entwicklung Wirklichkeit geworden ist. Die technische Betreuung regelt eine
Kooperationsvereinbarung zwischen Boeing und der Lufthansa.
Die modifizierte Marinestruktur 2035 plant eine Ergänzung durch sechs
unbemannt fliegende Aufklärungssysteme.
Noch fliegen
die Seeraumüberwachungsflugzeuge Orion P8 beim Marinefliegerkommando in
Nordholz.
Das MFG 5 betreibt die
sehr umfangreiche Hubschrauberflotte der Marine. Dazu gehören 22
Bordhubschrauber Sea Lynx Mk 88, die jeweils in zwei Exemplaren auf
Fregatten eingeschifft werden können und der U-Bootbekämpfung,
Aufklärung und für Transportaufgaben (z.B. beim „Boarding für
Schiffsüberwachungen“) dienen. Sie wurden auch mit schweren MG für
asymmetrische Bedrohungen nachgerüstet. Die Sea Lynx müssen ab 2025 ersetzt
werden. Geplant ist die Beschaffung von 31 Exemplaren der
Bordhubschrauberversion des NATO-Hubschraubers 90, der als „Sea Tiger“
bezeichnet werden wird. In der maritimen Transportversion „Sea Lion“
laufen zurzeit 18 Muster zu, welche die in 21 Exemplaren vorhandenen,
aber nur noch begrenzt verfügbaren Seaking Mk 41 ablösen. Die Seaking haben
in ihren über 40 Dienstjahren viele spektakuläre SAR-Einsätze über See geflogen
und waren den harten Bedingungen des Fluges über See unter schwierigsten Sicht-
und Wetter-bedingungen gewachsen. Sie dienen auch für Aufklärungs- und
Transportflüge und waren zeitweise auch mit leichten Antischiff-Flugköpern
bewaffnet. Die Marine hält für ihren SAR-Auftrag über See jeweils einen
dieser alten bzw. neuen Helikopter in Warnemünde und auf Helgoland präsent. In
der Marine gab es erst Zweifel an der Eignung des NH-90 für den Einsatz über
See, aber das Muster ist schon längere Zeit bei verbündeten Marinen in dieser
Rolle im Einsatz. Im Hintergrund steht auch ein Deal zwischen dem BMVg und
Airbus nach Differenzen über den Lieferumfang beim NATO-Hubschrauber 90.
Der bewährte Mehrzweckhubschrauber
Seaking hat das Ende seiner Einsatzzeit erreicht. Bei den Franzosen und
Niederländern ist der NATO-Bordhubschrauber 90 schon im Einsatz.
Der Einsatz der Marine bedarf
natürlich auch einer Unterstützung bei der Logistik und Führungseinrichtungen.
Diese ist im Marineunterstützungskommando in Wilhelmshaven und an anderen
Standorten zusammengefasst. Das Kommando sorgt mit seinem Personal für die technische
Einsatzfähigkeit der zahlreichen schwimmenden und landgestützten Systeme.
Außerdem ist es für die landgestützte Bordausbildung in Simulatoren
verantwortlich. In der Marine besteht der große Wunsch, dass der Arsenalbetrieb
in Kiel und Wilhelmshaven für die Materialerhaltung der Schiffe und Boote
vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung wieder in die
Zuständigkeit der Marine zurückkehrt, um eine Beschleunigung der Instandsetzung der knappen Schiffseinheiten
zu erreichen. Ein unkonventioneller Schritt zur Verbesserung der Materialerhaltung
der Marine ist die Übernahme der insolventen MV-Werft in Wismar mit einem neuen
Marinearsenal in Rostock sein. Diese logistischen Kräfte dürften sich
analog zu den anderen Teilstreitkräften zu einem Systemzentrum Marine
entwickeln. Ein Teil der Marinelogistik wie die Bevorratung von Munition ist in
der Streitkräftebasis beheimatet, die auch ortsfeste logistische
Einrichtungen an der Küste unterhält.
Das zweite Standbein des
Marineunterstützungskommandos ist der Betrieb von Gefechtsständen und
Fernmeldeeinrichtungen durch IT-Kräfte, die das Führungszentrum in
Glücksburg beim Maritime Operation Center, die Sendestelle für die
U-Boote in Saterland -Rhauderfehn und andere kleine Dienststellen betreibt.
Im Zusammenhang mit der
maritimen Technik muss noch eine dem Marinekommando unterstellte besondere
Einrichtung genannt werden: Das Einsatzausbildungszentrum Schadensabwehr
Marine in Neustadt/Holstein. Hier werden Marinesoldaten bei der Bekämpfung
von Leckagen, Bränden oder ABC-Kampfmitteln ausgebildet, Als Übungshulk dient eine
ausgemusterte Fregatte. Wahrzeichen der Einrichtung ist der hohe Tauchturm für
die Ausbildung in der Rettung von U-Boot-Besatzungen. Die Einrichtung betreibt
auch Taucherausbildung und hat dafür zwei eigene Schiffe.
Ebenfalls direkt dem
Marinekommando unterstellt ist analog zur Luftwaffe für die besonderen
sanitätsdienstlichen Belange der Marine das schifffahrtsmedizinische
Institut der Marine in Kronshagen. Für die sanitätsdienstliche Betreuung Marine
ist aber primär der zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr zuständig, der auch Personal
für den Bordeinsatz und die Rettungszentren auf Versorgungsschiffen stellt und
in Marinestandorten regionale Sanitätsversorgungszentren unterhält.
Abschließend sei die für diese
relative kleine Teilstreitraft sehr ausgeprägte Schullandschaft vorgestellt. An
der Spitze steht die Marineschule Mürwik für den Offiziersnachwuchs an
einem traditionsreichen Standort, wozu auch noch die Zuständigkeit für das in
Kiel beheimatete Segelschulschiff Gorch Fock beiträgt. Beginnen müssen die
Offizieranwärter auch hier mit einer Grundausbildung. Zu den technischen
Ausbildungsmitteln gehört ein Brückensimulator.
Das Segelschulschiff Gorch Fock in Kiel
neben einem Tender
Für die Unteroffiziere,
in der Marine als Maate und Bootsmänner bezeichnet, befindet sich die Schule
in Plön, wo auch Grundausbildung und die für die Marine zunehmend
bedeutsame Schulung für Fertigkeiten beim Schießen und Gefechtstätigkeiten
betrieben wird. Auch Köche werden dort ausgebildet.
Die technische Ausbildung
wurden in der neu errichteten Marinetechnikschule in Parow bei Stralsund
konzentriert. Nach der Grundausbildung differenziert sich die Ausbildung in
eine Vielzahl systemspezifischer Lehrgänge, wo die Teilnehmer lernen, wie die zahlreichen
Waffensysteme, Führungsanlagen, Sensoren und Schiffstechnik in Betrieb
gehalten, gewartet und repariert werden können.
Die Marineoperationsschule
in Bremerhaven bietet eine Vielfalt von Ausbildungen für die Bedienung von
Waffensystemen, Sensoren und Führungssystemen an. Außerdem gehört Navigation zu
den zu vermittelnden Kernkompetenzen. In einem Taktikzentrum werden die
Befähigung zum übergeordneten Einsatz und dem Zusammenwirken aller Systeme
vermittelt und weiterentwickelt. Die Schule ist auch für das Überlebenstraining
auf See zuständig, dem sich fliegende Besatzungen regelmäßig unterziehen
müssen. Am Standort der Schule wird gegenwärtig das Maritime Warfare Center
aufgestellt. Es setzt die Aufgabe des
Taktikzentrums fort und soll umfassende Befähigungen bei der Führung maritimer
Operationen vermitteln und zu einer „Denkfabrik“ der Marine werden.
Die Marine durchläuft damit
auch den eingeleiteten Erneuerungsprozess der die gesamte Bundeswehr in
Anpassung an neue sicherheitspolitische Voraussetzungen und technologische
Herausforderungen erfassen soll.
Die Marine hat in ihren großen Stützpunkten Kiel, Wilhelmshaven,
Warnemünde, Eckernförde, Rostock, Nordholz mit dem Aufbau von sieben
Marineschutzkompanien als Reserveeinheiten begonnen, da ihre Einheiten in Häfen
und in Küstennähe besonders gefährdet sind. Diese Reservekompanien
unterscheiden sich durch ihren maritimen Schutzauftrag von den
Heimatschutzkompanien im Binnenland. Sie setzten seeseitig auch
Festrumpfschlauchboote ein und müssen auch Küstenabschnitte überwachen können.
Darüber hinaus plant die Marine zwölf weitere abgesetzte Sicherungszüge an
großen und kleinen Standorten an der Nord- und Ostsee (Marinearsenale in
Wilhelmshaven, Kiel und Rostock, Preußerkaserne Eckernförde, Erprobungsstellen
in Schwedeneck und Schirnau, wichtige Führungsobjekte in Sengwarden sowie
Staberhuk und Marienleuchte auf Fehmarn).
Auf die 5000 nicht aktiven Dienstposten für die Verteidigungsstruktur
der Marine entfällt natürlich auch Verstärkungspersonal für die seegehenden
Einheiten.
Kommando zentraler Sanitätsdienst der Bundeswehr
Der Sanitätsdienst
war bis zur Jahrtausendwende in die Teilstreitkräfte integriert, auch wenn er immer
schon eine besondere fachdienstliche zentrale Führung durch das Ministerium
erfuhr und zahlreiche eigene spezifische Einrichtungen wie die
Bundeswehrkrankenhäuser, Untersuchungsinstitute und die Sanitätsakademie in
München unterhielt. Alle Truppenteile verfügten vor 2000 über Teileinheiten des
Truppensanitätsdienstes, die an die Bedürfnisse ihrer Teilstreitkräfte
angepasst waren. So gab es Luftwaffen- und Marinesanitätsstaffeln und das Heer
unterhielt Sanitätsbataillone. Der Truppensanitätsdienst war in Bataillone und
Geschwader integriert und auch Kompanien hatten ihr Sanitätspersonal, das im
Normalbetrieb in den Sanitätsbereichen der Standorte eingesetzt war, bei
Übungen aber ihre Stammeinheiten begleitete. Eine besondere Rolle spielte der
Sanitätsdienst des Heeres, zu dem ja auch das Territorialheer gehörte.
Sanitätsbataillone der Divisions- und Korpstruppen waren für die Erstversorgung
und den Krankentransport zuständig. Allerdings waren schon diese Bataillone
stark von Verstärkungen in der Mobilmachung abhängig. Dies galt erst recht für
den rückwärtigen Sanitätsdienst des Territorialheeres, der für den Weitertransport
und die Weiterbehandlung in stationären Einrichtungen vorsah. Da gab es eine
umfangreiche mobilmachungsabhängige Sanitätsorganisation, die vor allem aus
Reservelazaretten bestand, die in dafür infrastrukturell vorbereiteten
öffentlich Gebäuden, z.B. Schulen, als Hilfskrankenhäuser eingerichtet werden konnten.
Die Notstandsgesetze sahen dabei auch die Möglichkeit der Verpflichtung von
Frauen vor. Der Umfang war auf die zu
erwartenden Verwundetenzahlen und zivilen Opfer abgestellt, aber im
Rückblick mag man bezweifeln, ob der hohe Aufwuchs dieses sehr
mobilmachungsabhängigen Systems funktioniert hätte. Immerhin gehörten diese
Vorbereitungen auch zu den Verpflichtungen eines Zivilschutzes. Diese Reserveinfrastruktur
wurde dann schrittweise abgebaut und in den 90er Jahren nach der Auflösung
des Territorial-heeres stärker in das Heer integriert. Die letzten
Reservelazarette wurden im Zuge des Paradigmenwechsels nach 2003 aufgelöst.
Dies mag man heute mit Blick auf den Bevölkerungsschutz bedauern, allerdings
unterlag das eingelagerte Gerät auch der Überalterung und war nicht mehr auf
dem aktuellen medizinischen Stand.
Die realen
Einsatzbedingungen der in den 90er Jahren beginnenden Kriseneinsätze
konfrontierten die Truppe mit den Anforderungen einer funktionierenden
Realversorgung im Felde und einer reibungslosen Rettungskette. War der
Sanitätsdienst vorher vor allem durch die alltägliche Friedensversorgung bzw.
die Planungen für einen wenig wahrscheinlichen Ernstfall geprägt, so rückte der
Sanitätsdienst jetzt mehr in den Fokus der Planer, weil die
Sanitätsversorgung im Einsatz nun „Ernst“ wurde und zu umfangreichen
Überlegungen hinsichtlich einer optimalen Strukturierung und bestmöglichen
Vorsorge führte.
Der Sanitätsdienst
wurde mit den Transformationen und Neuausrichtungen nach 2000 und dem
Paradigmenwechsel zur Krisenstabilisierung auch den Grundsätzen der Bündelung
und Konzentration auf kleine Einsatzmodule untergeordnet. Eine breite
Aufstellung wie sie jetzt wieder gefordert wird, schien vor 20 Jahren überholt.
So entstand ab 2000 schrittweise parallel zur Streitkräftebasis ein
eigener Organisationsbereich, der zentrale Sanitätsdienst der Bundeswehr.
Das war wegen der speziellen Fachaufgabe auch sinnvoll und eine Integration in
die auf über 40.000 Angehörige aufgewachsene Streitkräftebasis hätte diese
überdimensioniert.
Gegenwärtig wird
die Rückführung von Sanitätskräften in die Teilstreitkräfte diskutiert, um
diese „kaltstartfähig“ zu machen und schon in „den ersten Stunden“ mit eigenen
Sanitätskräften in den Einsatz gehen zu können. Andererseits sieht man den besonderen Charakter dieses
Fachdienstes und will die Fachaufsicht durch ein Gesundheitskommando für die
gesamte Bundeswehr und einen Generalarzt sicherstellen. Entschieden ist
noch nichts.
Auch hier war ein
historischer Abriss erforderlich, um mit den Erfahrungen aus der Ära der
Bündnisverteidigung im Kalten Krieg künftige Herausforderungen mit ähnlichen
Profilen besser zu verstehen. Die geschilderten Defizite der
Sanitätsorganisation damals illustrieren allerdings auch, dass die „Früher war
alles besser“-Perspektive kein Rezept für neue Problemlösungen sein kann.
Der Blick richtet
sich nun auf die Strukturen des zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr nach
einer über 20-jährigen eigenen Entwicklung, die natürlich auch Veränderungen
unterlag. Der Sanitätsdienst hat gegenwärtig fast 20.000 Soldatinnen und
Soldaten.
Das 2012
eingerichtete Kommando des zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr ist
in Koblenz beheimatet. So blieb ein traditionsreicher Stabsstandort
erhalten, wie das an anderen Orten auch der Fall war (Münster, Ulm, Potsdam,
Köln-Wahn).
Auch hier gilt die
Doppelrolle von Inspekteur und Teilstreitkraftkommandeur
Direkt unterstellt
sind die Bundeswehrkrankenhäuser in Berlin, Hamburg, Westerstede, Koblenz
und Ulm, die nicht nur der freien Heilvorsorge für Bundeswehrangehörige
dienen, sondern auch zivile Patienten behandeln.
Weiter untersteht
dem Kommando die Sanitätsakademie der Bundeswehr in München als
zentraler Ausbildungseinrichtung. Integriert sind auch Institute für
Mikrobiologie, Radiobiologie und Toxikologie/Pharmakologie.
Weitere Institute
des Kommandos gibt es für Präventivmedizin in Andernach (übrigens am Standort
der ersten Kaserne in der Bundeswehrgeschichte) und Zentralinstitute für
verschiedene Aufgaben in Kiel und München.
In der Rolle von
militärischen „Gesundheitsämtern“ unterstehen regionale Untersuchungsstellen
für öffentlich-rechtliche Aufgaben des Sanitätsdienstes in Kiel-Kronshagen,
München, Koblenz und Potsdam.
Auch für den
Sanitätsdienst gibt es das Prinzip der Multinationalität und so entstand in
Koblenz das Multinational Medical
Coordination Centre / European Medical Command
Die Masse des Sanitätsdienstes ist in zwei Kommandos
gegliedert:
Das Kommando regionale sanitätsdienstliche Unterstützung
mit dem Stab in Diez organisiert die medizinische Versorgung aller
Bundeswehrangehörigen in stationären Einrichtungen.
Das Kommando sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung
mit dem Stab in Weißenfels stellt die Kräfte für die bewegliche
Einsatzversorgung
Dem Kommando unterstehen als hochmobile Kräfte der ersten
Stunde das Kommando Schnelle Einsatzkräfte in Leer, welches
reaktionsschnell luftverlegbare Sanitätskräfte inklusive Rettungsstationen in
ein Einsatzgebiet verbringen kann. Es kann zwei Luftrettungszentren einrichten.
Wie alle Sanitätskräfte kann es natürlich auch für humanitäre Aufgaben oder
Katastrophenhilfe herangezogen werden.
Container stellen eine gute Ergänzung der Zelte
bei der Einrichtung mobiler Rettungsstationen und Lazarette dar.
Das Kommando
sanitätsdienstliche Einsatzunterstützung führt weiterhin fünf Sanitätsregimenter:
Sanitätsregiment 1 Weißenfels und Berlin, Sanitätsregiment 2 Rennerod und Koblenz,
Sanitätsregiment 3 Dornstadt bei Ulm und das neu aufgestellte Sanitätsregiment
4 Rheine-Bentlage sowie das Lehrregiment in Feldkirchen. Die Sanitätsregimenter
haben einen Einsatzumfang von ca. 1000 Soldaten, haben Kompanien für Patiententransport
und die Einrichtung bzw. den Betrieb von mobilen Sanitätseinrichtungen
(Rettungszentren) und Grundausbildungseinheiten. Sanitätsregimenter bilden
eine Rettungskette von der Erstversorgung am Ereignisort zu einer
Rettungsstation (Ebene 1), eine, Rettungszentrum (Ebene 2) und einem
Einsatzlazarett (Ebene 3). Es schließt sich in anderer Verantwortung der
Rücktransport in ein Bundeswehrkrankenhaus bzw. ziviles Krankenhaus (Ebene 4)
an. Die Sanitätstruppe verfügt eine große Zahl verschiedener geschützter
Fahrzeuge für den Transport von beweglichen Arzttrupps, Rettungspersonal
und verwundeten Patienten (Eagle, Fuchs, Boxer, Wiesel, Yak, Duro). Auch Hubschrauber
und vier Rüstsätze für medizinische Transporte in Airbussen (MEDEVAC) werden
eingesetzt.
Für den Transport von
medizinischen Einrichtungen ins Gelände sind auch einige voll geländegängige
teilgeschützte LKW 15t mit Wechselpritscheneinrichtung vorgesehen.
Die Einsatzausbildung
der Sanitätstruppen bedient sich durchaus drastischer Demonstrationsmittel. Auch ein leichter
Panzer Wiesel lässt sich zum Rettungsfahrzeug modifizieren.
Sanitätspersonal kommt auch ganz vorne zum Einsatz und muss
mit entsprechender Schutzausstattung versehen werden. Der früher gepflegte
Sonderstatus und eine gewisse militärische Abstinenz aufgrund der völkerrechtlichen
Regularien wurde durch die Einsatzwirklichkeit in Krisengebieten relativiert
und gelegentlich müssen Sanitäter und Ärzte die internationalen Schutzzeichen
ablegen, weil sie von irregulären Kämpfern als bevorzugte Ziele ins Visier
genommen werden.
Der Sanitätspanzer Boxer ist das größte und neueste
geschützte Transportfahrzeug des Sanitätsdienstes.
Für die Ausbildung untersteht dem Kommando das Sanitätslehrregiment
im niederbayerischen Feldkirchen. Es ist sowohl Einsatz- wie
Ausbildungsverband. Es wird auch für Lehrvorführungen und Erprobungen
herangezogen. Das medizinische Personal befindet sich im Friedensbetrieb in der
Regel nicht in den mobilen Einsatzeinheiten, sondern in der stationären
Versorgung.
Die Sanitätstruppe muss aus völkerrechtlichen Gründen eine eigene
Logistik für Sanitätsmaterial betreiben. Dem Kommando in Weißenfels
unterstehen drei Versorgungs- und Instandsetzungszentren für
Sanitätsmaterial in Quakenbrück, Pfungstadt und Blankenburg. Allerdings gibt es
auch ortsfeste logistische Einrichtungen für Sanitätsmaterial unter dem Dach
des Logistikkommandos, wie z.B. in Gronau-Epe. Allerdings lagern diese Depots
nur Sanitätsmaterial.
An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass wegen besonderer
Einsatzerfordernisse einige Truppenteile ihre eigenen Sanitätskräfte behalten
haben: die beiden Fallschirmjägerregimenter 26 und 31, die Deutsch - Französische
Brigade und das Kommando Spezialkräfte. Die speziellen medizinischen Institute
der Luftwaffe und Marine wurden schon erwähnt. Viele Stäbe haben beratende
Sanitätsoffiziere integriert.
Das Kommando regionale sanitätsdienstliche Unterstützung
(Diez) betreibt regional verteilt 21 Sanitätsunterstützungszentren,
denen 129 Sanitätsversorgungszentren an den Standorten, 15
Facharztzentren und 14 mobile Sanitätsstaffeln Einsatz unterstehen.
Die Sanitätsstaffeln begleiten die Truppe bei Ausbildungs- und Übungsvorhaben,
z.B. auf Truppenübungsplätzen und sind in Großstandorten präsent. Die
Sanitätsunterstützungsunterstützungszentren entlasten die Versorgungszentren
von bürokratischen Aufgaben. Der regionale Sanitätsdienst setzt im Grunde den
alten Truppensanitätsdienst fort, der auch die Standort-sanitätsbereiche personell
unterstützte. Während diese Truppensanitäter auch mit ihren Einheiten ausrücken
konnten, haben diese Aufgabe heute spezielle Sanitätsstaffeln übernommen, da
die Sanitätszentren ihre medizinische Versorgung vor Ort ununterbrochen und
ungestört fortsetzen müssen. Das Kommando Einsatzunterstützung hat die Rolle
der ehemaligen Sanitätsbataillone des Heeres und Sanitätsstaffeln der Luftwaffe
und Marine übernommen, welche damals schon eine feldmäßige Lazarettversorgung
und die Rettungsketten organisierten. Jüngst wurden zur Ablösung älteren Geräts 8 neue
luftmobile Rettungszentren bestellt (mit einer Option für18 weitere), um
schnell eine Einsatzversorgung vor Ort aufbauen zu können.
Der Sanitätsdienst muss natürlich zwischen der optimalen
Einzelversorgung seiner Patienten im Rahmen der Heilfürsorge im Frieden und der
Einsatzaufgabe in einem Großkonflikt unterscheiden, wenn die Wiederherstellung
der Gesundheit und Einsatzfähigkeit möglichst vieler Verwundeter bei knappen
Behandlungsressourcen im Vordergrund steht. Das sensible Thema der sogenannten
Triage bei Groß-katastrophen, wo die Rettung einer großen Zahl von Opfern mit
Heilungsperspektive unter Vernachlässigung aussichtsloser Fälle praktiziert
werden muss, gehört in diesen Kontext.
Diskutiert
wird auch, ob die modernen beschleunigten Abläufe von Landoperationen eine
Rettungskette mit länger an einem Ort verbleibenden Stationen noch zulassen und
eher an beschleunigte Verwundetentransporte gedacht werden muss. Vor allem der
strategische Verwundetentransport im rückwärtigen Bereich weist große Lücken
auf und es sind wieder Schienentransportlösungen nachfrüheren Vorbilden im
Gespräch, bei denen man Fahrzeuge der Deutschen Bahn mit Rüstsätzen für den
Sanitätstransport im Bedarfsfall umrüsten würde.
Der Sanitätsdienst der Bundeswehr genießt hohe medizinische
Reputation, aber auch er steht vor der Herausforderung, sich für den Fall einer
Bündnisverteidigung auf einen enormen Anstieg von zu behandelnden Patienten
einstellen zu müssen. Auch im Sanitätsdienst besteht ein hoher Bedarf an
fachlich qualifizierten Reservedienstleistenden, die in die bestehenden
Einheiten und Einrichtungen als Verstärkung eingegliedert werden können.
Reserveeinheiten in großem Umfang sind momentan noch nicht in den Planungsbildern.
Hier bestehen natürlich auch Anforderungen des Zivil- und Katastrophenschutzes
bei der Gewinnung von zusätzlichen Kräften für „Großschadensereignisse“ und
einen Verteidigungsfall.
Gegenwärtig umfasst die Reserve des Sanitätsdienstes 2710
Posten in der Verstärkungsreserve, vorwiegend bei der Einsatzunterstützung, und
7530 in der Personalreserve für den gesamten Organisationsbereich. Jedes Sanitätsregiment
und das Kommando Schnelle Einsatzkräfte Sanität verfügen über eine nicht aktive
Sanitätskompanie mit ca. 200 Dienstposten.400 Verstärkungsreservisten sind für
die fünf Bundeswehrkrankenhäuser eingeplant.
Sicherlich erschwert die hohe Bindung von Personal für die
Heilfürsorge der Truppe im Frieden und die relativ geringe Zahl von mobilen
Sanitätseinheiten den Aufwuchs eines Feldsanitätsdienstes, der durch Heranziehung der Reserve im
Verteidigungsfall schnell ausgeweitet und kaltstartfähig mit der Truppe
ausrücken kann. So dürfte das Hauptaugenmerk der Verteidigungsplanung für den
Sanitätsdienst auf einem schnellen Patiententransport in die
Sanitätsinfrastruktur im Heimatland liegen. Vielleicht sollte man aber darüber
nachdenken, in Deutschland wieder Reservestrukturen im Sanitätswesen zu
schaffen, die bei größeren nationalen Katastrophen der ganzen Bevölkerung
zugute kommen.
Dabei ginge es um die Vorbereitung vorhandener baulicher
Infrastruktur für die Erweiterung der Krankenhauskapazitäten (analog den
ehemaligen ‚Hilfskrankenhäusern‘), die optimale Einplanung medizinischen Fach-
und Hilfspersonals und die Bereithaltung von zusätzlicher Ausstattung und
Vorräten.
In den 90er Jahren gab es durch die Zusammenarbeit von
Krankenhäusern mit Reservelazaretten hier gute Ansätze, die sich dann mit dem
Ende der Reservelazarettorganisation bis 2008 erübrigten.
Nachzutragen
wären einige Daten aus der Tagung der Reserve im Herbst 2023. Demzufolge soll
der Sanitätsdienst 16400 nicht aktive Dienstposten umfassen mit Verzahnung von
„echte Reservisten“ und Aktiven in „Zweitrolle“, darunter sicher auch viel
medizinisches Personal der Friedensversorgung. Es gibt auch Verstärkungen für die stationären
Einrichtungen und als Ergänzungstruppenteile sieben Sanitätsstaffeln und die
Sanitätsstaffeln für die sechs Heimatschutzregimenter. Auch der Sanitätsdienst wird sein Kommando in
Koblenz, die Sanitätsakademie in München und die Bundeswehrzentralkrankenhäuser
Koblenz, Berlin, Hamburg, Ulm und Westerstede mit neu aufgestellten nicht
aktiven Zügen schützen.
In
der künftigen Struktur wird der Sanitätsdienst seine Eigenständigkeit als
Organisationsbereich verlieren und wie die Streitkräftebasis in den zentralen
Unterstützungsbereich überführt. Es wird allerdings einen Generalarzt mit
zentraler Verantwortung für das Sanitätswesen in der gesamten Bundeswehr geben.
Zum Unterstützungskommando der
Bundeswehr in Bonn wird auch ein eigenes Fachkommando für die
Gesundheitsversorgung Bw in Koblenz mit 500 Dienstposten gehören.
Angesichts der
Dynamik der militärischen Abläufe auf einem gläsernen Gefechtsfeld werden die
Anforderungen an die Rettungskette laufend überprüft. Deren Mobilität wird
gesteigert werden müssen und man denkt an die Aufstellung von 8(?) kleineren
Sanitätsbataillonen an Stelle der Regimentsstruktur.
Kommando Cyber- und
Informationsraum (CIR)
Der 2017 erfolgten Neuaufstellung eines
weiteren Organisationsbereichs als sechste “Teilstreitkraft” war nicht
unbedingt eine langjährige Debatte und immer wieder vorgetragene Forderung der
Fachwelt vorausgegangen, wie das sonst bei militärischen Fragen der Fall ist,
wo zwischen öffentlicher Thematisierung und Realisierung oft Jahrzehnte
vergehen.
Vom Begriff “Cyber” ging natürlich eine gewisse
Zauberwirkung aus und nach außen konnte der Eindruck entstehen, dass sich da jetzt
Hacker in Uniform an ihren PC an der Spitze des technologischen
Fortschritts den neuen technologischen und sicherheitspolitischen
Herausforderungen stellen könnten und die Zeit der Panzer und Bomben vorbei
sei. Mag sein, dass einige Entscheidungsträger diese öffentliche Wirkung
auch im Sinn hatten. Bei einem genauen Blick auf das Organigramm wird man
allerdings feststellen, dass im Kommando Cyber- und Informationsraum „längst
nicht alles Cyber ist”. Das Kommando führt viele ehemalige Komponenten aus
dem “Vorcomputerzeitalter”, die ihre Ursprünge schon auf die Anfangsjahre
der Bundeswehr zurückführen können und immer teilstreitkraftübergreifende
Spezial-aufgaben wahrgenommen haben. Dass viele Wurzeln auf frühere Kräfte der
Führungsunterstützung der Obersten Bundeswehrführung in der alten
Bundesrepublik zurück gehen, lässt sich zum Beispiel an den zahlreichen von dem
heutigen Kommando CIR genutzten Standorten der ehemaligen
Führungsfernmeldebrigade des Heeres im Rheinland nahe der einstigen
Bundeshauptstadt Bonn ablesen. In den neuen Ländern ist dieser
Organisationsbereich allerdings auch mit einigen IT-Bataillonen vertreten.
Richtig ist, dass mit der weltweiten Vernetzung und der
hohen Bedeutung von Informationstechnologie für die militärische Nutzung neue Herausforderungen
für die Sicherheitspolitik und die Truppe entstanden sind.
Die Welt des Cyberraums bietet für Aggressoren neue
Handlungsmöglichkeiten der Beeinflussung und Störung von Staat,
Gesellschaft, Wirtschaft und Militär, ohne dass ein Schuss abgegeben wird und
ein Soldat Grenzen überschreitet. Die IT-Systeme von Verwaltungen,
Versorgungsunternehmen, Wirtschaftsunternehmen, aber auch des Militärs können
durch Hackerangriffe gestört oder ausgeschaltet werden. Täglich soll es über
4000 Attacken auf die IT-Systeme der Bundeswehr geben, oft durch automatisierte
Programme. Die Firewalls und Schadsoftwareprogramme dürften dem meist
standhalten, aber die schnelle Identifizierung eines erfolgreichen Eindringens
und möglicher Folgen mit unmittelbaren Gegenmaßnahmen bleibt eine
Herausforderung.
Gleichzeitig bieten die neuen sozialen Medien ein Einfallstor
für Propaganda und “Fake News”, um eine Gesellschaft und ihre
Widerstandsfähigkeit zu zermürben bevor eine eigentliche militärische
Aggression erfolgt. Allerdings ist diese hybride Kriegführung nicht neu
und kann mit vielen historischen Beispielen aus der Zeit vor der modernen
Informationstechnologie belegt werden, man denke nur an das Vorgehen Hitlers in
den Jahren 1938/39.
Es sind durch die technologischen und gesellschaftlichen
Veränderungen verfassungsrechtliche Grauzonen entstanden. Darf
man nach einem Cyberangriff mit einem "Hack Back" offensiv gegen
einen kaum auszumachenden Angreifer jenseits der eigenen Grenzen vorgehen? Und
wer darf das? Die Bundeswehr oder die zivilen Behörden? Verfassungsjuristisch
setzt das eine Verkündung des Verteidigungsfalls nach Artikel 115 a GG voraus. Neben
der schwierigen Identifizierung der Akteure im Netz ist auch die räumliche
Lokalisierung und der Ausgangspunkt aggressiver Cyberaktionen schwierig. Die
Zahl der nichtstaatlichen Akteure wächst.
Militärisch hat man sich schon lange des elektromagnetischen
Spektrums zur Kampfführung bedient. Der Funkverkehr des Gegners wurde abgehört,
gestört oder zur Täuschung durch gezielte Falschinformationen genutzt und
gehörte unter dem Sammelbegriff elektronische Kampfführung (“Eloka”) immer schon zur Bundeswehr.
Wirkung sollte auch immer die Beeinflussung der Meinung
mit Medien erzielen. Propaganda bediente sich spezieller Radiosender, deren
Programme dann im Zuge der Entspannung wechselseitig eingestellt wurden. Im
Kalten Krieg und auch noch etwas darüber hinaus verfügte die Psychologische
Verteidigung der Bundeswehr sogar über einen eigenen Mittelwellensender in
einem mobilen “Rundfunkbataillon”. Die heute als “Operative Kommunikation”
bezeichnete Spezialtruppe erstellt immer noch Printmedien und TV/Radioprogramme
für die eigene Truppe und Öffentlichkeitsarbeit und verbreitet Informationen
mit Flugblättern und Lautsprechern in den Einsatzgebieten. Sie könnte das im
Rahmen des Heimatschutzes auch in Deutschland und den Einsatzgebieten der
Bündnisverteidigung tun. Der Einsatz im Cyber- und Informationsraum hat also eine
technologische, aber auch eine “ideologische” Komponente.
Unbestritten ist, dass die eigene Informationstechnologie
beständig gefährdet ist und andauernder Bemühungen des Schutzes bedarf. Da
gibt es viele Schnittstellen und verfassungsrechtliche Grauzonen zwischen
militärischen und zivilen Zuständigkeiten im Rahmen der nationalen
Cyberstrategie. Zentraler zivilbehördlicher Ansprechpartner ist das Bundesamt
für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn. Das Kommando CIR war 2021 in
Amtshilfe tätig als die gesamte Informationstechnologie eines Landkreises in
Sachsen-Anhalt lahmgelegt worden war.
Schutzbedürftig sind nicht nur Fernmeldegeräte,
Waffenrechner, Datennetze und die unverzichtbare Datentechnologie in der
zivilen Welt, sondern auch unscheinbare Chips, die sich in unzähligen
Gerätschaften, z.B. auch Fahrzeugantrieben, verbergen. So gab es schon das
Gruselbild, dass der Fahrzeugpark der Bundeswehr wegen der vielen chinesischen Chips
in Neufahrzeugen lahmgelegt werden könnte.
Die Nutzung der Informationstechnologie für das
„Battlefield Management“ birgt auch Risiken und ist ein wichtiges Arbeitsfeld
für Cybersicherheit und Softwareentwicklung
Umgekehrt kann man sich dieser Technologie operativ auch
zur eigenen Informationsgewinnung und Beeinflussung bzw. Störung eines Gegners
bedienen.
Die Bemühungen um
eine vernetzte digitalisierte Gefechtsführung, die zunehmende Zahl
von Hackerangriffen und die neue Wahrnehmung der Gefahren hybrider Kriegsbilder
mit vielen Einfallstoren für Manipulation und Propaganda ließen einen eigenen
militärischen Organisationsbereich am Ende durchaus folgerichtig
erscheinen. Im Cyberraum findet der „Krieg“ durch Hackerattacken und
„Fake News“ täglich statt. Der Ernstfall ist hier Alltag. Die
Existenz des Kommandos CIR steht auch nicht mehr in Frage. Eine Neustrukturierung
steht allerdings bevor. Das Kommando stellt sich heute im Organigramm wie folgt
dar:
Das Kommando
Cyber- und Informationsraum befindet sich in Bonn in unmittelbarer
Nähe zum Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI). Der
Inspekteur und Kommandeur führt einen Organisationsbereich mit ca. 14.000
Soldatinnen und Soldaten. Das Kommando betreibt ein nationales
Lagezentrum für den Cyberraum.
In einer
nachgeordneten Ebene existieren gegenwärtig noch zwei Kommandos mit einem
Zweisternegeneral an der Spitze: das Kommando Informationstechnik in Bonn
und das Kommando Strategische Aufklärung in Grafschaft südlich von Bonn.
2023
wurde daraus das Kommando Informationstechnik/Services und das Kommando
Aufklärung und Wirkung. Eine dritte kleinere Organisationseinheit ist das Zentrum
für Geo-Informationswesen in Euskirchen, in
der Bundeswehr als „MilGeo“ bekannt. Es sammelt und verbreitet Informationen
über die jeweiligen Einsatzregionen und ist auch für das militärische
Kartenwesen zuständig.
Die Cyberkriegführung
verteilt sich auf die beiden großen Kommandosäulen und ist im Augenblick
noch organisatorisch nicht vereint. Im Kommando Informationstechnik befindet
sich das Zentrum für Cybersicherheit der Bundeswehr in Euskirchen mit
einer eher defensiven Rolle. Dem Kommando Strategische Aufklärung untersteht
das Zentrum für Cyberoperationen in Rheinbach, das die Abwehr von
Cyberangriffen, aber auch die offensive Kriegführung im Cyberraum wahrnehmen
kann. Die Einordnung in das Kommando elektronische Aufklärung ist insofern
folgerichtig, weil auch vier Bataillone für elektronische Kampfführung in dem
Kommando verortet sind, das sich als „Wirkkommando“ mit einer offensiven
operativen Rolle versteht.
Dem Kommando ist
auch das Zentrum für Operative Kommunikation in Mayen unterstellt, das medial
auf den Gegner, die eigene Truppe und die Zivilbevölkerung mit seinen
Informationen Einfluss ausüben möchte. Dabei gilt die Devise „Wahr muss es
sein!“ Das Zentrum kann Radioprogramme, Fernsehprogramme, Printmedien erstellen
und auch mit Lautsprechern wirken. In den Kriseneinsätzen sind diese
Spezialisten zu einer festen Größe bei der Kommunikation mit der lokalen
Bevölkerung geworden.
Die beiden großen
Kommandos waren bis 2017 der SKB unterstellt, haben aber viel ältere Wurzeln.
Das Kommando Informationstechnik hat als zentrale Aufgabe die
Führungsunterstützung für die Bundeswehrführung und betreibt das IT-Netz der
Bundeswehr in der Nachfolge des einstigen Fernmeldedienstes für den Betrieb und
den Aufbau von Verbindungen. Das Kommando ist für den stationieren IT-Betrieb
zuständig, hat aber auch einige mobile Bataillone für den Fernmeldeweitverkehr
übernommen, von denen einige schon in den 50er Jahren aufgestellt worden waren.
Sechs IT-Bataillone stellen national und global die Kommunikation über
große Distanzen sicher. Hinzu kommt der deutsche Anteil eines Fernmeldebataillons
für die NATO in Wesel. Die Bataillone nutzen Richtfunk- und
Satellitenverbindungen und binden die Einsatzkontingente auch in fernen Räumen
an die Führung in der Heimat ein. Ein ungewöhnlicher Einsatz war vor einiger
Zeit die Anbindung von Flugabwehrraketenkräften beim Schießen auf Kreta an den in
Husum verbliebenen Geschwadergefechtsstand durch das IT-Bataillon 292 aus
Dillingen/ Donau.
Zum Kommando IT-Technik
gehört auch der deutsche Anteil eines NATO-Fernmeldebataillons in Wesel.
Das Betriebszentrum
IT-System der Bundeswehr in Rheinbach stellt den Kernbetrieb für die
Fernmeldeführung der Bundeswehr sicher und ist an mehreren Standorten mit
seinen Kräften präsent. Zum IT-Kommando gehört natürlich auch eine zentrale
Ausbildungseinrichtung, die IT-Schule am Standort der ehemaligen
Fernmeldeschule in Pöcking/Starnberger See. IT-Kapazitäten gibt es
natürlich in Einheiten und Stäben aller Teilstreitkräfte /
Organisationsbereiche. Das Heer stellt jetzt auch wieder eigene Fernmeldebataillone
für seine Divisionen auf, aber die zentrale Zuständigkeit für den IT-Bereich
liegt beim Kommando CIR.
Das Zentrum für
Softwarekompetenz der Bundeswehr in Euskirchen hält die Softwareentwicklung
der Bundeswehr auf dem neuesten Stand und hat unter anderem für den Amtshilfeeinsatz
in der Pandemie mit der schnellen Entwicklung angepasster Programme für die
zahlreichen Helfer in Uniform in den Gesundheitsämtern helfen können. Auch an
der Entwicklung des „Battlefield Management“ in allen Teilstreitkräften
ist das Zentrum beteiligt. Das Zentrum für Cybersicherheit in Euskirchen
wurde schon erwähnt. Sein Zentralauftrag ist der Schutz der
Informationstechnologie der Bundeswehr. Dabei geht es nicht nur um die Verhinderung
von Cyberangriffen, sondern auch um die Abhörsicherheit der Systeme.
Messtrupps sind im ganzen Bundesgebiet unterwegs, um Schwachstellen in der
Abstrahlung der eigenen Fernmeldesysteme und Rechner aufzuspüren.
Das Kommando
Strategische Aufklärung war im Rahmen der Streitkräftebasis entstanden und
hatte dort die auf die drei Teilstreitkräfte verteilten Einheiten für die
elektronische Aufklärung und Kampfführung zusammengefasst. Die vier
erwähnten Eloka-Bataillone sammeln Informationen, können aber auch auf
den Gegner durch Störung des Fernmeldeverkehrs oder Täuschungsmaßnahmen
einwirken. Sie nutzen stationäre Einrichtungen sind aber auch mobil und
verfügen zum Beispiel über den Störpanzer „Hummel“ auf der Basis des Radpanzers
Fuchs für den Einsatz auf dem Gefechtsfeld. Peilsender gibt es auf dem
geschützten Fahrzeug Duro. Eine zentrale Auswertung erfolgt in einem eigenen Auswertungszentrum
in Daun. Durch die Verfügbarkeit von sechs eigenen Radaraufklärungssatelliten
SAR Lupe ergibt sich die Notwendigkeit einer Auswertezentrale. Die befindet
sich im Zentrum für abbildende Aufklärung in Grafschaft. Die Zentrale
Untersuchungsstelle für Technische Aufklärung in Hof existierte schon sehr
lange unter anderen Bezeichnungen. Der Standort in Nordbayern ergibt sich
natürlich noch aus der räumlichen Nähe des früher aufzuklärenden Gebiets im
Warschauer Pakt. Dort wird die Technik für Aufklärung im elektromagnetischen
Spektrum weiterentwickelt. Die Schule des Kommandos für Strategische
Aufklärung befindet sich in Flensburg. Die Zentren für Cyberoperationen
und Operative Kommunikation wurde schon erwähnt.
Für das Kommando CIR sind eine Reihe von Strukturmaßnahmen
eingeleitet, die auch Umbenennungen nach sich ziehen. Zu
den beiden Hauptachsen des Konzepts „CIR 2“
gehören die Befähigung zu defensiven und offensiven Cyberoperationen und
die Erhaltung und Entwicklung der technologischen Kompetenz im
Cyberraum.
a) Die Aufteilung auf zwei hochdotierte Kommandos wird
abgebaut, auch um personelle Ressourcen zu gewinnen.
b) Die Zusammenführung des Nachrichtenwesens der Bundeswehr soll
im Joint Intelligence Center erfolgen. Hier sollen alle
Aufklärungsinformationen zusammengeführt werden, nicht nur aus dem Bereich CIR,
sondern z.B. auch durch die U-Boote und Aufklärungsschiffe der Marine und
künftig sicher auch durch PEGASUS der Luftwaffe (s.o.). Eine der großen
Herausforderungen des Informationszeitalters besteht darin, die Flut der Meldungen
zu filtern und zu bewerten, gegebenenfalls auch mit Hilfe künstlicher
Intelligenz.
c) Weiterhin ist gemäß den im Fähigkeitsprofil gemachten Zusagen
an die NATO eine Cyber- und Information Task Force vorgesehen, die
jederzeit im Bündnisrahmen eingesetzt werden kann.
d) In enger Abstimmung mit dem Bundesamt für Sicherheit in der
Informations-technologie und dem Nationalen Cyberabwehrzentrum soll ein Cyberausbildungs-zentrum
entstehen.
e) Das Kommando CIR übernimmt die zentrale Verantwortung für die
Digitalisierung der Bundeswehr. Dafür ist mittlerweile das
Zentrum Digitalisierung der Bundeswehr
in Bonn entstanden.
f) Analog zu den anderen Teilstreitkräften wird
auch im Kommando CIR eine zentrale Einrichtung der Kompetenzentwicklung, das Cyber-
and Information Warfare Center, aufgestellt.
g) Nachdem der Luftwaffe die Zuständigkeit
für den Weltraum zugewiesen wurde, ist eine enge Kooperation bei der
Satellitenaufklärung auszubauen.
Die Existenz dieses jüngsten
Organisationsbereiches kann als gesichert betrachten werden, allerdings besteht
eine große Herausforderung bei der Gewinnung geeigneten Fachpersonals.
Hier muss die Bundeswehr auf dem Arbeitsmarkt mit der zahlungskräftigen
Wirtschaft konkurrieren. Auch „ungediente“ Seiteneinsteiger werden umworben und
eine Cyberreserve mit für Reservedienstleistungen geworbenen und beorderten
Fachkräften aus der Wirtschaft angestrebt. Die Cyberreserve gehört neben sechs
nicht aktiven IT-Kompanien und vier nicht aktiven Eloka-Kompanien zum Umfang
der 3500 nicht aktiven Dienstposten für die Verteidigungsstruktur. Eigene
Sicherungszüge sind allerdings nicht vorgesehen. Es wird unter den 10 standortgebundenen
Sicherungszügen des Territorialen Führungskommandos in Bonn, Bruchsal, Burg,
Delmenhorst, Frankenberg, Gotha, Koblenz, München, Putlos, und Storkow auch
zwei Einheiten geben (Bonn,Frankenberg), die CIR-Standorte sind.
Das Kommando stellt einen gewichtigen Beitrag als „Force
Enabler“ bei der Optimierung der Einsatzeffektivität der Bundeswehr. Es sollte
allerdings nicht als Alternative zu den klassischen Befähigungen der
Streitkräfte hochstilisiert werden. Es bedient mit dem
Fernmeldeweitverkehr, dem elektronischen Kampf, der Militärgeographie und der
modernen Version der psychologischen Verteidigung ja immer auch noch sehr
klassische Fähigkeitsspektren. Da ergeben sich aber viele Schnittstellen und
Synergieeffekte mit der Informationstechnik und Cyberkompetenzen. Das
Kommando passt die Bundeswehr an veränderte Technologien und Konfliktszenarien
an, kann aber letztlich nicht die kämpfenden Teile ersetzen, die alleine den
Raum behaupten können. Während des Krieges gegen
die Ukraine ist die befürchtete Dominanz Russlands in der hybriden Kriegführung
im Cyber- und Informationsraum nicht eingetreten, eher bedient sich der
angegriffene Staat sehr wirksam dieses Spektrums im internationalen
Informationsumfeld. Eine Zermürbung des Angegriffenen ist weder vor noch nach
dem ersten Schuss erfolgt und die Entscheidungen werden im Gefecht, nicht im
Cyberkrieg fallen.
Aus der strategischen Mittellage Deutschlands mit ungewissen
Risiken am Ostrand des Bündnisses ergibt sich eine natürliche Priorität
für eine reaktionsschnelle Landstreitmacht, leistungsfähige Luftverteidigung
und Befähigung zum Schutz der Seewege in der Ostsee, unterlegt mit einer
funktionierenden Logistik, digitalisierten Führungsfähigkeit und Sicherheit für
die Informationstechnologie. Bei der letzten Aufgabe ist aber auch zu
überlegen, inwieweit hier nicht auch der Schwerpunkt im zivilbehördlichen Bereich
bei Experten ohne Uniform liegen könnte.
In der jüngsten Strukturentscheidung wird das Kdo Cyber- und
Informationsraum zur vierten Teilstreitkraft neben Heer, Luftwaffe und Marine
aufgewertet.
Die Karte konzentriert
sich auf die Kräfte, die für die Abwehr einer Aggression in einem
klassischen Konflikt oder einem hybriden Spektrum mit Wirkung verfügbar
wären. Die für einen vernetzten Einsatzverbund und militärischen Grundbetrieb
unverzichtbaren Unterstützungs- und Führungskräfte („Force Enabler“) sind nur
in Teilen darstellbar. Die Feldjäger (SKB) sind wegen ihrer Fähigkeiten im
Heimatschutz berücksichtigt.
Diese Karte stellt eine Modifikation für die Zeit ab 2025 dar und
berücksichtigt die im Zielbild Einsatzkräfte Heer vorgesehene Umwandlung der
Panzerbrigade 21 und Panzergrenadierbrigade 41 in mittlere Kräfte und die
Abgaben von zwei schweren Bataillonen der Brigade 21 an die Brigaden 9 und 37.
ca.181.000 - 183.000 aktive Soldatinnen und Soldaten plus 62.000 Reserve-dienstposten, davon dienen
aktiv ~62.000 im Heer, ~22.600 in der Streitkräfte-basis, ~27.000
in der Luftwaffe, ~15.000 in der Marine, ~19.900 im zentralen
Sanitätsdienst und 14.000 im Kommando Cyberinformationsraum. Ca.
21.000 Militärangehörige verteilen sich auf verschiedene Dienststellen, u.a. im
BMVG und Rüstungsbereich oder auf Schülerstellen. Es gibt z.Zt. (Frühjahr 2023)
~ 56.000 Berufssoldaten, ~115.500 Zeitsoldaten,~ 9600
Freiwillig Wehrdienstleistende und ~410 Freiwillige im Heimatschutz.
Der Frauenanteil beträgt z.Zt. 13%.
Das Heer steht vor einer Umgliederung, die bis 2031
abgeschlossen sein soll und folgende Kräfte für 3 Divisionen mit 8 Brigaden
(plus PzBrig 42 für
Litauen) vorsieht:
●Mittlere Kräfte (Jäger mit Radpanzern):
7 Bataillone 28 Bataillone
●Leichte Kräfte (Fallschirm- u. Gebirgsjäger): 7 Bataillone
●plus
3 Heeresfliegerregimenter, Spezialkräfte (KSK, Fernspäher) und
4
Reserveformationen in Bataillonsstärke (Jäger, Panzer)
●Kampfunterstützung durch…
Pioniere: 9
Bataillone davon 9 geplante Neuaufstellungen
Heeresaufklärung: 8 Bataillone
●
Fernmelder: 4 Bataillone 13 Bataillone
Heereslogistik: 9 Bataillone
davon 4 geplante
Neuaufstellungen
●Hinzu
kommen in allen Bereichen 27 selbstständige Einheiten in Kompaniegröße,
davon 16 geplante Neuaufstellungen.
●Weitere Unterstützung
wird aus SKB, ZSan, Kdo CIR und Luftwaffe zugeordnet.
●Als Ausrüstung sind gegenwärtig u.a. 320 Leopard II*,
~350 Spz Puma und über 300 Marder,~150 Haubitzen*, Raketenwerfer*, >3000
gepanzerte Radfahrzeuge und ~200 Hubschrauber verfügbar. Eine Aufstockung um
mindetens ~100 Artilleriesysteme ist
erforderlich. *z.Zt.
durch Abgaben an die Ukraine reduziert
Die Luftwaffe
verfügt in neun Geschwadern über ~220 Eurofighter u.Tornado, ~50 Airbus A 400
M, ~70 Hubschrauber und 12 Flugabwehrraketenstaffeln Patriot*. Die Flugabwehr
muss aufwachsen. F35 und neue Eurofighter ersetzen den Tornado.
Die Marine
betreibt u.a. in 7 Geschwadern z.Zt. 11 Fregatten, künftig 10 Korvetten, und 8
U-Boote, z.Zt. 12 Minenabwehreinheiten, ca. 50 Flugzeuge und Hubschrauber. Das
Seebataillon führt amphibische Teile und Marineschutzkräfte. Die Marine hat wie
das Heer eigene Spezialkräfte (eh.‘Kampfschwimmer‘).
Die Streitkräftebasis
(SKB) unterstützt die gesamte Bundeswehr künftig mit ca. 15 Verbänden in
Bataillons- und Regimentsstärke und ~40 stationären Einrichtungen im Bereich
der Logistik, ABC-Abwehr und im Feldjägerwesen.
Der zentrale Sanitätsdienst (ZSan) unterhält
die stationäre regionale Sanitätsversorgung und stellt mobile Kräfte (6
Regimenter,14 Staffeln) für die Einsatzunterstützung bereit.
Das Kommando Cyberinformationsraum
konzentriert Kräfte für den Fernmelde-weitverkehr (7 Btl.), die elektronische
Kampfführung (4 Btl.), strategische Aufklärung, Cyberkriegführung, operative
Information und militärgeografischen Dienst. Das Kdo CIR hat auch eine
Schlüsselrolle bei der Digitalisierung aller Kräfte der Bundeswehr.
Das neue Territoriale Führungskommando
bündelt viele nationale territoriale Aufgaben, für die bisher die SKB zuständig
war (Heimatschutz,zivilmilitärische Zusammenarbeit,Truppenübungsplätze etc.)
Q: eigene Recherchen, Stand 6/ 2023
Verteilung der Heimatsschutzkompanien - Stand Ende 2023:
2 (Schleswig-Holstein), 1 (Hamburg), 1 (Bremen), 4 (Niedersachsen), 3
(Mecklenburg-Vorp.), 2 (Sachsen-Anhalt), 1 (Berlin), 2 (Brandenburg), 3 (NRW),
2 (Rheinland-Pfalz), 1 (Saarland), 3 (Hessen), 1 (Thüringen), 1 (Sachsen), 3
(Baden- Württemberg.) 7 (Bayern) = 37, Arbeitstagung Reserve nennt Planziel 42
Voraussetzung
einer einsatztauglichen Bundeswehr ist die Sicherung der Heimatbasis
Deutschland. Die
Übersicht zeigt die bisher aufgestellten (●)oder geplanten (o) Heimat-schutzkompanien und Landeskommandos (●)mit
Heimatschutzregimentern und ihren Ausbildungsstandorten (o).Mutmaßliche
Schwerpunkte einer einsatzrelevanten Planung für den Heimatschutz sind blau
umrandet. (Q:eigene Grafik)
Stand Juni 2023
Info: OTL i.G. Fiebig in: Blauer Bund
Heft 54, 12/2022
Ergänzende Aktualisierungen lt.
Arbeitstagung Reserve 2023, u.a. nur 414 BVK/KVK, sofern kein
Übermittlungsfehler
Heimatschutzkompanien Ist 2023
und Soll 2025
Die räumlichen
Zuständigkeiten werden noch festgelegt. * Die Standorte der Regimenter 4,5 und
6 mit Führung und Ausbildungseinrichtungen außerhalb des eigenen Landes
abhängig von fehlender Verfügbarkeit von Infrastruktur im eigenen
Landeskommandobereich
Heimatschutzregiment 1 Bayern
(München, ab 2024 Roth):
‚Oberbayern‘ (Murnau) -
‚Niederbayern‘(Bogen) – ‚Oberpfalz‘(Kümmersbruck)- ‚Mittelfranken‘ (Nürnberg) –
‚Oberfranken‘( Bayreuth) – ‚Unterfranken‘(Volkach) - ‚Schwaben‘(Dillingen)
Heimatschutzregiment 2 NRW (Münster):
‚Rheinland‘(Düsseldorf) –
‚Ruhrgebiet‘(Unna) –‚Westfalen‘(Ahlen) - … (Minden) - …
(südl.Rheinland/Sauerland?)
Heimatschutzregiment
3 Niedersachsen (Nienburg/Weser):
‚Küste‘(Wittmund) – Nordheide (Lüneburg) – Solling (Holzminden) - …
(Hannover)
Heimatschutzregiment
4 Mecklenburg-Vorpommern(Alt-Duvenstedt/Schleswig-Holstein)*:
‚Mecklenburg‘(Schwerin) – ‚Ostsee‘(Parow) – Vorpommern (Neubrandenburg)
Heimatschutzregiment
5 Hessen (Ohrdruf/Thüringen)*
‚Nordhessen‘(Frankenberg) – ‚Südhessen‘(Frankfurt) – ‚Mittelhessen‘ (…)
Heimatschutzregiment
6 Berlin (Möckern-Altengrabow/Thüringen)*
vmtl. auch
Unterstellung der HSKpn in Brandenburg, ggf. auch Sachsen-Anhalt, Sachsen
u.Thüringen, bis zur Aufstellung weiterer Regimenter nach 2025?
‚Berlin‘(Berlin) – Potsdam - + ….(...)
Landeskommando Hamburg:
‚Hamburg‘ (Hamburg)
Landeskommando Schleswig-Holstein:
‚Schleswig‘ (Husum) – ‚Holstein‘ (Eutin) -+ …(…)
Landeskommando Bremen:
‚Bremen‘(Bremen)
Landeskommando Sachsen-Anhalt:
‚Sachsen-Anhalt I‘ (Magdeburg) – ‚Sachsen-Anhalt II‘ (Klietz)
Landeskommando Thüringen:
‚Thüringen‘ (Erfurt)
Landeskommando Sachsen:
‚Sachsen‘(Dresden)
Landeskommando Rheinland-Pfalz:
‚Rheinland-Pfalz (Mainz) – ‚Hunsrück‘(Baumholder)
Landeskommando Saarland:
‚Saarland‘ (Saarlouis)
Landeskommando Baden-Württemberg:
‚Odenwald‘ (Walldürn) – Oberrhein (Bruchsal) – Schwäbische Alb (Stetten
a.k.M.)- +…(..)
=35 + 7 weitere HSKpn bis 2025:
>>mtml +….Rheinland oder Sauerland (NRW) + …Minden (NRW) +… (Brandenburg)
+… (Hamburg?)+ …(Baden-Württemberg) +…+…
Jede nicht aktive
Heimatschutzkompanie hat 120 Dienstposten
Jedes
Heimatschutzregiment verfügt im Endausbau über eine nicht aktive
Stabs/Versorgungs-kompanie, eine teilaktive Ausbildungskompanie, eine nicht
aktive gemischte Unterstützungs-kompanie und eine Sanitätsstaffel des ZSanBw.
Die
Führungskapazität. soll bei Bedarf eine Unterstellung von ca. 11 Kompanien
zulassen, auch aus anderen Landeskommandos. Schwerpunkt dürfte der Schutz der
Transitwege und -räume sein. Die Unterstellung von Kompanien außerhalb des
eigenen Kommandobereichs dürfte maßgeblich durch diese Rolle bestimmt. Die
sechs Landeskommandos mit eigenen Heimatschutzregimentern werden auch eine
gestärkte (mobile)Führungsfähigkeit erhalten.
2025 soll insgesamt
eine Befähigung von 30% erreicht sein. Ca 6000 Dienstposten sind für die
Heimatschutzregimenter geplant. Die Regimenter verfügen dann über eine eigene
Infrastruktur für Unterbringung und Ausbildung und zunehmend eigene Bewaffnung
und Ausrüstung. Als Handwaffen werden G 36 zur Verfügung stehen, die durch die
Einführung des G 95A1 freiwerden.
Q: Datengrundlage Heimatschutzkompanie – Wikipedia (abgerufen am 26.12.23) und Ausgaben
2023 des Reservistenmagazins „Loyal“
Die ca. 100.000 nicht aktiven Dienstposten
setzen sich zusammen aus 60.000 Dienstposten für Reservisten und 40.000
Dienstposten für aktive Soldaten, deren Dienstposten im Kriege wegfallen würden
und die in einer 2.Rolle einen Verteidigungsdienstposten einnehmen. In der
Präsentation des BMVg für die Jahrestagung der Reserve werden gesondert 30.000
Spiegeldienstposten der Personalreserve dargestellt. Das sind alles nur
Planungszahlen die erste mit Beorderungen unterlegt werden müssen! Diese
setzen sich zusammen aus beorderten freiwilligen Reservisten, Freiwilligen des
Dienstes 'Dein Jahr für Deutschland' und zunehmend aus Bundeswehrangehörigen,
die nach ihrer Entlassung noch einer sechsjährigen Grundbeorderung unterliegen.
Diese Dienstposten entfallen zum größten Teil auf die Verstärkungsreserve für
die Auffüllung aktiver Truppenteile und Mobilmachung nicht
aktiver Ergänzungstruppenteile. Die
Heimatschutzkräfte und die Verbindungskommandos der Territorialen Reserve
unterstehen dem Territorialen Führungskommando. Mit der Unterstellung des
Heimatschutzes unter das Heer sind hier Veränderungen zu erwarten
KrDisNatKV = Kräftedispositiv nationale Krisenvorsorge
Link: Neue Heeresstruktur lt.BMVg
8.8.22 - Fokus Sicherheitspolitik im Münsterland (bahnjdbund.de)
Glossar
Aktuelle
Strukturentscheidungen sind nach Möglichkeit intergriert.
|
Allgemeine
Reserve: Gesamtheit aller noch wehrdienstfähigen Reservisten,
die in der Bundeswehr gedient haben, sich aber nicht in einem
Beorderungsverhältnis befinden. Man geht von ca. 900.000 wehrrechtlich Verfügbaren mit
fallender Tendenz aus. Insgesamt werden 10 Millionen ehemalige „Veteranen“
unabhängig von Alter und Gesundheit in manchen Dokumenten auch zur
Allgemeinen Reserve gezählt. |
|
|
Amtshilfe: Im Grundgesetz Artikel
35 vorgesehene Hilfeleistungen der Bundeswehr zur Unterstützung ziviler
Behörden in Notlagen auf deren Anfrage. Die Federführung der Einsätze bleibt
dabei bei den zivilen Behörden (z.B. den Landräten)!
Arrow
3:
isrealisch-amerikanisches Flugabwehrsystem extremer Reichweite, das
ballistische Flugkörper auf ihren Weltraumflugbahnen abfangen will. Wird von
Deutschland zur Beschaffung erwogen, um eine erweiterte territoriale
Luftverteidigung gegen nuklearfähige Flugkörper großer Reichweite aufzubauen.
Aufwuchs: Vergrößerung des
Umfangs der Bundeswehr im Spannungs- und V-Fall durch einen Ergänzungsumfang
von über 60.000 Reservedienstleistenden und 40.000 aktive Soldaten auf „im
Krieg wegfallenden Dienstposten“. Der Aufwuchs erfolgt durch Aktivierung
nichtaktiver Einheiten (Ergänzungstruppenteile) und Verstärkung aktiver
Einheiten. Man differenziert zwischen einer Verstärkungsreserve für die
Einsatzkräfte und der Territorialen Reserve im Inland für den
Heimatschutz. Ein großer Anteil der Reserve dient auch als Personalreserve für
ausgewählte „Spiegeldienstposten“ bei Vakanzen und Ausfällen. Ein allgemeiner
Personalersatz (Feldersatz) für den Verteidigungsfall soll auch wieder aufgebaut
werden. Nicht vergessen darf man auch den viel größeren Umfang der Allgemeinen
Reserve (s.o.), die als ehemalige Soldaten noch erfasst und von denen die
unter 65 Jahren für einen Wehrdienst im Verteidigungsfall herangezogen werden
könnten, aber nicht als Reservisten eingeplant sind. Nach Wegfall der
Kreiswehrersatzämter fehlen Fähigkeiten zur statistischen Erfassung. Möglicherweise
können die Karrierecenter hierzu ausgebaut werden. Der Aufwuchs schließt auch
die Mobilisierung von zusätzlicher Ausrüstung ein, die in Depots eingelagert
ist, aus nicht einsatzrelevanten Dienststellen abgezogen, aus der
Zivilwirtschaft eingezogen oder in Schnellbeschaffungen aufgestockt wird.
Jüngste Zahlen nennen eine Ausplanung von 46.000
Dienstposten für den Aufwuchs von Heer und Territorialem Führungskommando
(Territoriale Reserve, Feldjäger, ABC etc.). Beim Sanitätsdienst kann man von
ca. 10.000 – 16.000 Posten (ca 1/3
Verstärkungs~, 2/3 Personal~)ausgehen.Bei der Luftwaffe soll ein Bedarf von
15.000 und bei der Marine von 5.000 bestehen. Bei diesen Zahlen dürften sich
das Personal wohl gleichermaßen aus Reservedienstleistenden als auch aktiven
Soldaten auf im Kriege wegfallenden Dienstposten zusammensetzen, d.h. also für
den Ergänzungsumfang. Die Begriffe Reservedienstposten und Ergänzungsumfang
bzw. Aufwuchs sind also nicht deckungsgleich! Siehe S.42.
.
Asymmetrischer Krieg/Konflikt: Ein
asymmetrischer Krieg ist eine militärische Auseinandersetzung zwischen
Parteien, die waffentechnisch, organisatorisch und strategisch stark
unterschiedlich ausgerichtet sind. Asymmetrische Kriegführung unterscheidet sich
vom gewohnten Bild des Krieges. Eine der beteiligten Kriegsparteien ist waffentechnisch
und zahlenmäßig so überlegen, dass die andere Seite militärisch in offen
geführten Gefechten nicht gewinnen kann. Langfristig können jedoch
nadelstichartige Verluste und Zermürbung durch wiederholte kleinere Angriffe
zum Rückzug der überlegenen Partei führen. Das Debakel des Afghanistaneinsatzes
ist ein Musterbeispiel. In den meisten Fällen agiert das Militär der
überlegenen Partei auf dem Territorium eines anderen Landes und kämpft gegen
eine kämpferische Widerstands- bzw. Untergrundbewegung, die sich aus der heimischen
Bevölkerung gebildet hat. Diese Kampfweise gegen die traditionellen Regeln ist als
Guerillakrieg altbekannt. Die vermeintlich überlegene Kriegspartei ist mit dem
Einsatzraum und seiner Bevölkerung nicht vertraut und kann das Gebiet nicht
flächendeckend kontrollieren. Zudem gerät sie ideologisch oft im Einsatzland,
aber auch in der Weltmeinung in eine defensive Rolle und kann auch aus diesem
Grund keine Entscheidung herbeiführen. Die scheinbar unterlegene Seite hingegen
bekommt neuen Zulauf aus der regionalen Bevölkerung, oft auch durch Einschüchterung,
und wird von dieser mit Informationen und logistisch unterstützt. Dem
asymmetrischen Kriegsbild sind auch Terroranschläge außerhalb von
Landkriegsschauplätzen wie die Attacken auf das World Trade Center oder
US-Kriegsschiffe in Häfen zuzuordnen.
Autonome Waffensysteme:
Waffensysteme, die aufgrund digitaler künstlicher Intelligenz den Waffeneinsatz
auch ohne menschliche Befehle und Entscheidungen in automatisierten Abläufen
durchführen können. Diese wäre zum Beispiel bei Drohnen der Fall, die sich ihre
Zielobjekte in der Einsatzzone selbstständig suchen und diese ohne Feuerleitung
durch einen Bediener bekämpfen. Einen autonomen Feuerkampf gab es auch schon
als Modus des Flugabwehrraketensystems PATRIOT gegen Massenangriffe mit
automatisierter Zielbekämpfung in ausgewählter Reihenfolge nach rechnerischer
Risikobewertung. Denkbar wären auch unbemannte Artilleriesysteme, die sich
zeitweise autonom im Gelände bewegen und den Feuerkampf aufgrund der Ergebnisse
von vernetzten Sensoren und Waffenrechnern führen. Auch Kampfpanzer eignen sich
für eine Anpassung an einen autonomen Feuerkampf. Führungsinformationssysteme
in Gefechtsständen könnten mit künstlicher Intelligenz autonome
Einsatzentscheidungen im Verbandsrahmen treffen. Davon abgrenzen muss man
Systeme, die sich nach dem „Fire and Forget“ -Prinzip nach Zielzuweisung durch
den Menschen selbstständig in das Ziel steuern. Außer menschliche Kontrolle
geratene Kampfroboter sind aber noch Fiktion. Diese setzen eine selbstlernende
künstliche Intelligenz voraus.
Battle
Field Management System: Hardware, Software und Einsatzkonzept für vernetzte
digitale Einsatzführung im Gefecht.
Beorderung: Eine Beorderung bedeutet in der
heutigen Bundeswehr die Einplanung eines Reservisten nach freiwilliger Meldung
auf einem Reservedienstposten, auf dem er mit seiner Zustimmung und der
Zustimmung des Arbeitgebers auch Reservedienstleistungen (Wehrübungen)
erbringen kann. Bis 2011 waren Beorderungen im Frieden Teil der Wehrpflicht und
nicht an Freiwilligkeit gebunden. In einer Beorderung können
Reservedienstleistende auch Lehrgänge als Grundlage von Beförderungen
absolvieren. Dienstgradkarrieren sind nur mit Beorderung oder als Zeitsoldat
möglich. Dies unterscheidet beorderte Reservisten von den Freiwillig
Wehrdienstleistenden in der Truppe und den Freiwilligen im Heimatschutz. Beorderungsfähig ist ein Reservist,
wenn er nach Alter und Gesundheitszustand die notwendigen Voraussetzungen
mitbringt. Dazu muss dann aber noch die freiwillige Dienstbereitschaft und eine
durch Ausbildungs- und Tätigkeitsnachweise passende Qualifikation für die
jeweiligen Dienstposten kommen. 2021 gab es 32.000 Beorderungen bei einer
Gesamtzahl von 62.000 Reservedienstposten
|
BMVg:
Bundesministerium
der Verteidigung in Berlin und Bonn. Der jeweilige Minister oder Ministerin ist Inhaber
der Befehls- und Kommandogewalt im Frieden. CIR: Cyber- und
Informationsraum. Das Netz der elektronischen Kommunikation und des
Internets, soziale und klassische Medien sowie die Informationsbeschaffung
(Aufklärung) werden heute als eigener militärischer Einsatzraum neben Land,
Luft, See und Weltraum betrachtet. Combat Cloud: Vernetzung von Sensoren und abgesetzten
fliegenden unbemannten Wirkmitteln als Teil des Kampfflugzeugprojekts FCAS
(D/F/SP) |
DCRC: "Deployable Command
Reporting Center": Mobiler Luftverteidigungs-gefechtsstand zur
Einsatzführung der Luftverteidigung, Standort: Schönewalde-Holzdorf
Dein Jahr für Deutschland: Initiative des BMVg für
einen freiwilligen Wehrdienst im Heimatschutz analog zu anderen sozialen
Freiwilligendiensten. Freiwillige sollen ab 2021 eine siebenmonatige
Grundausbildung und Spezialausbildung absolvieren und dann in sechs Folgejahren
zu Reservedienstleistungen im Heimatschutz mit einer Gesamtdauer von insgesamt
fünf Monaten hinzugezogen werden. Ein Auslandsdienst ist nicht vorgesehen. Die
Freiwilligen bleiben in Mannschaftsdienstgraden und werden vor allem für die Heimatschutzkompanien
ein planbares Personaltableau bilden. Die Ausbildung erfolgt in der
Streitkräftebasis, Luftwaffe und Marine beteiligen sich allerdings auch, um
eigene Heimatschutzkräfte zu gewinnen.
Digitale Souveränität:
Erhaltung einer Unabhängigkeit von fremden Lieferanten (China) bei der
Entwicklung und dem Betrieb von digitaler Informationstechnik, insbesondere zur
Wahrung der digitalen Sicherheit. Elektronische Bauteile und Software aus
fremden Quellen könnten unbemerkt infiziert sein und im Konflikt als
„schlafende Schadsoftware“ aktiviert werden. Beispiel: Diskussion um den 5 G Modus
von Huawei.
Digitalisierung: Digitalisierung
bezieht sich nicht nur auf Ausstattung der Einzelsysteme mit Rechnern, sondern
ihre Vernetzung in einem umfassenden Gesamtsystem. Digitalisierung soll eine
komplette Beschleunigung der Reaktionen im Gefecht, im allgemeinen Grundbetrieb
und bei der Verwaltung der Streitkräfte ermöglichen. Für
das Gefechtsfeld soll die Digitalisierung den klassischen Verbund von
Aufklärung, Führung und Wirkung zur schnellen und zielgenauen Reaktion
befähigen. Man kommt zu einer militärischen Führung, die sich von der
klassischen langsamen Führungskommunikation mit mündlicher oder schriftlicher Befehlsgebung
zu einer elektronischen Lagedarstellung und enorm schnellen Übermittlung von
Informationen bewegt. Dabei können auch die unteren Führungsebenen in den
Führungsinformationsverbund eingeordnet werden (Konzept Infanterist der
Zukunft). Die Vernetzung erfolgt auf allen Ebenen mit Hardware und Software im „Battlefield
Management“. Das gilt auch für Logistik, Sanität und Administration. Alle
Beteiligten tauschen sich mit ihren Daten elektronisch aus und fällen
Entscheidungen aufgrund der elektronisch vorliegenden Führungsinformationen und
einem gemeinsamen elektronischen Lagebild auf ihrer taktischen Ebene. Digitalisierung
spielt eine besondere Rolle bei der logistischen Bestandsführung und
Materialsteuerung. Das Personalmanagement, Gesundheitsmanagement und Kommunikation
der Einheiten und Dienststellen im IT-System Bw sind ohne Digitalisierung nicht
mehr zu denken. Aber auch praktische Anwendungen wie „elektronische Deichseln“,
um Fahrzeuge in Konvois von einem vorausfahrenden Spitzenfahrzeug zu führen und
unbemannt zu folgen, „Exoskelette“, um die körperliche Leistung bei
logistischen Lagerarbeiten zu verbessern, Roboter zur Kampfmittelräumung oder
der 3D Druck für „additive Verfahren zur Herstellung von Ersatzteilen auf
Abruf“ beruhen auf digitaler Technologie. Digitalisierung in Verbindung mit
künstlicher Intelligenz soll auch Personal einsparen. Digitalisierung
ermöglicht die Auswertung einer Fülle von Informationsdaten und trifft nach
vorgegebenen Parametern eine autonome Auswahl. Kritisch wird die
Digitalisierung natürlich im Bereich der künstlichen Intelligenz und bei
autonomen Waffensystemen gesehen, wenn sie menschliche Entscheidungen ersetzen.
Dimensionen: Land,
See, Luft, Weltraum, Cyber- und Informationsraum, seit dem Eckpunktepapier 2021
gebräuchliche Terminologie zur Differenzierung der klassischen Teilstreitkräfte
Disruptive Technologien:
Technologien, welche die internationale Stabilität gefährden, weil ihr Einsatz
im Kriege schwer aufzuklären bzw. zu bekämpfen ist, die Handlungsabläufe
beschleunigt, automatisiert bzw. der menschlichen Kontrolle entzieht und den
Angreifer begünstigt. Dazu gehören zum Beispiel Cyberattacken, hybride
Taktiken, verstärkter Einsatz von künstlicher Intelligenz, Minidrohnen in
Schwärmen oder hypersonische Waffen. Die Kriegsgefahr wächst, wenn sich ein
Angreifer durch solche Technologien eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit
verspricht.
DLBO:
Digitalisierung landbasierter Operationen. Das Heereskonzept einer vernetzten
Gefechtsführung mit einem „Battlefield Management System“. Ein
Erprobungsverband wurde an der Panzertruppenschule in Munster/Örtze aufgestellt.
Eckpunktepapier: Im
Frühjahr 2021 veröffentlichtes Dokument des BMVg und Generalinspekteurs über
Herausforderungen für die Bundeswehr und strukturelle Anpassungen, die auch
einen Umbau der Teilstreitkräfte/ Organisationsbereiche vorsehen. Begriffe wie „Dimensionen“
und „Kaltstartfähigkeit“ wurden neu eingeführt.
effektiv: militärisch
wirksam
effizient: wirtschaftlich
im Sinne eines günstigen Kosten-Nutzenverhältnisses mit Einsparung von
Ressourcen, kann im militärischen Einsatz problematisch sein, wo mit Ausfällen
zu rechnen ist und dadurch die Effektivität in Frage gestellt ist.
Einberufung:
Mit
der Einberufung wird ein Bürger auf gesetzlicher Grundlage in den Status eines
Soldaten versetzt und zu einer Dienstleistung in der Bundeswehr herangezogen.
Seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 gilt dies im Frieden nur noch auf
freiwilliger Grundlage. Dies gilt auch für die Einberufung von Reservisten.
Nach Verkündung eines Verteidigungsfalles durch den Bundestag wären Einberufungen
verbindlich.
Einzelplan 14: Der
Bundeshaushalt ist gemäß dem Ressortprinzip in Einzelpläne und Kapitel
unterteilt. Entsprechend dieser Systematik wird der Verteidigungshaushalt auch
als „Einzelplan 14“ bezeichnet. Der Etat stieg von 32,4 Milliarden Euro im Jahr
2014 auf 45 Milliarden Euro im Jahr 2020. Damit kommt Deutschland dem auf dem
NATO-Gipfel in Wales beschlossenen politischen Ziel von zwei Prozent des
Bruttoinlandsprodukts ein kleines Stück näher. Im Jahr 2020 betrug dies 1,35 %.
Allerdings sind die Ausgaben für die zivile Verteidigung nicht eingerechnet,
welche zusammen mit der militärischen Verteidigung zur Gesamtverteidigung
gehört. Messlatte für die „Trendwende Finanzen“ sind die steigenden
Rüstungsinvestitionen, um den Investitionsstau der vergangenen Jahre aufzulösen
und militärische Fähigkeiten zu erhalten sowie weiterentwickeln zu können, und
ein Personalzuwachs.
Einsatzführungskommando: In
Potsdam beheimatetes Führungskommando der Bundeswehr für alle Einsätze
außerhalb der deutschen Grenze. Nach dem Eckpunktepapier ist ein Ausbau zu
einem operativen Kommando vorgesehen.
Das
Kommando wird im Oktober 2024 im neuen operativen Führungskommando der
Bundeswehr in Schwielowsee und Berlin aufgehen
Erweiterte Luftverteidigung: Umfassende
Verteidigung gegen alle Bedrohungen aus dem Luft- und Weltraum, die auch die Bekämpfung
von Drohnen und die Raketenabwehr einschließt. Eine flächendeckende
territoriale Raketenabwehr gibt es in der NATO nicht. Es gibt Überlegungen, die
seegestützte Befähigung einiger Schiffseinheiten in diesem Bereich wie die
amerikanischen Aegis-Kreuzer in den europäischen Randmeeren zu nutzen. Die Sensoren
der drei Fregatten der „Sachsen“-Klasse 124 böten da auch
Entwicklungspotential. Die Diskussion um eine Einführung des ARROW-3-Systems
aus Israel oder das europäische Projekt TWISTER gehört in diesen Zusammenhang.
Enhanced Forward Presence: Im
Rahmen der Rückversicherung der östlichen NATO-Partner in Rotation präsente
NATO-Bataillone mit verteilter Verantwortung: Polen (USA), Litauen (Deutschland),
Lettland (Kanada), Estland (Großbritannien). Außerdem bestehen
Vorbereitungsstäbe zur Aufnahme von Verstärkungen in den baltischen Staaten,
Polen, Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien
Ergänzungstruppenteile:
Neuaufstellung von nichtaktiven Einheiten nach der Auflösung fast aller Mobilmachungstruppenteile
der alten Strukturen bis 2008. Ergänzungstruppenteile gibt es vor allem im
Heer, in der Mehrheit ohne eigenes Gerät und nur zur Verbesserung der
personellen Durchhaltefähigkeit. In begrenztem Umfang auch in der SKB und
Luftwaffe. Das Fähigkeitsprofil für 2031 sieht eine Vollausstattung mit
ausgebildetem Reservisten und Gerät als einsatzfähige Reservetruppenteile für
den Aufwuchs vor.
European Skyshield: Von
Bundeskanzler Scholz angeregte Initiative zur gemeinsamen Wiederbelebung der
europäischen Bodenluftverteidigung in einem kooperativem und koordinierten
Ansatz, dem zahlreiche europäische Staaten beigetreten sind. Frankreich und
Polen blieben der Initiative fern.
F 18:
US-Marinejagdbomber, wurde ständig weiterentwickelt und nachbeschafft, war zeitweilig
Kandidat für die Nachfolge des TORNADO als (nuklearer) Jagdbomber und die
SEAD-Rolle.
F 35:
US-Mehrzweckkampfflugzeug mit hochentwickelter Elektronik und Stealthfägigkeit.
Die meisten Bündnispartner führen zu Zeit die moderne amerikanische F -35 ein,
die hinsichtlich der elektronischen Ausstattung für eine digitalisierte
Luftkriegführung sehr weit fortgeschritten ist. Sie ist allerdings wegen der
Kosten, noch fehlender Einsatzreife und der Abhängigkeit von amerikanischen
zentralisierten digitalisierten Logistikkonzepten auch umstritten. Die Maschine
verfügt über ein großes leistungsstarkes Triebwerk, das einen Nachbrenner zur
maximalen Leistung benötigt. Wegen der Reduzierung der Radarsignatur wird die
Bewaffnung in einem internenen Waffenschacht mitgeführt. Es gibt neben der
Standardversion A noch die B-Version als Senkrecht- oder Kurzstarter und die
Trägerversion B. Die Deutsche Luftwaffe wird 2026-2029 ebenfalls 35 F 35 in der
A-Version erhalten.
Fähigkeitskommandos:
Bestimmte militärische Fähigkeiten wurden seit 2000 aus den Einsatzverbänden
ausgegliedert und in zentralen Kommandos in geringerer Zahl gebündelt, um sie
bei Bedarf den Einsatzmodulen zuzuweisen (z.B. Feldjäger, ABC-Abwehr, Logistik,
Sanität). Primär zur Einsparung von Kosten und Ressourcen, mittlerweile durch
den Bedarf an „kaltstartfähigen“, schnell einsatzbereiten und breit
aufgestellten Großverbänden wieder in Frage gestellt.
Fähigkeitsprofil:
Planungspapier des BMVg, das detailliert beschreibt, welche Fähigkeiten die
Bundeswehr künftig erbringen muss und wie die Kapazitäten ausgestaltet sein
sollen. Das letzte Fähigkeitsprofil für die Planung bis 2031/2 wurde 2018 nur
in Grundzügen der Öffentlichkeit bekannt gegeben. Es sieht u.a. eine
Wiedererlangung der Verteidigungsfähigkeit mit drei voll ausgerüsteten
Heeresdivisionen, 300 Luftwaffeneinsätzen pro Tag und 25 Schiffseinheiten in
See vor. Das Fähigkeitsprofil ist eine Vorgabe des BMVg, die aber vom Bundestag
mit entsprechenden Finanzmitteln unterlegt werden muss. Eine parlamentarische
Debatte gab es m.W. nicht.
FCAS: Future Combat Air System, deutsch
– französisch - spanisches Kampf-flugzeug- und vernetztes Waffeneinsatzprojekt
zur Einführung in den 2040er Jahren.
Freiwillige
Reservistenarbeit: Angebot an alle Reservisten, auf freiwilliger
Grundlage an Veranstaltungen der militärischen Förderung oder
sicherheitspolitischen Arbeit teilzunehmen. Dieses Angebot ist unabhängig von
einer Beorderung. Der Verband der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V. ist
vom Bundestag mit der Freiwilligen Reservistenarbeit betraut und wird dabei von
Reservistenfeldwebeln der Landeskommandos unterstützt.
Freiwillig
Wehrdienstleistender (FWDL): Nach der Aussetzung der Wehrpflicht wurde mit der Bundeswehrplanung 2011
die schon vorher bestehende Möglichkeit gefördert, als Freiwillig
Wehrdienstleistender 7- 23 Monate in der Bundeswehr als Mannschaftsdienstgrad
zu dienen. Ursprünglich waren bis zu 15.000 Freiwillig Wehrdienstleistende
vorgesehen. Heute geht man von 12.500 Stellen aus. Das reale Ist bewegt sich
bei etwa 8000 - 9000. Sie gehören zum Präsenzbestand der Bundeswehr, der sich
zu Zeit um 184.000 bewegt. Deshalb sind auch Auslandseinsätze im Unterschied zu
dem neuen Freiwilligendienst im Heimatschutz möglich. Der Sold liegt mit ca.
1500 € im Niveau zwischen dem der ehemaligen Wehrpflichtigen und dem
Einstiegssold der Soldaten auf Zeit. In den ersten sechs Monaten gibt es eine
Probezeit, in der beide Seiten über eine Beendigung des Dienstes entscheiden
können. Dienstzeiten ab 24 Monaten sind
nur mit dem Status Zeit- bzw. Berufssoldat vorgesehen.
Gefecht der verbundenen
Waffen: Zusammenwirken aller Waffengattungen des Heeres in einem
Einsatz
GI: Der
Generalinspekteur ist als oberster Soldat der Bundeswehr der erste Berater der
Bundesregierung und oberster militärischer Vorgesetzter. Er trägt die
Planungsverantwortung für die Streitkräfte. Den Oberbefehl im Frieden hat
natürlich der Verteidigungsminister.
Grundbeorderung:
Verpflichtung und Einplanung von Soldaten nach ihrem Dienstende auf
Reservistendienstposten für 6 Jahre, bis zu 100.000 als Grundlage des
Aufwuchses. Auch in dieser Zeit sind Reservedienstleistungen (Wehrübungen)
freiwillig. Soldaten sollen schon während ihrer Dienstzeit auf ihre Reservedienst-posten
vorbereitet werden.
Heimatschutz: Schutz von
militärischen Objekten in Deutschland im Verteidigungs-fall, subsidiäre Rolle
im Katastrophenschutz, z.Zt. 30 Heimatschutzkompanien (eh. RSU-Kräfte), Planung
bis 2025 insg. sechs Regimenter (Bayern, NRW, Niedersachsen, Berlin,
Mecklenburg-Vorpommern, Hessen,) mit insg.40- 50 Einheiten. Neue
Personalressource durch den Freiwilligendienst im Heimatschutz mit 7 Mon.
Ausbildung, 5 Mon. Reservistendienst über 6 Jahre, ca.1000 pro Jahr .
Heimatsschutzregiment: Die Grundgliederung
umfasst eine teilaktive Ausbildungskompanie und an nicht aktiven Einheiten eine
Stabs-/Versorgungs- und eine Unterstützungskompanie (Pioniere, Drohnenabwehr
etc.), eine Sanitätsstaffel und eine wechselnde Zahl von ca. 3 bis ca. 6
Heimatschutzkompanien. Bis 2025 werden sechs Heimatschutzregimenter an
folgenden Standorten aufgestellt sein: Nr. 1 Roth (Bayern), Nr. 2 Münster, Nr.
Nienburg/Weser, Nr.4 Alt-Duvenstedt bei Rendsburg, Nr. 5. Ohrdruf (Thüringen)
und Nr. 6. Möckern / TrpnÜbPl Altengrabow. Die Heimatschutzregimenter sind
gegenwärtig in dieser Reihenfolge den Landeskommandos Bayern, NRW,
Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Hessen und ab 2025 Berlin zugeordnet.
Andere Landeskommandos führen z.Zt. Heimatschutzkompanien, die noch keinem
Heimatschutzregiment zugeordnet sind. Mutmaßlich wird die Unterstellung des
Heimatschutzes unter das Heer noch Änderungen der Führungsstruktur bedeuten.
Die Aufstellung weiterer Heimatschutzregimenter u.a. in Südwestdeutschland ist
nach 2025 zu erwarten.
HNS Host Nation Support:
Unterstützung für verbündete Streitkräfte auf dem eigenen Staatsgebiet. Für das
Transitland Deutschland als Drehscheibe der Unterstützung spielen vor allem
RSOM-Leistungen für Verstärkungskräfte eine wichtige Rolle: Reception
(Aufnahme) Staging (Unterbringung) Onward Movement (Weiterleitung).
HUSAR:
Künftige Aufklärungsdrohne als Ersatz der KZO
Hybride
Kriegführung: Einwirkungen eines Aggressors auf einen
fremden Staat und Gesellschaft mit dem Ziel der Zermürbung und Destabilisierung
vor dem eigentlichen bewaffneten Einsatz: z.B. durch offene oder verdeckte
Propaganda, Desinformation durch Medien und im Netz, Störaktionen im Cyberraum,
Aufwiegelung unzufriedener oder extremistischer Minderheiten, Geheimdienstaktionen,
Anschläge auf Personen und Objekte, Einsatz irregulärer paramilitärischer
Kräfte und von Spezialeinheiten. Als höchste Stufe der Eskalation kann der
Übergang zur offenen kriegerischen Aggression folgen.
Iris – T. Von
der Firma Diehl entwickeltes Flugabwehrraketensystem auf der Basis des
Luft-Luft-Flugkörpers IRIS in mehreren Reichweiten (Version SLS mit 15 km
Reichweite und 6 km Höhe für den Nächstbereich. Version SLM mit 20 km
Reichweite und 25 km Höhe für den Nahbereich). Eine Variante für mittlere
Entfernungen vergleichbar mit Patriot und eine Version zur Bekämpfung von
Hyperschallflugkörpern sind in Entwicklung.
Iskander: Taktisches
mobiles nuklearfähiges russisches Raketensystem im Reichweitenspektrum bis 500
km. Wird wegen der Stationierung im Raum Kaliningrad als Risiko für die
Hauptstädte Berlin, Warschau und die NATO-Unterstützung für die baltischen
Staaten gesehen.
Joint: In der NATO üblicher Standard von
teilstreitkraftübergreifenden und national gemischten Operationen mit den
Führungsgrundgebieten J-1 Personal und Verwaltung, J-2 Militärisches
Nachrichtenwesen, J-3 Führung laufender Operationen, J-4 Logistik, J-5 Planung
von Operationen, J-6 Führungsunterstützung
J-7 Ausbildung J-8 Haushalt und
Finanzen, J-9 Zivil-militärische
Zusammenarbeit. Der Generalinspekteur plant auf dieser Grundlage ein
Joint-Kommando für Landoperationen in Münster. Vor dem Hintergrund des
Joint-Denkens in Verbünden stehen die klassischen Organisationsformen in den
TSK etwas in Frage.
Joint Fire Support:
Teilstreitkraftübergreifende Kompetenz für die Leitung „indirekten Feuers“ gebündelt
bei der Heeresartillerie. Kernelement sind Joint Fire Support Teams zur
Feuerleitung und Beobachtung auf dem Radpanzer Fennek, die nicht nur
Artillerie- und Mörserfeuer leiten können, sondern auch die Bodenunterstützung
der Luftwaffe oder Marineartillerie lenken können.
Joint Support Enabling
Command: In Ulm beheimatetes mit dem Kommando Multinationale operative
Führung verbundenes NATO-Kommando, um Truppenbewegungen und
Unterstützungsleistungen für das Bündnis im europäischen Raum zu koordinieren.
Kaderung:
Gekaderte Truppenteile bestehen im Frieden nur aus ausgebildeten beorderten
Reservisten und vorgehaltener Ausrüstung und werden im Verteidigungsfall als
vollwertige Einsatztruppenteile für den Aufwuchs mobilisiert. Auch die drei für
das Fähigkeitsprofil für 2031 der NATO zugesagten Heeresdivisionen werden nicht
ohne Kaderung auskommen. Es besteht die Absicht, die schon vorhandenen
Ergänzungstruppenteile des Heeres bis 2028 zu voll ausgestatteten und
ausgebildeten Kadertruppenteilen zu entwickeln. Kaderungen gibt es auch in
geringerem Umfang in Luftwaffe, SKB und Marine. Dafür gibt es in der gesamten
Bundeswehr beorderte Reservisten zur Verstärkung vorhandener aktiver Einheiten.
Kaltstartfähigkeit: Forderung,
dass die Bundeswehr mit großen Verbänden aus ihrer Friedensstruktur schnell
reagieren kann und keine organisatorischen Maßnahmen zum Umbau erforderlich
sind, da die erforderlichen Unterstützungseinheiten, Personal und Gerät sofort
verfügbar sind. Mit dem im Rahmen des Krisenmanagements praktizierten Verfahren
nach dem Baukastenprinzip begrenzte Einsatzkontingente mit längeren
Vorbereitungszeiten zusammenzustellen sind diese Fähigkeiten zum „Kaltstart“
teilweise verloren gegangen.
Kommando Territoriale
Aufgaben: In Berlin bis 2022 beheimatetes und der SKB unterstehendes
Fähigkeitskommando, dem die Landeskommandos und Truppenübungsplätze unterstehen
und das eine zentrale Rolle bei der Koordinierung von Bundeswehreinsätzen im
Inneren (Amtshilfe, Katastrophenschutz), aber auch beim HNS spielt. Diese Kommando
wurden mit Teilen Streitkräfteunterstützungskommando zu einem
einzigen Nationalen Territorialen Führungskommando für die Bundeswehr im Inland
mit Sitz in Berlin fusioniert, das dann neben dem Einsatzführungskommando eine
zweite Führungssäule bildet . Beide Kommandos gehen 2024/25 im Operativen
Führungskommando auf.
Kombattanten:
Kämpfer, die in einer soldatenähnlichen Rolle unter einem militärischen
Kommando in einem kriegerischen Konflikt zum Einsatz kommen und das Recht
haben, Waffen einzusetzen, in Abgrenzung von zivilen Ordnungskräften wie zum
Beispiel Polizisten. Kombattanten stehen unter einem besonderen
völkerrechtlichen Schutz. Das Völkerrecht hat angesichts der Erfahrungen des
II. Weltkrieges und der Bürgerkriege nach 1945 den Kombattantenbegriff
ausgedehnt.
KI: Die
Informatik versucht durch Künstliche Intelligenz Entscheidungsabläufe des
menschlichen Gehirns in digitalen Systemen nachzuahmen. Das Niveau der KI ist
davon abhängig, inwieweit die eingegebenen Algorithmen nur menschliche
Denkabläufe imitieren („schwache KI“) oder künftig auch Lernprozesse der
Maschine möglich sind („starke KI“). KI ist nicht nur Grundlage autonomer
Waffensysteme, sondern auch notwendig für die Auswahl von Informationen in der
Datenflut von Führungsinformationssystemen zur Erstellung eines Lagebildes und
für autonomes Fahren oder Fliegen. In Deutschland ist die Kritik wegen der
reduzierten Rolle des Menschen besonders ausgeprägt. KI
kann extrem schnell viele Informationen auswerten und eine sehr schnelle
effiziente Bekämpfung organisieren. Aufgrund der zahlreichen Sensoren können
Menschen die Datenflut nicht mehr zeitnah auswerten, sondern müssen Algorithmen
entwerfen, nach denen die Maschine die Auswertung und Bekämpfung übernimmt.
Künstliche Intelligenz kann eine Reihe von Grenzen des Soldaten beim
militärischen Handeln überwinden: Angst, Ermüdung, reduzierte Agilität bei der
Informationsverarbeitung und Entscheidungsfindung. KI könnte klassische
symmetrische Kriege zwischen gleichwertigen Gegnern durch Informations- und
Handlungsüberlegenheit revolutionieren. Präventivschläge erscheinen
unter großen Handlungsdruck wegen der Schnelligkeit des Gegners unausweichlich.
Die Fähigkeiten der internationalen Akteure auf dem Gebiet der künstlichen
Intelligenz dürften sich der Rüstungskontrolle und Verifikation weitgehend
entziehen, da es sich nicht um sichtbare Systeme handelt. Wo keine Verifikation
möglich ist, gibt es auch kein Vertrauen. Die internationale
Sicherheitsarchitektur würde instabil und in einem unkontrollierbaren Wettlauf
der Rüstung ausufern.
Kinetische Waffenwirkung: Neue Terminologie,
um Waffenwirkung durch physische Zerstörung von anderen elektronischen
Wirkmitteln abzugrenzen. Kinetisch ist also die klassische Waffentechnologie
durch Rohrwaffen, Abwurfwaffen, Raketen etc.
Krise und Krieg: Terminologie mit der jener Zustand für
die Verkündigung des Verteidigungsfalls durch den Bundestag beschrieben wird,
in dem die Befugnisse der Bundeswehr erweitert werden. Krise beschreibt den
Spannungsfall vor Ausbruch von offenen Kampfhandlungen. Artikel 115a des
Grundgesetzes regelt die Erklärung des Verteidigungsfalls im Falle eines
erfolgten Angriffs (Krieg) oder eines bevorstehenden Angriffs (Spannungsfall) durch
den Bundestag und Bundesrat auf Antrag der Regierung. Wird das Bundesgebiet
bereits angegriffen und kann die Feststellung des Verteidigungsfalls nicht erfolgen
„so gilt diese Feststellung als getroffen und als zu dem Zeitpunkt verkündet,
in dem der Angriff begonnen hat“ (zit. nach Art 115a (4). Die eigentlich
brisante Frage ist demnach eher die Entscheidung über einen Verteidigungsfall,
wenn der Angriff noch nicht begonnen hat, aber bevorsteht (also im
Spannungsfall!). Das Szenario des hybriden Krieges erschwert die Definition des
Verteidigungsfalles und eine klare Trennung der Übergänge von Frieden zur Krise
und zum Krieg. Der Aggressor kann mit einer „Salamitaktik“ feindselige
Handlungen in kleinen Dosierungen abfolgen lassen, so dass die Verantwortungsträger
des angegriffenen Staates die Verkündung des Verteidigungsfalls möglicherweise nicht
durchsetzen können. Die „Erheblichkeitsschwelle“ für massivere Reaktionen, im
Extremfall gemäß Art 5 des NATO-Vertrages, unterliegt einer politischen
Bewertung.
KSK:
Kommando Spezialkräfte, untersteht der Division schnelle Kräfte. Soll in
Kampfeinsätzen für Kommandoeinsätze in kleinen Einheiten besondere Aufgaben bei
der Geiselbefreiung, Ausschaltung bestimmter Objekte und ähnliche militärische
Sonderaufgaben in Handstreichmissionen wahrnehmen können. Die Einheit ist in
Calw im Schwarzwald stationiert.
Kritische Infrastrukturen
(KRITIS): Damit sind in einer hochentwickelten arbeitsteiligen
Industriegesellschaft Einrichtungen gemeint, die eine grundlegende Bedeutung
für das Funktionieren von Staat und Gesellschaft haben oder von denen bei
Störungen besondere Gefahren ausgehen können. Besondere Gefährdungen sieht man
in der zunehmenden Abhängigkeit dieser Infrastrukturen von der
Informationstechnologie, die der Beeinflussung durch Aktivitäten von
staatlichen oder nichtstaatlichen Akteuren im Cyberraum unterliegen können.
Neben die klassischen kritischen Infrastrukturen wie Wasser- und
Stromversorgung, Verkehrswege und Kommunikationsmittel sind zum Beispiel in
neuerer Zeit Netzknotenpunkte für den Datenverkehr zu nennen. Nukleare
Einrichtungen sind natürlich von besonderer Brisanz und im klassischen Sinne
gehören zu den kritischen Infrastrukturen natürlich auch weiterhin zahlreiche
stationäre militärische Einrichtungen. Der Schutz der kritischen zivilen Infrastrukturen
wurde früher mit dem Begriff der Zivilverteidigung umschrieben, die man in
Deutschland juristisch streng von der militärischen Verteidigung trennt. Es
kursieren Zahlen über gefährdete kritische Infrastrukturen in einer Größenordnung zwischen 3000 – 4000. Von
den knapp 1500 Bundeswehr-liegenschaften könnten nach eigener Recherche ca. 400
als kritische Infrastruktur relevant sein.
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KVK/BVK: In Deutschland bestehen ca. 430 Kreis-
und Bezirksverbindungs-kommandos (aktuell 413), die mit Reserveoffizieren und
– unteroffizieren besetzt sind und bei Bedarf die zivilmilitärische
Zusammenarbeit bei Landkreisen, kreisfreien Städten und Bezirksregierungen
koordinieren. Sie ersetzen in Teilgebieten die Aufgaben der bis 1994
aufgelösten Verteidigungskreiskommandos und 2006 aufgelösten
Verteidigungsbezirkskommandos, deren Schwerpunkt aber der militärische
Heimatschutz war. |
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Landeskommando: Mit der Bundeswehrreform 2001 wurde in
jedem Bundesland, zuletzt auch in Berlin, eine Kommandobehörde eingerichtet,
die seit der Auflösung der ehemaligen Verteidigungsbezirkskommandos um 2006
für alle territorialen Aufgaben, u.a. Reservistenarbeit und zivilmilitärische
Zusammenarbeit, zuständig ist. Künftig wird der Heimatschutz eine
größere Rolle spielen. |
Logistic
Hub:
Deutscher PESCO-Beitrag zur Erbringung von logistischen Leistungen (Transport,
Umschlag, Lenkung, Lagerung) in multinationalem Rahmen, eine zentrale
Einrichtung befindet sich zurzeit in Pfungstadt. Der logistische Stützpunkt in
Pfungstadt kann von Bündnispartnern für ihre logistischen Aufgaben bei multinationalen
Einsätzen genutzt werden.
Logistikkommando: In
Erfurt beheimatetes Fähigkeitskommando das für die gesamte Bundeswehr
querschnittliche logistische Leistungen steuert und erbringt. Dazu gehören
einige mobile logistische Verbände und das Logistikzentrum in Wilhelmshaven zur
Steuerung des Materialflusses und der Führung der ortsfesten logistischen
Einheiten (Depots). Ihm untersteht auch das militärische Kraftfahrwesen. Das
Kommando untersteht der SKB, unterliegt aber auch der Diskussion um Rückkehr
von Unterstützungskomponenten in die Teilstreitkräfte und deren Verbände. Bei
einer Auflösung der SKB müsste die Zentral- und Basislogistik der Bundeswehr
neu geordnet werden. Die Teilstreitkräfte hatten allerdings immer auch in
begrenztem Umfang eigene logistische Kräfte für den Sofortbedarf oder
spezifische Aufgaben behalten (z.B. Versorgungsbataillone der Brigaden, Waffensystemunterstützungs-zentren
der Luftwaffe). Das Kommando wird 2024/5 dem neuen Unterstützungskommando der
Bundeswehr unterstellt.
Luftverteidigung: a) integrierte LV der NATO, Schutz des
NATO-Gebietes mit vernetzten Sensoren (Radar), Führungseinrichtungen und
Wirkmitteln (Flugzeuge, Flugabwehrraketen b) Nah- und Nächstbereichsflugabwehr:
Objektschutz gegen Luftbedrohung durch die Luftwaffe c) qualifizierte
Flugabwehr: improvisierte Schließung der Fähigkeitslücke bei der mobilen
Fliegerabwehr des Heeres aufgrund der Drohnenbedrohung und Auflösung der
Heeresflugabwehr. Dieser Begriff umschreibt den Wiedereinstieg in eine
Flugabwehr, welche die Einsatzkräfte des Heeres vor allem gegen Drohnen
schützen soll. Angedacht war zuerst eine Improvisation eines
Granatmaschinewerfers mit programmierbarer Munition auf Radpanzer BOXER in
Kombination mit einer Sensorstation norwegischer Herkunft. Vielversprechender ist
wohl ein Nächstbereichsschutz durch einen Waffenturm mit Schnellfeuerkanone,
ggf. in Kombination mit einem Flugkörper und Sensoren, auf dem Radpanzer BOXER ,
der von Rheinmetall als Flugabwehrpanzer SKYRANGER angeboten wird. Hinzu kommen
jetzt Planungen zu einer Beschaffung des Flugabwehraketensystems IRIS-T in zwei
Versionen (kurz,mittel). Außerdem wird das System Patriot laufend modernisiert.
Die Luftverteidigung wird sowohl im Nah- und Nächstbereich, aber auch in der
flächendeckenden Abwehr von Luftfahrzeugen und Raketen eine neue Gewichtung
erhalten und künftig in einem europäischen Rahmen als European Skyshield
realisiert.
LÜKEX: Länderübergreifende
Kriseneinsatzübungen für verschiedene Katastrophen-lagen in Regie der
Innenministerien, um die Kooperation verschiedener Handlungsträger in Politik, Behörden,
Wirtschaft und Bundeswehr zu erproben.
|
Mannschaften:
Soldaten
unterhalb des Dienstgrades Unteroffizier, in der Regel im Rang eines
Gefreiten. Das Spektrum reichte bisher bis zum Oberstabsgefreiten. Neuerdings
sind auch zwei Korporalsränge vorgesehen. Der Anteil der M. beträgt in der Bundeswehr nur noch 30% („Viele
Häuptlinge, wenige Indianer“)! |
|
Militärische
Förderung: Eine der Säulen
der Freiwilligen Reservistenarbeit mit zahlreichen militärischen Aktivitäten
und Ausbildungen. Die andere Säule ist die Sicherheitspolitik und
Öffentlichkeitsarbeit. Militärische Förderung kann zum Beispiel Schießen mit
Handwaffen, Ausbildung an militärischem Gerät, Übungen im Gelände, Märsche,
Themen wie Fernmeldedienst, Beobachten und Melden, Ersthilfe,
Kampfmittelkunde, Verhalten im Einsatz etc. umfassen. |
Militärischer Abschirmdienst –
MAD:
Deutscher Nachrichtendienst im Geschäftsbereich des BMVg zur
Informationssammlung und –auswertung im Inland und ausnahmsweise im Ausland zu
Zwecken der Spionage- und Sabotageabwehr und der Terrorismus- und
Extremismusabwehr. Der MAD ist zuständig, wenn die Gefährdungen von
Bundeswehrangehörigen ausgehen und gegen die Bundeswehr gerichtet sind. Der MAD
führt personenbezogene Sicherheitsüberprüfungen durch. Außerhalb der Bundeswehr
werden diese Aufgaben von den Behörden für Verfassungsschutz wahrgenommen.
Nationaler Sicherheitsrat: Von
vielen Sicherheitsexperten geforderte ressortübergreifende Einrichtung zur
Krisenbewältigung, die jederzeit zur Bewältigung von Krisen im Kanzleramt
zusammentreten kann und die Informationen und Maßnahmen vieler staatlicher
Einrichtungen koordinieren kann. Wird gegenwärtig noch von vielen politischen
Mandatsträgern in der föderalen Ordnung abgelehnt, da sie eine Konzentration
des Krisenmanagements nicht wünschen.
Nutzungsdauerverlängerung:
Maßnahmen, um ein älteres Waffensystem noch länger nutzen zu können. Bei einer
Kampfwertsteigerung werden auch die Leistungs-fähigkeit und Fähigkeiten eines
Systems erhöht. Durch eine NDV wird z.B. die Verwendung der Kampfflugzeuge
Tornado bis in den Zeitraum 2030-2035 verlängert. NDV sind erforderlich, um die
Versorgbarkeit älterer Systeme zu erhalten, weil Ersatzteile für die
Ursprungsversionen nicht mehr lieferbar sind.
|
nicht
aktiv: Nicht aktive
Truppenteile bestehen fast nur aus Reservisten. In früheren Strukturen
verfügten sie auch über eigenes Gerät, das gelagert und gewartet wurde. Dies
ist meist nicht mehr der Fall, wird aber wieder angestrebt. |
NRF:
NATO-Response Force. Eingreifkräfte, die für eine schnelle Reaktion von den
Teilnehmerstaaten bereitgestellt werden. Es gibt dafür als Zielmarke die Formel
von 4x30, d.h.in 30 Tagen, 30 Bataillone, 30 Flugzeugstaffeln und 30
Kriegsschiffe für die Bündnisverteidigung verfügbar zu machen. Aus der NRF
wurde 2022 das NATO-New Force Model, das künftig bis zu 300.000
Soldaten, davon 30.000 Deutsche als Reaktionskraft binnen 30 Tagen verfügbar
machen soll.
Nukleare Teilhabe:
Beteiligung von NATO-Partnern an der nuklearen Abschreckung durch
Bereitstellung von Trägermitteln für nukleare Gefechtsköpfe in US-Gewahrsam.
Die Bundeswehr ist mit dem Taktischen Luftwaffengeschwader 33 in Büchel daran
beteiligt. Eine offizielle Bestätigung gibt es für solche Informationen
grundsätzlich nicht, Der im Laufe des Jahrzehnts notwendige Ersatz des
Tornado-Jagdbombers ist mit der in der deutschen politischen Landschaft
umstrittenen Frage der nuklearen Teilhabe verknüpft und erfordert Entscheidungen
nach der Bundestagswahl 2021. Die Partnerstaaten ohne eigene Atomwaffen
versprechen sich von der nuklearen Teilhabe eine nukleare Mitsprache. Die neue
Koalitionsregierung bestätigte die deutsche Rolle.
Offene Systemarchitektur:
Auslegung eines Waffensystemverbundes für die Einbindung verschiedener
Subsysteme. So soll das Taktische Luftverteidigungs-system verschiedene
Sensoren und Effektoren einbinden können. Zum Beispiel sollen auch „billigere“
Flugkörper damit zum Einsatz gebracht werden können, wenn die
Kosten-Nutzen-Relation es bei weniger hochwertigen Luftzielen gebietet.
Operative Leitlinien
Landoperationen: Eine 2021 vom Heeresinspekteur erlassene
vorläufige Weisung über die künftige operative Ausrichtung des Heeres. Sie
unterscheidet zwischen schweren, mittleren und leichten Kräften.
Operatives
Führungskommando der Bundeswehr : Die Struktur-entscheidungen vom Frühjahr 2024
sehen ein einziges Führungskommando vor. Es wird in Schwielowsee bei Potsdam
und in Berlin beheimatet sein und soll über 1400 Dienstposten verfügen. Durch
die Fusion des Einsatzführungs- und Territorialen Kommandos würden 400 Posten
eingespart. Die Indienststellung ist für Oktober 2024 vorgesehen.
Operationsplan Deutschland: Im Frühjahr
2024 vorgelegter Planentwurf des Territorialen Führungskommandos, der die
Maßnahmen zur Herstellung der Verteidigungsfähigkeit auf dem Boden Deutschlands
formuliert. Das umfasst den Heimatschutz, die Unterstützung der Bundeswehr und
alliierten Kräfte und Versorgung der Bevölkerung. Dazu sind viele Maßnahmen mit
zivilen Stellen und Hilfsorganisationen abzustimmen. Zu den großen
Problembereichen gehören die Sicherstellung der Truppenbewegungen der NATO in
der Drehscheibe Deutschlands, das hybride Kriegsbild in den Grauzonen zwischen
Krieg und Frieden mit besonderen Herausforderungen im Cyber- und
Informationsraum und der Schutz wichtiger militärischer und ziviler
Einrichtungen.
Org-Bereich:
Organisationsbereiche Streitkräftebasis, Zentraler Sanitätsdienst, Kommando
Cyberinformationsraum neben den Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe, Marine.
Paradigmenwechsel: grundsätzliche
Neuorientierung
PATRIOT:
Flugabwehrraketensystem aus den USA, seit 1989 bei der Bundeswehr. Wurde
mehrfach modifiziert und in begrenztem Umfang und mit limitierter
Flugkörperzahl auch für die Raketenabwehr modernisiert. Wenn die Einführung des
TLVS unterbleibt, sind weitere Nutzungsdauerverlängerungen und Kampfwert-steigerungen
erforderlich.
PEGASUS:
Projekt zur Wiedergewinnung der Fähigkeit zur weiträumigen fliegenden
elektronischen Aufklärung (SIGINT) durch Einrüstung der fertig entwickelten
Ausstattung ISIS in Flugzeugen des Typs GLOBAL 6000 nach dem Scheitern der
Drohnenprojekte Eurohawk und Triton.
PESCO: Die EU
will im Rahmen der gemeinsamen
strukturierten Zusammenarbeit eine Summe neuer Kooperationsvorhaben
unter dem Dach von PESCO auf den
Weg bringen und einen europäischen
Verteidigungsfond begründen. Dabei handelt es sich nur zum Teil um
Systeme zur Waffenwirkung, sondern mehr zur Steigerung von
Unterstützungsleistungen, vor allem für die Logistik und Führungsunterstützung.
Hier ist großer Entwicklungsbedarf bei der Kooperation.
Planungsstab: Auf
den ehemaligen Verteidigungsminister Schmidt zurückgehendes und 2011 bei der
de-Maiziére-Reform wiederaufgelöste zentrale Koordinierungsstelle des
Ministeriums. Die Forderung nach einem Planungsstab für die Führung des BMVg
muss abgegrenzt werden von einer ähnlichen Forderung für einen eigenen
Führungsstab für den Generalinspekteur.
postheroische Gesellschaft: Der
Begriff geht auf den Sozialwissenschaftler Herfried Münkler zurück und bezieht
sich auf eine Gesellschaft, die nicht mehr bereit ist, viele Opfer für
militärische Einsätze in Kauf zu nehmen und die deshalb strukturell nicht mehr
kriegsfähig ist. Einen Grund sieht Münkler in der geringeren Kinderzahl von
Familien, die in ihre Nachkommen emotional und materiell sehr viel investieren.
Manche Sozialwissenschaftler und Historiker sehen einen Zusammenhang zwischen
der großen Zahl von unbeschäftigten jungen Männern in wachsenden Bevölkerungen mit
der Bereitschaft zu Krieg und Gewalt und Orientierung an den Werten einer
„heroischen Gesellschaft“.
Qualifizierte Flugabwehr: Dieser
Begriff umschreibt den Wiedereinstieg in eine Flugabwehr, welche die
Einsatzkräfte des Heeres vor allem gegen Drohnen schützen soll und für die
NATO-Eingreifbrigade VJTF 2023 zur Verfügung stehen soll. Es handelt sich um
eine Improvisation mit Waffenstationen des Granatwerfers 40 mm auf BOXER mit
entsprechenden Sensoren und programmierbarer Munition. Außerdem ist eine
Version des Waffenturms für die Schnellfeuerkanone und Sensoren des System MANTIS
auf dem Radpanzer BOXER in Erprobung. Diese Improvisationen dürften nach der Entscheidung zur Wiederaufstellung
einer Heeresflugabwehrtruppe in Lüneburg mit den Systemen IRIS-T-SLS und
SKYRANGER auf solidere Grundlagen gestellt werden.
Rahmennation (Lead Nation): In
der NATO offizielles und maßgeblich von Deutschland betriebenes Vorhaben, bei
dem die großen Nationen als Lead Nation mit ihren umfangreicheren, aber auch
nicht mehr kompletten Streitkräften Andockmöglichkeiten für die kleineren
Staaten bieten und diese sich mit ihren verbliebenen Fähigkeiten einbringen.
Diese können u.a. auch Spezialfähigkeiten sein. Ein besonders ausgeprägtes
Beispiel ist die deutsch-niederländische Kooperation, bei der die noch
verbliebenen niederländischen Heereskräfte dem deutschen Heer unterstellt
wurden und umgekehrt kleine amphibische Kräfte der Marine und die Reste der
Nahbereichsflugabwehr der Luftwaffe bei niederländischen Kommandos eingebunden
wurden.
Redundanz:
Erhaltung der Gefechtsfähigkeit nach dem Ausfall von Teilen eines Waffensystems,
von Truppenteilen oder Infrastruktur, weil deren Fähigkeiten mehrfach vorhanden
sind, z.B. Verteilung von Ausrüstung und Munition auf viele Depots in der
Fläche oder Aufrechterhaltung von gleichen militärischen Fähigkeiten in einer
größeren Zahl von Einheiten an verschiedenen Orten. Redundanzen gingen in hohem
Maße durch Bündelung in Fähigkeitskommandos verloren. So gibt es z.B. nur noch
ein Bataillon zum Bau von Schwimmbrücken, eine Kompanie der Pipelinepioniere
und eine Batterie mit leichten Flugabwehrpanzern.
Reserve 2025 – Schutz und
Sicherung Inland: Konzept zum Heimatschutz, das nicht nur den
Ausbau der Heimatschutzregimenter und eigenen Objektschutzkräfte der
Teilstreitkräfte/ Organisationsbereich vorsieht, sondern auch den stationären
Objektschutz im Standortbereich, also das Grundprinzip der Eigensicherung
reaktivieren will.
Resilienz:
Synonym für „Widerstandsfähigkeit“. Die Resilienz einer Gesellschaft gegenüber
Störungen, Katastrophen und Aggression war wichtiges Thema des vom BMVg
formulierten Weißbuches 2016 und wurde durch die Corona-Pandemie akut.
Rekonstitution: Mit
diesem Begriff wurde die Wiederherstellung der Fähigkeit zur Landesverteidigung
in einem Zeitraum von ca. 10 Jahren nach dem Paradigmenwechsel der
verteidigungspolitischen Richtlinien von 2003 bezeichnet. Angesichts der
absoluten Priorität der Krisenreaktion sollten für die R. keine strukturellen Vorbereitungen
getroffen werden. Diese Einschätzung ist spätestens seit dem NATO-Gipfel von
Wales 2014 überholt.
relevant: Neben
"resilient" sind "relevant" bzw. "Relevanz" zu
Modewörtern der sicherheitspolitischen Diskussion geworden. Wenn davon die Rede
ist, dass Deutschland oder die NATO in der internationalen
Sicherheitsarchitektur relevant bleiben müssen, geht es darum, dass das
politische Gewicht erhalten bleiben muss und nicht von der Zeit überholt wird.
Wer relevant ist, hat in der Politik noch ein Wörtchen mitzureden und man kommt
an ihm nicht vorbei. Relevanz bedeutet hier die Fähigkeit zur Mitgestaltung, in
die man aber auch investieren muss.
Reservedienstleistende:
Bürger, die nach ihrer Dienstzeit später noch als Soldaten, auf freiwilliger
Basis für einen befristeten Zeitraum Dienst tun, um im Spannungs- und
Verteidigungsfall die Bundeswehr mit qualifiziertem Personal aufwachsen lassen
zu können. Zurzeit sind in der Friedensstärke 4500 Dienstposten für aktuell
dienende RDL eingeplant (Wehrübungsplätze). Es gibt nun auch die Möglichkeit,
Ungediente ohne Vordienstzeiten als Spezialisten oder nach
Wochenendausbildungen für die Reserve zu gewinnen.
Rüstungsbericht: Jährliche
Information des Generalinspekteurs über den Sachstand der Einsatzbereitschaft
der Ausrüstung soweit Geheimhaltung es zulässt.
Rüstungskontrolle: Durch zahlreiche Abkommen wurde während und nach dem
Ost-West-Konflikt in unterschiedlichen Phasen der Versuch unternommen, eine
Eskalation des Wettrüstens, vor allem der nuklearen Gefahren, zu verhindern.
Rüstungskontrolle ist stark von der Interessenlage und den politischen
Beziehungen der teilnehmenden Mächte, der technologischen Entwicklung und den
Veränderungen im internationalen Kräftefeld abhängig. Staaten, die an der
Rüstungskontrolle ursprünglich nicht beteiligt waren, schaffen oft neue
Tatsachen, die den ursprünglichen Inhalt und Geist der Abkommen in Frage
stellen. Genannt seien hier China, der Iran, Nordkorea, Indien, Pakistan, aber
auch Israel. Die Motivation der Teilnehmerstaaten ist auch von innenpolitischen
Entwicklungen abhängig. Rüstungskontrolle muss durch vereinbarte Kontroll- und
Konsultationsmechanismen „implementiert“ (umgesetzt) und
„verifiziert“(überwacht) werden. Verträge müssen von den Parlamenten
ratifiziert werden, haben nur begrenzte Laufzeiten und bedürfen dann neuer
Bestätigung oder Anpassung. Scheitert die Unterzeichnung oder Ratifizierung,
bleibt es den Regierungen unbenommen, sich dennoch gemäß den Vereinbarungen zu
verhalten, ohne dazu völkerrechtlich verpflichtet zu sein.
Rüstungskontrollabkommen ohne Anspruch auf Vollständigkeit: nuklearer
Teststopp, Nichtverbreitungsvertrag, KSE-Vertrag, Offener Himmel (Open Skies),
START I-II, ABM-Vertrag, INF-Abkommen, Weltraumvertrag… . In der Bundeswehr ist
die militärische Expertise für Rüstungskontrolle in dem Zentrum für
Verifikation (Überwachung) in Geilenkirchen planerisch abgebildet.
SAR: Search and Rescue,
Such- und Luftrettungsdienst der vom Heeresfliegerregiment 30 (Niederstetten)
und dem Marinefliegerkommando mit Stationen in Niederstetten, Holzdorf,
Nörvenich, Warnemünde, Borkum und Helgoland betrieben wird.
SAR Lupe: Sechs
Aufklärungssatelliten der Bundeswehr auf Radarbasis in Kooperation mit
Frankreich, das Bildsatelliten betreibt
SatCom Bw:
satellitengestütztes Kommunikationsystem der Bundeswehr mit eigenen Satelliten
und Bodenstationen bzw. mobilen Empfangs- und Sendestationen für die Truppe
SASPF: Abkürzung für Standard Anwendungs
Software Produkt Familien. Eine Datenverarbeitungsplattform, um eine
einheitliche IT-Unterstützung für die logistischen und administrativen Prozesse
der Bundeswehr zu schaffen und damit eine Vielzahl von Systemen in Nutzung
(SinN) abzulösen, die sich im Laufe der Jahre zu teilweise unwirtschaftlichen
oder technisch veralteten Insellösungen entwickelt haben.
SEAD: Suppression
Enemy Air Defence, Niederhalten der gegnerischen Flugabwehr mit elektronischen
Maßnahmen und Luft-Boden-Raketen HARM. In der Luftwaffe gibt es eine Staffel
mit ECR-Tornados für diesen Auftrag auf dem Fliegerhorst Jagel.
Sensoren und Effektoren: Mit
diesen Oberbegriffen wird der Zusammenhang zwischen Systemen zur Entdeckung,
Identifizierung und Verfolgung von Zielen (Sensoren) und den eigentlichen
Waffen oder Wirkmitteln (z.B. Stör- und Täuschmittel) zu ihrer Bekämpfung
beschrieben. Häufig sind Sensoren und Effektoren in einem System baulich
integriert, z.B. ein Kampfpanzer mit Beobachtungsoptiken, Feuerleitrechnern und
der Kanone.
SKB:
Streitkräftebasis, nach 2000 gegründeter Organisationsbereich um
Querschnittsaufgaben für die Streitkräfte zu erbringen und die knappen
Ressourcen zu bündeln. Dafür mussten die Teilstreitkräfte Komponenten ihrer
Einsatzunterstützung abgeben (u.a. Teile der Logistik, Führungsunterstützung,
strategischen Aufklärung. ABC - Abwehr). Die SKB übernahm auch die
territorialen Aufgaben vom Heer und ihr Inspekteur wurde oberster nationaler
Befehlshaber. Mit der Gründung des Organisationsbereiches CIR 2017 und der
vorgesehenen Rückkehr des Feldjägerwesens, der ABC-Abwehr und des Zentrums
zivilmilitärische Zusammenarbeit in das Heer und der Aufstellung eines eigenen
nationalen territorialen Führungskommandos ist eine erhebliche Reduzierung
verbunden und die SKB steht zur Diskussion. Wegen der zunehmenden Bedeutung der
Landes-/Bündnis-verteidigung erscheint die Rückkehr vieler Einheiten der
Einsatzunterstützung und Sanität in die Teilstreitkräfte notwendig, da die
zeitaufwändigen Verfahren der Zusammenstellung von Modulen für Kriseneinsätze
für die Operationen von Großverbänden nicht mehr ausreichen. Die SKB wird
2024/5 dem neuen Unterstützungskommando der Bundeswehr unterstellt.
SSC-8:
Landgestützter russischer Marschflugkörper, bei dem eine Reichweite von über
2000 km vermutet wird und der gegen das INF-Abkommen von 1987 zur Beseitigung
der Mittelstreckenwaffen verstößt. Die USA und Russland haben das Abkommen
mittlerweile verlassen.
Standortälteste:
Vom
Kommando Territoriale Aufgaben und den Landeskommandos bestimmte
Truppenkommandeure, die für ihren Standort und einem dazugehörenden lokalen Bereich
für die Sicherheit der militärischen Liegenschaften, Ordnungsaufgaben und
zivilmilitärische Zusammenarbeit als Nebenaufgabe zuständig sind. Sie decken
damit Aufgaben ab, die bis 1994 von eigenen lokalen territorialen
Kommandobehörden, den Verteidigungskreiskommandos, wahrgenommen wurden.
Möglicherweise ließe sich diese Rolle für die lokale territoriale Verteidigung
durch Stärkung der Standortältesten mit Reserveoffizieren im Verteidigungsfall nutzen.
sTH: Schwerer
Transporthubschrauber als Nachfolger der CH 53 G, zwei US-Modelle zur Auswahl:
Boeing Chinook und Sikorsky Sea Stallion. Eine erste Ausschreibung wurde
zurückgezogen und eine Entscheidung vertagt. 2022 zeichnet sich eine
Beschaffung von 60 Chinook ab.
STEALTH:
Konstruktive Bemühungen, die Radarsignatur von Flugzeugen und Schiffen zu
reduzieren, um die Bekämpfung zu erschweren. Stealth-Entwürfe stehen in einem
ständigen Wettlauf mit der Radartechnologie, die eine dauerhafte Unsichtbarkeit
unwahrscheinlich macht (Passivradarortung). Das US-Kampfflugzeug F 35 wurde
nach Stealth-Gesichtspunkten konzipiert.
strategisch: Militärische
Entscheidungen, Operationen und Waffensysteme, die das gesamte Territorium und
Potential der Konfliktgegner einbeziehen.
strukturierte Zusammenarbeit: Ein
seit dem Vertrag von Lissabon 2009 in der EU mögliches Vorgehen von Staaten zu
erhöhter Zusammenarbeit, ohne dass alle anderen Mitgliedsstaaten auch dazu
verpflichtet sind. Diese Kooperation der „Willigen“ ist zum Beispiel für die
militärischen Aktivitäten der EU von großer Bedeutung
taktisch: Militärische
Entscheidungen, Operationen und Waffensysteme, die nur das unmittelbare
Geschehen auf dem Gefechtsfeld betreffen. Die Trennung taktisch und strategisch
ist bei Nuklearwaffen wegen der verheerenden Auswirkungen fragwürdig. Bei
Krisenstabilisierungsoperationen kann auch die Fehlentscheidung eines einzelnen
taktischen Führers strategische Auswirkungen haben, wenn die Stimmung im ganzen
Lande dadurch kippt.
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Teilstreitkräfte und
Organisationsbereiche:
Neben die klassischen Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine traten in
dem Umbauprozess der letzten beiden Jahrzehnte die Organisationsbereiche
Streitkräftebasis, Zentraler Sanitätsdienst und zuletzt das Kommando
Cyberinformationsraum. Dies bedeutete eine organisatorische Umverteilung der
Aufgaben, aber keine quantitative Aufstockung. Die Streitkräftebasis mit dem Streitkräfteunterstützungskommando in
Bonn bündelt eine Reihe von teilstreitkraftgemeinsamen Aufgaben im
Grundbetrieb und Einsatz (z.B. Logistik, Feldjäger, ABC-Abwehr,
Truppenübungsplätze, Kraftfahrwesen) Ab einer bestimmten Alarmierungsstufe
hat im Katastrophenfall die SKB Zugriff auf Truppen der anderen
Teilstreitkräfte. Den Oberbefehl im Frieden hat natürlich der
Verteidigungsminister und als höchster Soldat der Bundeswehr und oberster
militärischer Vorgesetzter fungiert der Generalinspekteur. SKB und ZSanBw
werden 2024/5 dem neuen Unterstützungskommando der Bundeswehr unterstellt. Territoriale Aufgaben:
Dazu gehören eine Vielzahl von Unterstützungsleistungen auf deutschem
Territorium für die Wahrnehmung des Verteidigungsauftrages der Bundeswehr und
Partnerstreitkräfte und für den Grundbetrieb der Bundeswehr: Heimatschutz,
Katastrophenhilfe, Zivilmilitärische Zusammenarbeit, Reservistenarbeit,
militärischer Ordnungsdienst, Truppenübungsplätze etc. Zuständig ist seit
Oktober 2022 das Territoriale Führungskommando in Berlin, welches das
vorherige Kommando territoriale Aufgaben ablöst. Künftig untersteht die territoriale
Verteidigung dem Operativen Fühungskommando. Territoriales Führungskommando: Seit
Oktober 2022 wächst in Berlin das Nationale Territoriale Führungskommando auf,
das an die Stelle des Kommandos Territoriale Aufgaben tritt und auch
territoriale Aufgaben des Streitkräfteunter-stützungskommandos übernimmt.
Sein Kommandeur ist nun auch Oberster Nationaler Befehlshaber. Das neue
Kommando, das aus der Substanz des ehemaligen Kommandos Territoriale Aufgaben
und Teilen des Streitkräfte-unterstützungskommandos der SKB aufgebaut wird,
nimmt zentrale Führungs--aufgaben bei allen Einsätzen der Bundeswehr im
eigenen Land wahr. Das betrifft auch Unterstützungsleistungen für Einsätze
außerhalb Deutschlands im gesamten Spektrum. Das Kommando ist nicht nur für
Heimatschutz oder Amtshilfe im Katastrophenschutz verantwortlich, sondern
koordiniert auch Truppenbewegungen und Unterstützungsleistungen für das
Bündnis auf deutschen Boden. Diese werden im Operationsplan Deutschland
ausgearbeitet. Eine besondere Rolle spielt das Kommando für die
Gesamtverteidigung, bei der sich militärische und zivile Komponenten
überschneiden. Ihm unterstehen die Landeskommandos, das Multinationale
Kommando Operative Führung (Ulm) inkl. dt. Anteil JSEC, Truppen- übungplätze,
Zentrum ZMZ, das Wachbataillon und Sportfördergruppen. Das Kommando untersteht wie das
Einsatzführungskommando direkt dem Generalinspekteur. Das Kommando wird im
Oktober 2024 im neuen operativen Führungskommando der Bundeswehr in
Schwielowsee und Berlin aufgehen. |
Territoriale
Reserve: Beorderte
Reservisten für 31 Bezirks- und 404 Kreisverbindungskommandos und 37 (geplant
42) Heimatschutzkompanien. Größenordnung der Territorialen Reserve: ca. 8000 –
10.000. Geplant ist die Aufstockung des Heimatschutzes auf sechs Landesregimenter
(Bayern, Hessen, Berlin, NRW, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen) mit bis zu 50
Organisationseinheiten (u.a. 37/42 Heimatschutzkompanien plus Unterstützungs-
und Stabs /Versorgungs-kompanien). Der Heimatschutz wird künftig dem Heer
unterstehen.
TLVS:
Taktisches Luftverteidigungssystem, ursprgl. geplanter Ersatz für PATRIOT.
Wurde schon vor der Zeitwende eingestellt.
TWISTER: „Timely Warning and Interception with Space-based Theater
surveillance“. Im Rahmen der europäischen Rüstungskooperation PESCO unter
Führung Frankreichs betriebenes Luftverteidigungsprojekt
zur Erkennung und Abwehr von Flugkörpern mit weltraumgestützter
Überwachung. TWISTER soll ballistische Raketen
mittlerer Reichweite, Über- und Hyperschall-Marschflugkörper,
Hyperschall-Gleiter und künftige Kampfflugzeuge abwehren und dabei vorhandene
und künftige Land- und Marin[E1] esysteme einbinden. Realistischer dürfte vorerst die
Beschaffung des israelisch-amerikanischen Systems Arrow 3 sein.
UAV: Unmanned Aerial
Vehicle (Unbemannte Luftfahrzeuge), die Fachbezeichnung für den gebräuchlicheren
Begriff Drohnen. Unbemannte Luftfahrzeuge waren bei der Bundeswehr schon seit
den siebziger Jahren im Einsatz. Es begann mit der Aufklärungsdrohne CL89, die
in der Artillerie zur Aufklärung gegnerischer Ziele in größerer Tiefe des
Raumes eingesetzt wurde, und zur Verbesserung des Lagebilds beitrugen. Ihr
Nachfolger, die CL 289, wurde durch die Einsätze in den Balkanmissionen bei der
Aufklärung von Deportationen und Mordaktionen bekannt. Die CL 289 wurde durch
ein breiteres Spektrum von Aufklärungsdrohnen verschiedener Größenordnungen
ersetzt, das vom Kleinflugkörper für die kleine Infanteriegruppe und das
Aufklärungsfahrzeug vor Ort bis zur Überwachung und Zielaufklärung des gesamten
Einsatzgebietes eines Großverbandes reicht (ALADIN, MIKADO, LUNA, KZO). Diese
Systeme tragen zur Aufklärung mit Luftbildern bei. Der Ersatz der KZO bei der
Artillerie- und Heeresaufklärungstruppe durch HUSAR (hocheffizientes
unbemanntes System zur Aufklärung mittlerer Reichweite) steht bevor. Ursprüngliche
Konzepte mit vorprogrammierten Flugbahnen und klassischer Luftbildauswertung
nach Rückkehr sind durch die fortgeschrittene digitalisierte Kommunikationstechnologie
unter Einbeziehung von Satelliten zu ferngelenkten Drohnen weiterentwickelt
worden, deren Bediener sich gar nicht mehr im Einsatzgebiet befinden müssen,
sondern sich auch auf einer Heimatbasis befinden können. Aufklärungsbilder
können in Echtzeit übermittelt werden, so dass der Schritt zur Kombination von
Aufklärungs- und Waffeneinsatz nicht mehr weit war. Drohnen können sich sehr
viel länger und kostengünstiger als Flugzeuge über dem Kampfgebiet aufhalten,
es überwachen und bei Bedarf ohne Zeitverzug mit gelenkten Flugkörpern Ziele
bekämpfen. Mit ganzen Drohnenschwärmen sollen viele Ziele in einem intensiven
Gefecht gleichzeitig in großer Zahl bekämpft werden mit autonomer Auslösung.
Das ehemalige Heeresprojekt der Kampfdrohne TAIFUN, die in großer Zahl in den
Luftraum entlang der Vormarschstraßen einfliegen und auf erkannte Panzerziele
automatisch (autonom!) Wirkkörper abfeuern sollte (Suchzündermunition), ist kaum
noch bekannt, da es in den 90er Jahren abgebrochen wurde. Bewaffnete Drohnen
sind heute internationaler militärischer Standard, auch wenn die öffentliche
Meinung in Deutschland auf die umstrittenen US-Drohneneinsätze fixiert ist. Einsatzfähigkeiten
mit bewaffneten Drohnen sind bisher in Deutschland aufgrund politischer
Widerstände nicht realisiert worden, sind aber mit dem Umdenken in der
Zeitenwende durch Bewaffnung der HERON und künftigen EURODROHNE vorgesehen.
Unterstützungsbereich Bundeswehr: Im Frühjahr
2024 wurde entschieden, die SKB und den zentralen Sanitätsdienst als
eigenständige Organisationsbereiche aufzulösen und in einen zentralen
Unterstützungsbereich der Bundeswehr einzugliedern. Die geplanten
Ausgliederungen der ABC-Abwehr, Feldjäger und ZMZ an das Heer erfolgen nicht!
Allerdings werden die Heimatschutzkräfte der territorialen Verteidigung dem
Heer zugeordnet. Das Kommando CIR wird zur vierten Teilstreitkraft aufgewertet.
Das Unterstützungskommando wird in Bonn beheimatet
sein und ist mit 600 Dienstposten geplant. Volle Einsatzbereitschaft soll im
April 2025 erstellt sein.
Zum Unterstützungskommando wird auch ein eigenes
Fachkommando für die Gesundheitsversorgung Bw in Koblenz mit 500 Dienstposten
gehören.
Dem Unterstützungskommando werden unterstehen:
-Sanitätsdienst der Bundeswehr
-Logistikkommando
-ABC-Abwehrkommando
-Feldjägerkommando
-ZMZ
-Truppenübungsplätze
-Planungsamt der Bundeswehr
-Streitkräfteamt
-Deutsche militörische Vertreter
-Joint Support and Enabling Command
-Multinationales Kommando Operationsführung
UTF: Ungeschütztes
Transportfahrzeug, neue LKW 5t gl und 15 t gl als Ersatz der geländegängigen
KFZ-Nachfolgegeneration der 70er Jahre, Schutzmodule können adaptiert werden. GL
ist die gebräuchliche Abkürzung für geländegängig. Mit gl werden in der Regel
Radfahrzeuge bezeichnet, die auch schwieriges Gelände bewältigen und
Kettenfahrzeugen folgen können. Auch die viel zahlreicheren, meist aus
handelsüblichen Entwicklungen abgeleiteten LKW der Bundeswehr haben durch
Allradantrieb und größere Bodenfreiheit eine begrenzte Geländetauglichkeit.
Vernetzte
operative Gefechtsführung: Eine
vernetzte Gefechtsführung soll knapp bemessene Kräfte durch Aufklärungs- und
Führungsüberlegenheit zu optimalem Waffeneinsatz und Gefechtserfolg befähigen.
Eine umfassende Aufklärung und überlegene Führung soll den Waffeneinsatz der
verschiedenen kommunikativ vernetzten Systeme koordinieren und die
Zielbekämpfung dem System zuweisen, dass lageabhängig den größten Erfolg
verspricht. Panzerziele könnten dann zum Beispiel sowohl einem
Artilleriegeschütz als auch einem Kampfpanzer, einem Luftfahrzeug oder einem
Panzerabwehrlenktrupp zugewiesen werden. Im Konzept der Digitalisierung
landbasierter Operationen (DLBO) wäre die Verteidigung nicht mehr allein in der
Verantwortung einer einzigen Einheit, die in einem begrenzten Raum ihren
Kampfauftrag wahrnimmt. Grundvoraussetzung ist ein Aufklärungsverbund aller
Kräfte im Heer und anderer Teilstreitkräfte, die Informationen über den Gegner
sammeln, ein zur Informationsübermittlung leistungsfähiges, mobiles und
redundantes Fernmeldenetz, ein mit KI beschleunigtes Führungsinformationssystem
in Stäben, welches die Aufklärungsdaten bewertet und die Bekämpfung den „Effektoren“
(„Wirkmitteln“ =Waffensystemen) zuweist. Qualität geht hier vor Quantität. Ein
neueres Beispiel ist der Beitrag der Artillerie im Rahmen ihres
teilstreitkräfteübergreifenden Konzepts für indirektes Feuer mit vernetzten
Artilleriebeobachtern auf dem Radpanzer Fennek (joint fire support teams), die
sowohl das Feuer Boden-Boden (Heer, Marine) als auch Luft-Boden (Heeresflieger,
Luftwaffe) leiten können. Auch die Luftwaffe plant im Rahmen des AIRSURFACE-Konzepts
einen vernetzten Teilbeitrag zur Bodenkriegführung. Das künftige
FCAS-Kampfflugzeugprojekt soll ein umfassendes Konzept der Vernetzung aller
Befähigungen der Luftkriegführung in einer sogenannten „Combat Cloud“
realisieren.
Vorläufige operative
Leitlinien des Heeres: 2021 vom Heeresinspekteur erlassenes
Dokument zur Zukunftsausrichtung der Landstreitkräfte. Von besonderer Bedeutung
sind die Digitalisierung landbasierter Operationen (DLBO) und die
Differenzierung zwischen präsenten und reaktionsschnellen schweren, mittleren
und leichten Kräften des Heeres.
VJTF: Very High Readiness Joint Task Force,
schnelle Eingreifbrigade der NATO, 2019 und 2023 in deutscher Verantwortung mit
dem Planziel voll ausgestatteter deutscher Einheiten unabhängig von Leihabgaben
aus der ganzen Bundeswehr.
Weltraumkommando: 2021 in Uedem beim operativen
Führungszentrum der Luftwaffe aus dem Weltraumlagezentrum hervorgegangene
Kommandoeinrichtung zur Beobachtung eigener und fremder Aktivitäten im Weltraum
mit eigenen Radareinrichtungen und Teleskopen. Das Kommando kooperiert mit dem
Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und der Farunhofer Gesellschaft. Das
Kommando kann passive Schutzmaßnahmen und Ausweichbewegungen eigener Satelliten
koordinieren. Aktive Gegenmaßnahmen sind nicht vorgesehen.
Zielbild
Einsatzkräfte Heer: Im
Sommer 2022 entschiedene Heeresstruktur zur Umsetzung des Fähigkeitsprofils 2031 mit drei
vollausgestatten Heeresdivisionen - Erfüllung der NATO-Zusage einer schweren
Division schon 2025. -Dabei Differenzierung schwere, mittlere, leichte Kräfte
im Verhältnis 3 : 3 : 2 (schwer: KPz Leopard II, Schützenpanzer Puma,
Panzerhaubitze 2000, Panzerpioniere mittel:
Radpanzer Boxer, radbewegliche Haubitzen und Pioniere, Kampfdrohnen
leicht: Fallschirm- und Gebirgsjäger,
luftbewegliche Feuer- und Pionierunterstützung) - Bildung mittlerer Kräfte
durch Umstrukturierung von zwei schweren Brigaden (21, 41) plus Brigade D/F.
- Verstärkung der Divisions- und
Korpstruppen: Fernmelder, Aufklärung, Pioniere, Artillerie (PH 2000, MARS II),
Logistik und Wiederentstehung Brigadeartillerie (PH 2000, Radhaubitze 155).
Weiterhin Pioniere und Heeresaufklärung
in Bataillonsstärke auf Brigadeebene. -
Kein großer Aufwuchs der Kampftruppen (ca. 30 Bataillone), aber Aufwuchs
bei Kampfunterstützung und Logistik um 15 neue Bataillone (u.a. 5 Artillerie)
und 17 neue Kompanien auf 45 Verbände bzw. 30 Kompanien - neue Flugabwehrkräfte
in Artillerie eingebunden.
Zivilschutz: Vorbereitungen für den
Bevölkerungsschutz im Kriege, der nur dann verfassungsrechtlich eine Aufgabe
des Bundes wird. Diese juristische Trennung wird angesichts der Erfahrungen mit
den jüngsten Katastrophenlagen und den Grauzonen zwischen Krieg und Frieden in
hybriden Lagen immer mehr hinterfragt. Der Zivilschutz im Kriege würde sich de
facto auf die vorhandenen Ressourcen des Katastrophenschutzes der Länder im
Frieden stützen, die aus diesem Grunde auch mit Ausstattungen aus Bundesmitteln
unterstützt werden. Der Bund unterhält Strukturen zur Beratung und
Unterstützung (z.B. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe),
hat im Frieden aber keine Entscheidungskompetenz. Diese verfassungsrechtliche
Trennung geht auf das Bestreben in den Gründungsjahren der Bundesrepublik
zurück, die Zentralmacht zu begrenzen. Ähnliche strukturelle Trennungen gibt es
auch bei den Nachrichtendiensten oder der Kompetenzverteilung zwischen Militär
und Bundeswehrverwaltung.
Zivilmilitärische Zusammenarbeit (ZMZ): Abstimmung der Zusammenarbeit der
Streitkräfte mit Behörden und Wirtschaft zur gegenseitigen Unterstützung in der
Heimat. In den Auslandseinsätzen in Bürgerkriegsgebieten ist ZMZ ein wichtiges
Element für den Wiederaufbau.
Persönliche Nachbemerkung
Ich stehe
beruflich in keiner Beziehung zur Bundeswehr, habe 1972/73 als Wehrpflichtiger
gedient und bin seit 1982 aktives Mitglied im Reservistenverband und dort in
der militärischen Förderung und sicherheitspolitischen Arbeit, mit
fortgeschrittenem Alter nur noch im letzten Bereich, tätig. Parallel dazu habe ich mich intensiv mit der
Organisationsgeschichte der Bundeswehr und ihrer Partner befasst. Natürlich
verfolge ich auch die aktuelle Fortentwicklung der Bundeswehr und NATO. Neben
den umfassenden medialen Möglichkeiten nehme ich regelmäßig an
sicherheitspolitischen Informationsveranstaltungen teil und organisiere
dergleichen auch selber im Rahmen des Reservistenverbandes. Ich fühle mich
keiner Interessengruppe (Partei, Truppe, Reserveoffiziere, Wissenschaft,
Industrie etc.) verpflichtet und möchte die Rolle eines unabhängigen Beobachters
einnehmen.
Eine kritische
Grundhaltung gegenüber den politischen Akteuren ergibt sich aus dem in den
vergangenen Jahrzehnten gezeigten Desinteresse an einer funktionierenden
Verteidigungsfähigkeit und fehlendem Verständnis für die immer noch große
Bedeutung militärischer Stärke im weltpolitischen Kräftespiel und der
strategischen Fernwirkung militärischer Fähigkeiten für die Friedenerhaltung,
ohne dass diese zum Einsatz kommen müssen. Die politische, gesellschaftliche und
mediale Landschaft in Deutschland unterscheidet sich hier in der Wahrnehmung von
Sicherheitsfragen auch von den Partnern im Westen und verliert durch die
Fokussierung auf Umwelt, soziale Fürsorge und Pandemie die Balance bei der
Wahrnehmung eigener Interessen und Zukunftsgestaltung. Die Sorge um den Frieden
bleibt ebenso in unserer Verantwortung wie der Klimawandel. Gelegentlich kritische Untertöne im Text
ergeben sich aus der Sorge wegen dieser allgemeinen Vergessenheit, die
Deutschland zum schwächsten Glied westlicher Bündnissolidarität gemacht haben.
Auf
Quellennachweise in einem wissenschaftlichen Apparat wird verzichtet, da es
sich nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handelt. Die Angaben stützen sich
auf jahrzehntelange Recherchen, festgehalten in einem Notizarchiv. Alle Fotos
und Grafiken stammen von mir! Einige Standfotos aus eigenen Videoaufnahmen sind
etwas unscharf, wurden aber wegen der Authentizität ausgewählt. Vor allem die
Aussagen zur künftigen Entwicklung der Bundeswehr erfolgen ohne Gewähr, da sie verschiedenen
Einflussgrößen der Politik unterliegen und Aussagen dazu auch nicht immer
einheitlich sind. Der russische Angriff auf die Ukraine hatte im
Februar 2022 eine ganz neue Lage geschaffen. Es
werden von mir auch häufig noch verständliche militärische Termini der alten
Bundeswehr genutzt, da die zahlreichen sprachlichen Neuschöpfungen der letzten
beiden Jahrzehnte nicht immer zur Verständlichkeit beitragen, eine
Distanzierung von der militärischen Wirklichkeit signalisieren und oft das
Phänomen Krieg verschleiern. Die persönliche Bewertung von Frieden als höchstem
Gut, das es zu bewahren gilt, bleibt davon unberührt.
Jürgen Dreifke, Überarbeitung Juli 2024
Beauftragter sicherheitspolitische Arbeit VdRBw - Bezirksgruppe
Münster
www.bw-duelmen.de
www.bahnjdbund.de
Kontakt: xd300@hotmail.de
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